Fahrzeuge bekommen ETCS eingebaut

Digitaler Knoten: So läuft der Umbau der S21-Züge in den Schweizer Alpen

Im Schnitt alle vier Tage kommt eine neue S-Bahn im kleinen Ort Villeneuve am Genfer See an. Im Werk von Alstom werden diese zusammen mit den Regionalbahnen für S21 vorbereitet.

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Von Autor/in Frieder Kümmerer

Während in Stuttgart alle Fahrgäste unter den Baustellen, Zugausfällen und Sperrungen zu Stuttgart 21 leiden, wird weit weg in der französischsprachigen Schweiz ein wichtiger Teil zur Digitalisierung der Bahn in Baden-Württemberg beigetragen. Über 60 S-Bahn-Züge und nochmal um die 100 Regionalbahnen aus Stuttgart und Baden-Württemberg werden deswegen seit Monaten nacheinander zu einem Werk der Firma Alstom in den kleinen Ort Villeneuve an den Genfer See gebracht.

In Villeneuve wird die neue digitale Zugsicherungstechnik ETCS (European Train Control System) eingebaut. Das ist aufwendig, mehrere Kilometer Kabel müssen dafür neu in den Zügen verlegt werden. Denn beim Großprojekt wird erstmals ein ganzer Bahnknoten rein digital gesteuert. Dafür müssen nicht nur die Strecken und Stellwerke neu gebaut werden, sondern alle Züge, die zukünftig durch Stuttgart fahren sollen, müssen mit der neuen Technik ausgerüstet sein. Die S-Bahnen erhalten bei der Umrüstung direkt noch eine neue Inneneinrichtung.

Alle vier Tage eine S-Bahn: ETCS-Umrüstungen wie am Fließband

In einer der Werkshallen stehen zwei Stuttgarter S-Bahnen. Schaut man ins Innere wird klar: Der ganze Zug wird einmal auseinander genommen. Christoph Tietz, der Standortleiter von Alstom in Villeneuve, blickt mit einem gewissen Stolz auf die Fahrzeuge: "Sie müssen sich das so vorstellen: Alle vier Tage kommt eine neue S-Bahn nach Villeneuve." Die Züge würden aus Stuttgart und Baden-Württemberg hergebracht. Dann werde alles ausgebaut und Stück für Stück die gesamte neue Technik wieder eingebaut. Fünf Wochen dauert das bei einer S-Bahn. Die Projektdirektorin Valérie Fiegenwald sagt, vor allem die Verkabelung nehme viel Zeit in Anspruch: "Wir verlegen hier über 12 Kilometer Kabel in einem Zug."

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Ein Blick in den Führerstand, wo der Lokführer den Zug steuert, zeigt: Der Führerstand ist als solcher gerade gar nicht mehr zu erkennen. Überall hängen Kabel raus, Schalter liegen bereit zum Einbauen, das Fahrpult selbst ist hochgeklappt, man blickt in ein Wirrwarr aus Steckern, Verbindern und Anschlüssen. "Das ist das Herzstück, hier kommt alles zusammen", sagt Valérie Fiegenwald. Der Lokführer soll am Ende kaum merken, dass hier umgebaut wurde. "Die neuen Displays wird er sehen." Das sind neue Monitore im Führerstand, über die der Lokführer zukünftig die Anweisungen erhalten wird, wann er wie schnell fahren darf und wann er anhalten muss.

Der Führerstand der Stuttgarter S-Bahn ist beim Umbau nicht wiederzuerkennen.
Der Führerstand der Stuttgarter S-Bahn ist beim Umbau nicht wiederzuerkennen.

Nach der Umrüstung geht es aufs Testgleis

Ist ein Zug fertig umgerüstet, müssen alle Systeme durchgetestet werden. Dafür kommt das Fahrzeug auf ein Testgleis neben den Werkshallen. Auf rund 500 Metern kann der Zug geprüft werden. "Natürlich weiß man nie, was kommt, deswegen machen wir den Test", sagt Christoph Tietz. "Würde alles immer glattlaufen, dann bräuchte man eben keine Tests zu machen." Erst nach erfolgreicher Testfahrt kann der Zug wieder an die Deutsche Bahn übergeben und zurück nach Stuttgart transportiert werden.

Eine fertig umgerüstete Stuttgarter S-Bahn steht bereit für die Testfahrt bei Villeneuve in den Schweizer Alpen.
Eine fertig umgerüstete Stuttgarter S-Bahn steht bereit für die Testfahrt bei Villeneuve in den Schweizer Alpen.

Etwa 30 S-Bahnen habe man laut Tietz inzwischen umgerüstet. Insgesamt 60 S-Bahnen werden am Standort Villeneuve überarbeitet. Dazu kämen nochmal etwa 100 Regionalzüge, bei denen man mit den ersten Zügen jetzt "in der Vorserie" fertig sei und man nun in die serielle Umrüstung starten könne. Ob man in Villeneuve mitbekomme, was für Ärger und Leiden die Fahrgäste in Stuttgart wegen der Digitalisierung auf sich nehmen müssen? "Das bekommen wir natürlich in der Presse mit", sagt Tietz. "Aber hier konzentrieren wir uns darauf, was unser Job ist. Liefern in Qualität und pünktlich. Und das ist sozusagen unsere Kernaufgabe."

Auch in Deutschland werden Züge umgerüstet

Doch nicht nur in Villeneuve werden Züge umgerüstet, schließlich gibt es in Stuttgart über 200 S-Bahn-Züge. "Wir haben noch einen Standort in Hennigsdorf bei Berlin", erklärt Hubertus Wester-Ebbinghaus. Als Business Development Manager für Signaltechnik ist er bei Alstom für die gesamte Umrüstung über alle Standorte hinweg zuständig. "Ein Teil der S-Bahn-Fahrzeuge wird auch von der Deutschen Bahn selbst in ihrer Instandhaltung umgerüstet", sagt Wester-Ebbinghaus.

Valérie Fiegenwald, Christoph Tietz und Hubertus Wester-Ebbinghaus bilden das Experten-Team für die Umrüstung der Stuttgarter Fahrzeuge.
Valérie Fiegenwald, Christoph Tietz und Hubertus Wester-Ebbinghaus bilden das Experten-Team für die Umrüstung der Stuttgarter Fahrzeuge.

Alstom: ETCS in Stuttgart erst der Anfang

Die Digitalisierung in Stuttgart sieht Wester-Ebbinghaus erst als Anfang der Digitalisierung der Bahn in Deutschland. "Das ist natürlich ein Pilotprojekt. Und das ist eine Blaupause für den Rollout in ganz Deutschland von ETCS." Außerdem würde man ETCS nicht nur als digitale Signaltechnik benutzen, man wolle auf ETCS weitere Systeme aufbauen. "Wir nutzen ETCS als Grundlage für weitere Technologien, wie zum Beispiel das automatisierte Fahren."

Wenn jetzt sich auch andere Knoten wie Frankfurt, Köln, München dafür entscheiden, digitalisieren zu wollen, in einer Art und Weise, wie es Stuttgart macht, sind wir als Alstom darauf vorbereitet.

Immer wieder Ärger mit der Digitalisierung

Die Digitalisierung des Bahnnetzes sorgt immer wieder für Auseinandersetzungen. Bei der Eröffnung der Neubaustrecke zwischen Wendlingen und Ulm fiel zu Beginn das System teilweise aus. Bei Stuttgart 21 war lange nicht klar, ob die sogenannte finale dritte Ausbaustufe des digitalen Knotens (also die Digitalisierung nicht nur im Kern von Stuttgart 21, sondern in der gesamten Region) umgesetzt werden kann. Das scheint inzwischen aber gesichert.

Bei der Pressekonferenz der S21-Projektpartner am Freitag erklärte Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne), dass bei der Auslieferung der neuen Nahverkehrsdoppelstockzüge nicht pünktlich sei. "Mein Haus ist permanent da hinterher, dass das alles klappt." Die Umrüstung der Fahrzeuge sei aber aktuell noch im Zeitplan. Darüber hinaus wurden zahlreiche Digitalisierungsprojekte der Bahn, die auf Stuttgart 21 folgen sollten, gestoppt. Darunter die Ausrüstung der Strecken mit ETCS bei der Generalsanierung, wie zwischen Hamburg und Berlin. Dort wird erneut die bisherige Zugsicherungstechnik eingebaut.

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