Auswirkungen der Stuttgart-21-Baustelle

Gäubahn: Pendler zwischen Verspätungen, Stress und Panik

Stuttgart 21 bringe langfristig Vorteile, heißt es - Pendler aus dem ländlichen Raum erleben aber erst mal längere Fahrten, Umwege und Einschränkungen.

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Stand

Ein Dienstagmorgen, Bahnhof Herrenberg: Eva Lang startet ihre Reise nach Stuttgart - vier Mal pro Woche pendelt sie mit der Bahn. Doch Pünktlichkeit ist für sie inzwischen eher Ausnahme als Regel. Schon gestern sei ihr Zug ausgefallen, erzählt sie, während sie routiniert in zwei Bahn-Apps checkt, wann der Zug denn heute kommt.

Lang fährt auf der Gäubahn - jener wichtigen Bahnverbindung, die bald für voraussichtlich fünf Jahre unterbrochen wird. "Ich finde das unmöglich", sagt die 53-Jährige. "Das wird Menschen vom Bahnfahren abschrecken." Die Strecke, die Pendler vom Bodensee und der Schweiz direkt nach Stuttgart bringt, endet dann vorerst in Stuttgart-Vaihingen. Das bedeutet: umsteigen in die S-Bahn und längere Fahrzeiten.

Pendler: Jede Bahnfahrt ist eine Zumutung

Für Eva Lang ist die S-Bahn dann die einzige direkte Verbindung von Herrenberg zum Hauptbahnhof. Doch auch auf dieser Strecke wird es noch Baustellen geben. Der fast tägliche Pendelstress ist für Lang aber jetzt schon Realität. "Pünktlich durchkommen ist selten. Im Februar gab es eine ganze Woche, da hat die S-Bahn fast gar nicht funktioniert." Baustellen und eine einspurig befahrbare Strecke hätten für Verspätungen und Ausfälle gesorgt. In einer Chatgruppe tauscht sie sich mit anderen Pendlern aus. Ein Protokoll des Pendler-Alltags: Dort heißt es von anderen: "Mittlerweile ist jede Fahrt eine Zumutung." "Kann keinem mehr empfehlen, Bahn zu fahren." Oder "Die Leute um mich herum kotzen ab."

Pendlerin Eva Lang fährt viermal pro Woche mit ihrem Rad von Herrenberg nach Stuttgart mit der Bahn.
Das Bahnnetz rund um Stuttgart wird sich in den nächsten Monaten verändern, damit der neue Tiefbahnhof angeschlossen und digitalisiert werden kann.

Kurz vor dem Stuttgarter Hauptbahnhof bleibt Eva Langs Zug plötzlich stehen. Für sie nichts Ungewöhnliches beim jetzigen Kopfbahnhof. Das Problem soll laut Bahn Stuttgart 21 lösen: Künftig soll der neue tiefergelegte Bahnhof verhindern, dass sich Züge bei Ankunft im Bahnhof gegenseitig blockieren und warten müssen. Doch bis es so weit ist - nach aktuellem Stand ist nun eine Teileröffnung im Dezember 2026 mit parallelem Betrieb des bisherigen Bahnhofs bis 2027 geplant -, kommt Eva Lang regelmäßig zu spät zur Arbeit. Heute sind es zwar nur fünf Minuten. Sie befürchtet aber, dass sich die Situation in Zukunft verschlimmern könnte.

Verkehrsminister: Teuerstes Projekt des Jahrhunderts

Auch Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) hält Stuttgart 21 nach wie vor für eine Fehlentscheidung. "Es gibt kein teureres Projekt in diesem Jahrhundert, es gibt kein umstritteneres und keines, das so lange gedauert hat", sagte Hermann am Donnerstagabend in der SWR-Sendung "Zur Sache! Baden-Württemberg". Statt alle Schienen unter die Erde zu legen, hätte ein Kombibahnhof viel Geld erspart, so der Verkehrsminister.  Die ursprünglichen Kosten waren vor 30 Jahren mit 2,5 Milliarden Euro angesetzt. Aktuell ist von 11,5 Milliarden Euro Baukosten die Rede. Insider sagen: Wahrscheinlich wird es noch teurer.

Berthold Huber, Bahn-Infrastruktur-Vorstand, wies Hermanns Kritik zuletzt zurück: "Es ist ein in jeder Hinsicht sinnvolles Projekt, das zur Verkehrswende beiträgt", sagte er im SWR. Huber räumte jedoch ein, dass den Menschen während der Bauzeit viel abverlangt werde. Vergangene Woche hatte die Deutsche Bahn bekanntgegeben, dass der Tiefbahnhof Ende 2026 eröffnet werden soll, aber dass Teile des Megaprojekts erst im Juli 2027 in Betrieb gehen sollen. Das hat Folgen. Nicht nur in Stuttgart, sondern auch für Pendler aus dem Umland oder Bahnreisende aus der Schweiz.

Um das Großprojekt Stuttgart 21 Stück für Stück ans bestehende Bahnnetz anzuschließen und den aktuellen Kopfbahnhof zu ersetzen, müssen die anderen Bahnstrecken in und um Stuttgart umgebaut und digitalisiert werden. So auch die S-Bahn-Stammstrecke, die in diesem Sommer zum fünften Mal mehrere Wochen gesperrt wird.

Bald Bahnchaos in Vaihingen?

Der Bahnhof in Vaihingen, an dem Gäubahn-Pendler bald umsteigen müssten, sei für so viele Reisende aber nicht ausgelegt, sagt Lang. Umsteigen sei schon jetzt eine Herausforderung, wenn mal wieder irgendwo eine Baustelle sei. Denn dann, beschreibt sie, herrsche hier viel Gedränge und Aufzüge seien auch knapp. Lang sorgt sich, wie der Vaihinger Bahnhof dem Andrang gerecht werden soll. Hier gebe es nur eine schmale Unterführung, die in solchen Fällen schon heute überfüllt sei. "Ich habe Menschen beobachtet, die über Gleise geklettert sind", erzählt Lang. "Ich hatte Situationen, in denen ich Angst hatte, ob da eine Massenpanik entsteht." Eine Option für sie: In Herrenberg in die S-Bahn einsteigen. Die Fahrt nach Stuttgart würde dann aber länger dauern.

Eva Lang steht des Öfteren wartend am Bahnsteig in Herrenberg.

Ich hatte Angst, ob da eine Massenpanik entsteht.

Bis zur Eröffnung des Tiefbahnhofs Ende 2026 und darüber hinaus wird weiterhin in der Region Stuttgart gebaut, mit weiteren Einschränkungen auf S-Bahn-Strecken und am Bad Cannstatter Bahnhof. Für Pendlerinnen und Pendler bedeutet das weitere Unannehmlichkeiten. Trotzdem gibt es Hoffnung auf spätere Erleichterungen: Sobald Stuttgart 21 komplett fertig ist, verspricht die Bahn Fahrzeitverkürzungen. Etwa vom Stuttgarter Hauptbahnhof zum Flughafen in 6 Minuten - statt bislang 27. Auch die Fahrtzeiten von Heilbronn zum Flughafen soll auf 48 Minuten schrumpfen. Von Stuttgart nach Ulm soll es künftig in 28 Minuten gehen. Doch das Warten auf diese Verbesserungen könnte für Pendler wie Eva Lang mühsam werden.

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