Die neue Bahnchefin Evelyn Palla muss sich am Montag gegenüber den Projektpartnern für die erneuten Verzögerungen bei Stuttgart 21 erklären. Die Digitalisierung des neuen Bahnknotens in Stuttgart und die damit verbundene Arbeit der Herstellerfirma Hitachi sollen der Hauptgrund für die Verzögerungen sein. Dass die Digitalisierung der Bahn in Deutschland zu großen Problemen führt, gilt weitestgehend als unstrittig.
Doch laut SWR-Recherchen gibt es noch weitere Gründe, warum im Projekt viele erleichtert sind, dass die Eröffnung des S21-Tiefbahnhofs erneut abgesagt wurde. Projektmitarbeiter, Bahnexperten und Politiker berichten von zu hoher Arbeitsbelastung und von Arbeiten in der Bahnhofshalle, die nicht fertig werden. Von fehlender stabiler Elektrizität und Problemen beim Betonbau in der Bahnhofshalle ist die Rede.
Insider: "Bahn-Mitarbeitende stehen unter enormen Druck"
Was längst sowohl bei der Bahn als auch bei den Projektpartnern die Runde gemacht hat: Viele Bahnmitarbeitende von Stuttgart 21 beziehungsweise vom Bahnprojekt Stuttgart-Ulm standen in den vergangenen Monaten unter enormen Druck.
Der Druck unter dem wir alle stehen ist enorm!
"Viele sind überlastet", erzählt ein Projektinsider dem SWR und schildert, dass das bei manchen schon gesundheitliche Folgen gehabt habe. Dass bei einigen Mitarbeitern die Belastung zu hoch und nach Einschätzung der Beobachter nicht zumutbar sei, wird sowohl aus den Kreisen der Projektpartner als auch aus Mitarbeiterkreisen des Bahnkonzerns berichtet. "Wir waren daher alle erleichtert, dass der Eröffnungstermin verschoben wurde", heißt es von dem Insider weiter.
Experte: "Digitalisierung muss den Sündenbock spielen"
Auch der Bahnexperte und Bahnberater Hans Leister (Zukunft Schiene) aus Berlin erklärt gegenüber dem SWR: "Die Digitalisierung muss den Sündenbock spielen, aber es sind wohl auch andere Sachen nicht fertig geworden." Das hätte Leister ebenfalls aus Bahnkreisen erfahren. "Die Haustechnik, also die Beleuchtung und technische Anlagen im Gebäude, in den Tunneln und in den Bahnsteigen selbst werden nicht rechtzeitig fertig."
Dem SWR liegen weitere Informationen zu den technischen Anlagen aus der Bahnhofshalle vor. Demnach gibt es auch mit den Brandschutzanlagen - beispielsweise dem Sprinklersystem - und dem elektronischen Durchsagesystemen massive Probleme. "Die Zusammenarbeit mit einer dafür zuständigen Firma wurde bereits beendet", erklärt ein Projektinsider dem SWR. Auch der Bau der Bahnsteige mit dem dort verwendeten Material laufe nicht reibungslos. Dass trotz dieser Probleme der Bahn nun alles auf die Digitalisierung und die Herstellerfirma Hitachi geschoben wird, erklärt sich Hans Leister so: "Wer bei der Digitalisierung der Bahn in Deutschland mitmachen möchte, der hat nur einen Kunden. Und das ist die Bahn. Da kann man sich gegen solche Vorwürfe nur schwer wehren."
Bahnpolitik bestätigt weitere Probleme
"Natürlich gibt es auch hausgemachte Probleme", sagt Matthias Gastel, bahnpolitischer Sprecher der Grünen im Bundestag. Er hat mit seinem Team weitere Anhaltspunkte gesammelt, was einer pünktlichen Inbetriebnahme im Wege stehen könnte. "Es gibt beim Betonbau Verzögerungen, es gibt Verzögerungen bei der Ausstattung und es gibt auch Probleme bei der Versorgung mit Elektrizität."
Auch der Bundestagsabgeordnete Michael Donth, der wie Gastel bahnpolitischer Sprecher ist, allerdings bei der CDU, sagt: "Also ich glaube schon, dass es da das eine oder andere Gewerk noch gibt, wo man noch mehr Druck vielleicht machen muss oder mit höherer Schlagzahl ran muss." Allerdings glaube er nicht, dass die anderen Themen eine Eröffnung im kommenden Jahr wirklich gefährdet hätten. Die Digitalisierung sei seiner Ansicht nach die Hauptursache.
Ähnlich formuliert es auch die Bahn selbst auf SWR-Anfrage: "Andere terminkritische Herausforderungen - die zweifelsfrei auch existieren - hätten nach unserer Einschätzung gestemmt werden können", so die Bahn in einer schriftlichen Stellungnahme. Das geplante Eröffnungsdatum hätte dadurch nicht infrage gestanden. "Die Terminrisiken beim Digitalen Knoten Stuttgart haben sich jedoch in einer so bisher nicht vorhersehbaren Dimension erhärtet."
Stuttgart 21: Wie geht es weiter?
Michael Donth verhehlt nicht, wie es ihm ging, als er von der S21-Verschiebung gehört hat: "Ich war schockiert." Donth selbst sitzt seit kurzem im Aufsichtsrat der DB-Tochter DBInfraGo. "Wie die neue Chefin da rangeht, halte ich für richtig." Sie müsse sich jetzt alles genau anschauen und analysieren, sagt Donth und fordert, dass eine klare Strategie durch alle hierarchischen Ebenen zu Stuttgart 21 umgesetzt werde, die bisher gefehlt habe. Man müsse aber auch klar der Bahnindustrie signalisieren, dass man weiterhin bei allen Herausforderungen und Problemen auf die Digitalisierung setze und an der Digitalisierungsstrategie weiter festhalte.
Matthias Gastel wiederum sagt: "Ich erwarte natürlich, dass die Deutsche Bahn jetzt endlich mal die Karten auf den Tisch legt. Dass sie sagt, was die Probleme sind, aber die Probleme nicht immer auf irgendwelche Firmen schiebt." Die Bahn müsse selbst sagen, was sie besser machen muss und wie sie dabei vorgeht. Daher erwarte Gastel, dass dennoch schnell ein neuer Eröffnungstermin genannt wird. Er erwarte, dass der bisherige alte Kopfbahnhof noch einige Jahre in Betrieb bleibt, weil er schlicht gebraucht werde.
Experte: Die Inbetriebnahme muss klappen
Bahnexperte Hans Leister sagt: "Ich bin gespannt, was man beim weiteren aufräumen jetzt findet." Damit meint Leister die von Palla angekündigte interne Untersuchung bei Stuttgart 21. "Ich halte es durchaus für möglich, dass es mehr als ein Jahr Verspätung gibt." Offensichtlich sei erst sehr kurzfristig klar geworden, dass der Eröffnungstermin wieder nicht eingehalten werden kann. "Es ist die klassische Strategie einer neuen Führung: Die schlechten Nachrichten ganz am Anfang bringen." Dann würden die neuen Nachrichten noch mit den Vorgängern in Verbindung gebracht werden.
Wichtig in dem Zusammenhang sei vor allem, dass die Inbetriebnahme geregelt ablaufe. Man könne es sich bei einem so großen Bahnknoten wie in Stuttgart nicht leisten, dass die Inbetriebnahme ein Desaster wird, erklärt Leister. "Davon hängt der Zugverkehr in ganz Deutschland ab", sagt er. Viele sind sich einig: Neue Aussagen dürften von Evelyn Palla am Montag nicht erwartet werden. Aber wie in den kommenden Monaten mit dem Projekt Stuttgart 21 umgegangen wird, dürfte durchaus spannend bleiben.