Hi, ich bin Philipp Pfäfflin, Redakteur im SWR Studio Stuttgart. Diese Woche wurden die Gleise im künftigen Stuttgarter Tiefbahnhof verlegt. Ebenfalls diese Woche: Der Gerichtsprozess um die Gäubahn. Beides Themen, die Stuttgarts größte Baustelle betreffen. Anlass genug, ein paar Fragen rund um das Bahn-Großprojekt zu klären.
- Punkt 1: Schleichende Eröffnung mit großem Bahnhof?
- Punkt 2: Kopfbahnhof und Tiefbahnhof gleichzeitig?
- Punkt 3: Stuttgart: Haltepunkt statt Hauptbahnhof?
- Punkt 4: Bahn-Witze oder Kampf für die Bahn?
- Punkt 5: Wollen S21-Gegner immer noch oben bleiben?
- Voting: Was haltet ihr von Stuttgart 21?
Punkt 1: Schleichende Eröffnung mit großem Bahnhof?
Ursprünglich sollte S21 2019 in Betrieb gehen. Das hat nicht geklappt. Jetzt aber liegen die Gleise. Heißt das, der Tiefbahnhof kann in Betrieb gehen? Nicht ganz. Nach den Gleisen müssen auch Oberleitungen und Signaltechnik eingebaut werden. Dann aber können die ersten Züge fahren, heißt es bei der Bahn. Noch nicht mit Passagieren, aber immerhin Testzüge.
Ende 2026 soll dann die offizielle Eröffnung sein. Ob es ein Festakt mit großem Bahnhof wird, also mit Bahnchef, Bundeskanzler und S21-Architekt Christoph Ingenhoven, davon ist noch nichts bekannt. Möglicherweise wird es auch eher ein eher schleichender Übergang. Das heißt, erst einmal mit wenigen Zügen und dann schrittweise mehr. Wie sagte es neulich der Heidelberger Bahnexperte und Fahrplananalyst Felix Berschin: Am besten sollte der Tiefbahnhof so schnell wie möglich in Betrieb gehen. Gerne auch mit wenigen Zugpaaren, einfach um Druck vom jetzigen, aus seiner Sicht ziemlich überlasteten Hauptbahnhof zu nehmen.
Punkt 2: Kopfbahnhof und Tiefbahnhof gleichzeitig?
Den Kopfbahnhof weiter nutzen und parallel dazu den Tiefbahnhof bauen und in Betrieb nehmen - stand das nicht am Ende der legendären S21-Schlichtung? Nach der eigentlichen Schlichtung und dem Stresstest machte Schlichter Heiner Geißler im Jahr 2011 den Vorschlag "Frieden in Stuttgart" - mit dem Weiterbetrieb eines "etwas verkleinerten" Kopfbahnhofs. Doch rechtlich verpflichtend war diese "Kompromiss-Lösung zur Befriedung der Auseinandersetzung um Stuttgart 21" nicht. Die S21-Befürworter sahen die Schlichtung als grünes Licht für den Bau des Tiefbahnhofs. Der Rückbau der oberirdischen Gleise war für sie die Voraussetzung für ein neues Stadtviertel, das Rosensteinquartier.
Dass der Kopfbahnhof erhalten bleibt und durch einen Tiefbahnhof ergänzt wird - wie beispielsweise in Zürich - war von der politischen Mehrheit in Stadt, Land und Bund nicht gewollt. Unter anderem eben auch wegen der Pläne für das Rosensteinquartier, die derzeit aus anderen Gründen wackeln.
Pläne aus Berlin betreffen Bahnprojekt Debatte über Eisenbahngesetz und S21: Droht Gefahr für neues Stadtviertel in Stuttgart?
Die Sorge ist groß, dass die alten Gleisflächen im Hauptbahnhof nicht bebaut werden dürfen. Die Politik hat am Montag weiter darüber diskutiert, ob ein Gesetz geändert werden sollte.
Punkt 3: Stuttgart: Haltepunkt statt Hauptbahnhof?
Damit sind wir beim dritten Punkt. Dass der Tiefbahnhof sein Versprechen einlöst und mit 8 Gleisen leistungsfähiger als der bestehende Kopfbahnhof mit 16 Gleisen sein kann, müssen Züge in kurzer Taktfolge in immer gleicher Richtung durchfahren, erklärten zwei Bahnexperten kürzlich bei einer S21-Podiumsdiskussion in Stuttgart. Dabei fiel ein interessantes Wort: "Haltepunkt". Ja, richtig gehört. Der künftige Stuttgarter Tiefbahnhof ist aus ihrer Sicht weniger ein Bahnhof als ein Haltepunkt. Klingt bitter, ist nicht neu und hat auch noch einen anderen Hintergrund, der an dieser Stelle aber nicht nochmals aufgewärmt werden soll.
Zur Einordnung: Natürlich können auch künftig Züge in Stuttgart enden und eingesetzt werden. Doch aufgrund der vergleichsweise wenigen Gleise müssen Züge eben zügig wieder das Gleis für folgende Züge freimachen. Oder Gleise werden doppelt belegt. Das heißt, ein Zug steht am nördlichen, ein zweiter am südlichen Ende - jeweils mit unterschiedlichen Fahrzielen. Von Durchgangsbahnhöfen wie Fulda, Hamburg Hauptbahnhof oder Frankfurt Flughafen Fernbahnhof kennt man das. Mit den großen Kopfbahnhöfen in München, Mailand, Leipzig oder Budapest hat das nichts zu tun.
Punkt 4: Bahn-Witze oder Kampf für die Bahn?
Die Deutsche Bahn hat nur vier Probleme: Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Bahn-Witze wie dieser sind Volkssport. Seit langem. Bei dem ewigen Lästern könnte man meinen, dass alle die Bahn hassen, sie am liebsten abschaffen würden. Ich glaube, es ist genau andersherum. Bei allem Frust über ausfallende, verspätete oder mit weniger Waggons und defekten Türen fahrenden Zügen, bin ich überzeugt, dass die Leute auch lästern und witzeln, weil sie sich nach einer funktionierenden Bahn sehnen.
Beispiel Gäubahn, also diese Intercity-Strecke zwischen Stuttgart und Zürich - eigentlich eine wichtige Zugverbindung mit großem Reisenden- und Pendlerpotential. Doch nächstes Jahr im April soll sie wegen Bauarbeiten abgehängt werden, gekappt in Stuttgart-Vaihingen. Das heißt für die meisten Reisenden: einmal mehr umsteigen mit allen negativen Begleiterscheinungen. Das ist auch der Grund, warum zwei Umweltverbände diese Woche vor Gericht gezogen waren. Ohne Erfolg - das Verwaltungsgericht wies die Klagen ab.
Punkt 5: Wollen S21-Gegner immer noch oben bleiben?
"Oben bleiben" - das war und ist das Motto der S21-Gegnerinnen und Gegner. Also ebenerdiger Kopfbahnhof statt unterirdischem Tiefbahnhof. Ich will wissen, was sie heute denken, jetzt nachdem nicht nur alle Tunnel fertig gebaut, sondern auch in wenigen Monaten die ersten Testzüge im Tiefbahnhof unterwegs sein sollen. Werner Sauerborn vom Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21 ist überzeugt: "Die Kelchstützen mögen noch so schön und die Bahn noch so viele Gleise verlegt haben, der Tiefbahnhof wird vermutlich gar nicht in Vollbetrieb gehen."
Das Brandschutzthema sei weiter ungelöst. Dafür werde ein verantwortungsvolles Eisenbahnbundesamt keine Betriebsgenehmigung geben, so der S21-Gegner. Auch der Schutz vor Starkregenereignissen sei nicht gelöst. Er sagt aber auch: "S21 ist ein Prestige-Thema." Deswegen würden zum offiziellen Start 2026 wohl einige Züge fahren gelassen, aber eben kein Vollbetrieb.
Pfaffensteigtunnel ist eine Fata Morgana.
Derzeit laufe alles auf eine Kombilösung hinaus - also Beibehalt des Kopfbahnhofs samt wenigen Zügen im Tiefbahnhof, so Werner Sauerborn weiter. Dass das Stuttgarter Verwaltungsgericht in dieser Woche anders entschieden hat und die Klage der Umweltverbände für den weiteren Anschluss der Gäubahn an den Kopfbahnhof abgelehnt hat, habe er nicht erwartet und enttäusche ihn, räumt er ein.
Für ihn steht fest: Der Protest gehe weiter - auch bei den wöchentlich stattfindenden Montagsdemonstrationen. Nächste Woche findet die 745. statt. 200 bis 300 Personen würden regelmäßig kommen. Derzeit stehe der Erhalt des Kopfbahnhofs und die weitere Anbindung der Gäubahn im Mittelpunkt des Protestes. Den geplanten Bau des Pfaffensteigtunnels, der ab 2032 die Gäubahn wieder an den Stuttgarter Hauptbahnhof anschließen soll, hält er für klimapolitisch verheerend und eine "Fata Morgana".
Voting: Was ist eure Meinung?
Was haltet ihr von Stuttgart 21?
In der vergangenen Woche wollten wir von euch wissen, welche politischen Themen euch in der Jugend besonders unter den Fingernägeln brannten. Die meisten Stimmen (41,4 Prozent) bekam die Antwort: "Politik?! Ich habe meine Jugend zum Glück auch ohne Politik genossen."
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