In Stuttgart produziert jeder Mensch nach Angaben der Stadtverwaltung nicht nur durchschnittlich rund 165 Kilogramm Restabfall im Jahr. Einige Bewohner sorgen zusätzlich auch für Tonnen an illegal entsorgtem Müll in der Öffentlichkeit. Viel zu viel findet die Stadt. Deswegen sollen ab dem Sommer sogenannte Müll-Sheriffs auf Streife gehen und zusätzliche Reinigungstrupps wilden Müll beseitigen. Außerdem sollen Fassaden von Schmutz und Graffiti gereinigt werden.
2,5 Millionen Euro sind dafür im neuen Doppelhaushalt jeweils für dieses und nächstes Jahr von der Stadt Stuttgart eingeplant - viel Geld in Zeiten knapper Kassen und in diesem Spar-Haushalt. Offenbar ist das Problem aber so groß, dass es im Gemeinderat im Dezember dazu keine große Diskussion gab.
2,5 Millionen Euro pro Jahr Gegen illegale Müllberge: Wie Stuttgart mit Müll-Sheriffs sauberer werden will
Stuttgart soll sauberer werden. Dafür gibt es trotz klammer Stadtkasse nun Geld. Bald sollen Müll-Sheriffs auf Streife gehen und für ihre Arbeit auch mal Müllsäcke auseinandernehmen.
Klett-Passage in Stuttgart wird fast 24/7 geputzt
Auch Mitarbeitende der Abfallwirtschaft Stuttgart (AWS) finden, dass die Stadt ein Problem mit illegal entsorgtem Müll hat. Und achtlos weggeworfener Abfall sei ein Problem in der Landeshauptstadt, finden Straßenreiniger Christos Kaisas und sein Chef Lincoln Brown Abakisi von der Straßenreinigung Stuttgart-Mitte. Denn durch wilden Müll überall kämen sie ihren eigentlichen Aufgaben kaum mehr nach. Ihre eigentlichen Aufgaben, das sind die reguläre Reinigung und der Winterdienst. Zum Bezirk gehört auch die Klett-Passage unter dem Hauptbahnhof - ein Schmutz- und Müll-Hotspot. Die Straßenreinigung Mitte putzt hier von Montag bis Sonntag fast rund um die Uhr. Deswegen würden Müll-Sheriffs und zusätzliche Reinigungstrupps sie tatsächlich entlasten, sagen Kaisas und Brown Abakisi.
Manchmal müssen wir unsere eigentliche Arbeit liegen lassen, weil wir wilden Müll beseitigen.
"Denn dann haben wir noch mehr Leute, die den wilden Müll beseitigen. Und wir können unsere normale Arbeit machen", sagt Betriebsstellenleiter Brown Abakisi. Denn manchmal müssten sie ihre eigentlichen Aufgaben im Bezirk liegen lassen, weil sie schon allein damit vollends beschäftigt sind, wilden Müll zu beseitigen.
Präventiv Gespräche führen und Müllsünder ermitteln
Durch die zusätzlichen Kräfte für die Abfallwirtschaft Stuttgart werde damit umgesetzt, was Metropolen wie Berlin und Hamburg, aber auch Mannheim, Pforzheim und Heilbronn im Land schon vorgemacht haben. "Die 2,5 Millionen Euro pro Jahr sind gut investiertes Geld, weil wir damit einen komplett neuen Bereich aufmachen", erklärt Markus Töpfer, Geschäftsführer der AWS. Damit "versuchen wir erstens, präventiv zu arbeiten, mit den Leuten direkt ins Gespräch zu kommen, zweitens aber auch, Verursacher von Müll zu ermitteln."
Denn das blieb seither meistens auf der Strecke, weil dazu schlicht Personal, Zeit und Geld fehlten. In den seltensten Fällen, in denen Bürgerinnen und Bürger illegale Müllentsorgung melden, kann auch der Verursacher oder die Verursacherin ermittelt werden. Die Lokalpolitikerinnen und -politiker erhoffen sich außerdem, dass mehr Präsenz und Kontrollen vor Ort eine abschreckende Wirkung haben oder zumindest dafür sensibilisieren, dass nicht überall einfach sorglos entsorgt wird.
Mehr Sauberkeit ja, aber Kritik am Einsatz von Müll-Sheriffs
Obwohl es im Gemeinderat einen Konsens über die zusätzlichen 5 Millionen Euro für die Stadtreinigung gegeben hat, ist nicht jeder damit einverstanden, wie das Geld eingesetzt werden soll. "Stuttgart könnte sauberer sein, braucht aber definitiv keinen Müll-Sheriff", kritisiert Linke-Stadträtin Aynur Karlikli von der Fraktionsgemeinschaft Linke/SÖS/Plus. "Wir brauchen keine Überwachung, sondern eine Bevölkerung, die über die Müllproblematik gut aufgeklärt ist." Sie findet, es müsse viel mehr auf Diskussionsveranstaltungen und Beratung gesetzt werden.
Mehr Geld für Stadtreinigung auszugeben, finde ihre Fraktion grundsätzlich in Ordnung. Aber das eigentliche Problem sei, so Karlikli, wie man qualifiziertes Personal findet und dauerhaft einsetzen kann. Durch die ebenfalls im Haushalt beschlossenen Kürzungen für die städtischen Beschäftigten werde die Arbeit in und für Stuttgart nicht gerade attraktiver.
OB Nopper: "Wo viel Müll liegt, kommt schnell mehr dazu"
Dem Stuttgarter Oberbürgermeister Frank Nopper (CDU) wiederum reichen gutes Zureden und Appelle an die Vernunft der Bevölkerung nicht, vor allem nicht angesichts solcher Hotspots wie der Klett-Passage am Hauptbahnhof. "In Teilbereichen hat Stuttgart ein heftiges Müllproblem. Wir kriegen immer wieder Hinweise und Beschwerden aus der Bevölkerung und können leider nicht zeitnah reagieren." Oft käme dann an einem Hotspot noch mehr Müll dazu, wenn erst einmal irgendwo etwas länger liegt. Deswegen brauche es die Müll-Sheriffs, weil man "diesen Menschen auch entsprechend begegnen muss". Und er sehe selbst die Probleme mit wildem Müll, wenn er in der Stadt unterwegs ist.
Nur zwei Ecken vom Rathaus entfernt in einem Hinterhof wird deutlich, was der Oberbürgermeister meint: Dutzende teils schon aufgerissene Säcke, deren bunter Inhaltsmix unter anderem aus Essensresten besteht und schon Ratten angelockt haben muss, wie an den Spuren zu sehen ist. "Die Müll-Sheriffs würden jetzt untersuchen, ob man den Verursacher von diesen wilden Ablagerungen ausfindig machen kann. Und die mobilen Reinigungstrupps würden diese Ablagerung dann entfernen", so Nopper.