Gleich zu Beginn des neuen Schuljahres fallen in Baden-Württemberg vielerorts wieder Lehrkräfte aus und müssen vertreten werden. Das ist am Albert-Schweitzer-Gymnasium in Gundelfingen (Kreis Breisgau-Hochschwarzwald) nicht anders. Dort nutzt man aber seit kurzem eine App, die hilft, die wenig geliebten Vertretungsstunden spannender zu gestalten.
"Life Teach Us" heißt sie und ist gekoppelt an eine bundesweite Experten-Datei. Mit ihr können Lehrerinnen und Lehrer bequem und schnell Menschen in den Unterricht holen, die aus ihrem beruflichen Alltag erzählen. Sie kommen mal persönlich, mal per Video in die Klasse.
Rettungshunde und KI-Projekt: Schüler hören gespannt zu
Die 10a hat heute Gudrun Töpfer zu Gast. Die IT-Unternehmerin blickt von der digitalen Schultafel in die Klasse. Zuerst berichtet sie von ihrem ehrenamtlichen Job in einer Rettungshundestaffel. "Wollt ihr wissen, wie ich meinen Hund trainiert habe, Leichen im Wasser aufzuspüren?" Die Schüler wollen. Und sie lauschen gespannt - sowas hört man nicht alle Tage.
Auch das zweite Thema von Gudrun Töpfer trifft einen Nerv. Sie will ein KI-Tool entwickeln, mit dem Firmen das Wissen ihrer scheidenden Mitarbeiter sichern können. Eine Schülerin wirft ein, ihre Oma sei sehr skeptisch gegenüber Künstlicher Intelligenz und würde dabei wohl nicht mitmachen. Eine andere will wissen, ob das Werkzeug für jeden zugänglich sein werde. So geht die Online-Stunde schnell herum.
"Life Teacher" für nahezu jedes Unterrichtsthema
"Ich find' es spannend, dass man was darüber erfährt, was andere Leute machen, dass man vielleicht auch inspiriert wird, was man später mal machen will", sagt Zehntklässler Levi. Und Mitschülerin Isabelle staunt, dass man "einfach so" ein Unternehmen gründen kann.
Dann macht man nicht immer dasselbe in Vertretungsstunden, sondern hat ein bisschen Abwechslung. Das ist ein cooles Konzept.
Auch Lehrerin Simone Staritz ist zufrieden. Sie hat das Projekt "Life Teach Us" an die Schule geholt und bucht regelmäßig Expertinnen und Experten für ihren Unterricht. "Ich kann es als Vertretungsstunde buchen, auch relativ kurzfristig, oft ist schon nach wenigen Minuten eine Zusage da", berichtet sie. "Aber ich kann es auch für meinen normalen Unterricht nutzen." Staritz unterrichtet Wirtschaft, Berufs- und Studienorientierung (WBS) - da passt die kommunikative Gründerin Gudrun Töpfer perfekt in den Lehrplan.
Ehrenamtliches und gemeinnütziges Bildungsprojekt
Töpfer ist eine von mittlerweile rund 12.000 "Life Teachern", also Experten in ganz Deutschland, die Spaß daran haben, in der Schule von ihren beruflichen Erfahrungen zu berichten.
Sie sitzt ohnehin viel am heimischen Rechner, da kann sie so eine 45-minütigen Schulstunde oft gut in ihren Arbeitstag schieben. Ob die Klasse dann in Hamburg sitzt oder in Freiburg, ist dabei egal. Wenn sie kann, kommt sie aber auch persönlich in die Schule.
Berufserfahrung, Praxis- und Alltagswissen an die Schulen zu bringen ist das Ziel des Life-Teach-Us-Projekts. Wer sich ehrenamtlich als Life-Teacher zur Verfügung stellen will, wird mit Workshops vorbereitet und dann in den Experten-Pool aufgenommen. Die Plattform finanziert sich nach eigenen Angaben allein über Spenden und Zuwendungen.
Schon bei meinen eigenen Kindern habe ich gedacht: Wie schön es doch wäre, wenn Ausfallzeiten oder Zeiten, die in der Schule nicht so produktiv genutzt werden, wenn man da spannendes Wissen in die Schule bringen könnte.
Experten können Lehrer nicht ersetzen
Das Gundelfinger Albert-Schweitzer-Gymnasium ist eine von 15 Schulen in Baden-Württemberg, die das Angebot nutzen. Rund 1.000 Expertinnen und Experten gibt es bislang im Ländle.
Simone Staritz hofft, dass das Projekt weiter Schule macht. Ersetzen können die Alltagsexperten sie als Lehrerin zwar nicht. Auch in Vertretungsstunden muss Staritz mit dabei sein. Aber ihr Unterricht werde durch die authentischen Einblicke auf jeden Fall bereichert, ist sie sicher.