An der Carl-Heinrich-Rösch-Schule in Tiengen (Kreis Waldshut) findet seit dem neuen Schuljahr nur noch einmal in der Woche Nachmittagsunterricht statt. Denn die Förderschule für Kinder und Jugendliche mit einer geistigen Behinderung konnte den Unterricht wegen des Lehrermangels nicht mehr gewährleisten. Für die Eltern eine hohe Belastung.
Förderung und soziale Kontakte brechen weg
Karym ist 14 Jahre alt und geht gerne zur Schule. Obwohl diese für den Jugendlichen auch manchmal anstrengend sein kann. Den Lernstoff zu bergreifen - für ihn eine tägliche Herausforderung. Bei Karym wurden frühkindlicher Autismus und eine geistige Behinderung festgestellt. Seit diesem Schuljahr fällt der Nachmittagsunterricht montags weg. Dann ist schon um 13 Uhr Schluss.
Eigentlich hatten wir donnerstags und montags immer lang Schule. Das macht mir schon Spaß mit meinen Klassenkameraden.
Dadurch fallen laut seiner Mutter Mary-Lou Gaglio nicht nur soziale Kontakte weg, sondern gerade auch die Förderung. "Rein rechtlich stehen uns in der Woche 36 Unterrichtsstunden zu. Jetzt sind wir bei rund 26", so Gaglio. Freizeitangebote für Kinder und Jugendliche mit einer Behinderung seien im ländlichen Raum rar. Die Eltern seien auf sich alleine gestellt.
Schülerzahlen steigen, Lehrer an Förderschulen bleiben aus
Immer mehr Schülerinnen und Schüler besuchen die sogenannten sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren (SBBZ). Im Land ist die Schülerzahl in den letzten fünf Jahren laut dem Kultusministerium von rund 52.000 auf 56.000 angestiegen. Diese Entwicklung zeigt sich auch in Tiengen.
"Wir haben unsere Schülerzahl in den letzten Jahren mehr als verdoppelt. Fast verdreifacht", sagt Roland Zettel-Kreide. Aber es gebe zu wenige ausgebildete Sonderpädagoginnen und -pädagogen auf dem Markt.
Rund die Hälfte der Lehrkräfte an der Förderschule in Tiengen sind Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger. "Ohne die Quereinsteiger könnten wir den Unterricht gar nicht mehr gewährleisten", sagt Katharina Goller. Dennoch fallen viele Aufgaben einem kleineren Kollegium zu. Denn als Quereinsteigerin oder Quereinsteiger dürfe man nicht jede Aufgabe einer ausgebildeten sonderpädagogischen Lehrkraft übernehmen, erklärt Goller.
Kultusministerium will Förderschulen stärken
Nach der bekannt gewordenen IT-Panne im Juli, bei der 1.440 unbesetzte Lehrstellen entdeckt wurden, sollen nun vor allem die SBBZ gestärkt werden. Eine gute Sache, findet Roland Zettel-Kreide. Bringen würde das seiner Schule aber erstmal nichts.
Stellen sind bei uns jedes Jahr ausgeschrieben, aber ausgebildete Sonderpädagogen melden sich darauf nicht.
Solange Ballungszentren wie Freiburg Stellen ausschreiben, sei der ländliche Raum zu unattraktiv, betont der Schulleiter.
Eltern fühlen sich alleine gelassen
Für Karyms Mutter Mary-Lou Gaglio und weitere Eltern der Carl-Heinrich-Rösch-Schule ist die aktuelle Situation eine hohe Belastung. Sie arbeitet spät abends in der Pflege, damit sie ihre zwei Kinder am Nachmittag betreuen kann.
Es macht einen traurig. Man hat das Gefühl, dass gerade diese Kinder, die eh schon eine Lernschwäche haben, nicht ernst genommen werden.
Sie wünscht sich für ihren Sohn Karym vor allem eins: dass nicht noch mehr Unterricht gestrichen wird. Zuhause könne sie zwar einiges auffangen - doch eine ausgebildete Lehrkraft könne sie nicht ersetzen. Schließlich soll auch Karym auf ein eigenständiges Leben vorbereitet werden, wünscht sich die Mutter - durch die Förderung, die ihm zustehe.
"Life Teacher" am Gymnasium in Gundelfingen Per App in die Schulklasse: Wie Experten Vertretungsstunden aufpeppen
Vertretungsstunden sind oft eher langweilig. Ein Gymnasium in Gundelfingen nutzt die Plattform "Life Teach Us", um den Unterricht mit externen Profis aufzuwerten.