Gegen Stress und Depressionen

Psst: Freiburger Professor erforscht die Macht der Stille

Lärm ist gerade in Städten allgegenwärtig. Für die Gesundheit ist das eine große Belastung. Ein Freiburger Wissenschaftler hat es sich zur Aufgabe gemacht, Stille zu erforschen.

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Von Autor/in Leon Löffler

Sie ist schwer zu finden: die Stille. Dabei brauchen wir sie, denn dauerhafte Lautstärke kann krank machen. Ein Freiburger Professor erforscht die Stille und was sie mit uns Menschen macht.

Eric Pfeifer macht sich auf die Suche nach Stille. Der Freiburger Professor sitzt auf einem Stuhl in der Natur und schweigt für einen Moment. "Es ist vielleicht nicht die Stille", sagt er dann. "Aber eine Stille." Die absolute Ruhe - gibt es nicht.

Ein Mann sitzt auf einem Stuhl
Eric Pfeifer ist Psychotherapeut und Professor an der Katholischen Hochschule Freiburg.

In einer Welt, die von Verkehrslärm, Industrie und digitalen Geräten geprägt ist, sehnen sich viele Menschen nach Stille. Aber nicht alle: Manche fürchten sich vor ihr. "Wenn man in einem Raum ist und gar nichts hört, dann finde ich das fast schon unangenehm", sagt eine junge Frau im Freiburger Stadtgarten.

Ein junger Mann, der nur wenige Meter weiter sitzt, teilt diese Meinung: "Ich glaube, ich vermeide oft die Stille, weil in der Stille Sachen ans Licht kommen, die herausfordern. Ich lenke mich viel ab."

Lärmbelastung hat ernste gesundheitliche Konsequenzen

Dabei ist Stille wichtig für die Gesundheit. Zu viel Lärm kann krank machen. Das bestätigt die Weltgesundheitsorganisation und sieht darin eine große Gefahr für die Gesundheit in Europa. So kann anhaltender Lärm das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen deutlich erhöhen.

Aber auch die Psyche leidet darunter: der Geräuschpegel hat einen Einfluss auf psychische Erkrankungen. Es kommt häufiger zu Depressionen, das Stressniveau nimmt zu. Auch die Konzentration leidet - etwa bei Kindern.

Ein Mann treibt im Wasser
Schwerelos: Ein Proband im Salzbad während der Studie von Eric Pfeifer.

Von solchen gesundheitlichen Auswirkungen sind besonders Menschen betroffen, die in Einflugschneisen oder an Straßen mit viel Verkehr wohnen. Gerade nachts reagiert der Körper negativ auf Geräuschbelastung.

Schwerelos dem Stress entkommen

In der neuesten Studie von Eric Pfeifer treiben die Probanden eine Stunde lang im Wasser. Viele der Teilnehmer finden dabei für eine Weile ihre Stille. Durch 600 Kilogramm Salz schweben sie wie im Toten Meer. Das Ergebnis: Anders als vermutet, kreisen die Gedanken durch die Stille weniger. Die Teilnehmer nehmen keine Langeweile wahr, aber verspüren weniger Stress.

Stille reduziert Stress und die negative Form des Gedankenkreisens. Sie kann dabei helfen, im Hier und Jetzt anzukommen.

Stadtbewohner sind von Lärmbelastung besonders betroffen

Schon wenige Minuten können Körper und Geist helfen, resilienter zu werden. Doch gerade in Großstädten sind ruhige Orte oft Mangelware. Vielmehr ist das Leben dort von Reizen geprägt, die schnell zu viel werden können.

Das Gehirn braucht Momente der Stille, um Reize und Erfahrungen zu verarbeiten. Die Reizüberflutung wird zum Problem. In Städten leiden wohl auch deshalb mehr Menschen an Depressionen als in ländlichen Gebieten. Es ist wohl auch ein soziales Problem: Wer es sich leisten kann, lebt womöglich nicht direkt an einer Hauptstraße - oder kann sich besseren Schallschutz für die eigenen vier Wände leisten.

Die Suche nach Stille als Herausforderung

Eric Pfeifer ist Psychotherapeut und Professor an der Katholischen Hochschule Freiburg. Mit seinen "Stille-Studien" möchte er praktische Lösungen finden. Damit möglichst viele Menschen ihre Stille finden können. Für ihn ist die Suche nach Stille eine Herausforderung.

Ein Mann schaut in den Sonnenuntergang
Stille als Phänomen, das auch für den Wissenschaftler ein Abenteuer bleibt.

Selbst große Konzerne beschäftigen sich mit dem Thema. Pfeifer glaubt, dass Stille der nächste große Trend in der Gesundheitsindustrie werden könnte. Komplett still ist es aber nie. Selbst im leisesten Raum der Welt, dem Labor eines großen Tech-Unternehmens in den USA, hören Menschen etwas: ihren eigenen Herzschlag oder auch das Rauschen ihres Blutes.

So bleibt Stille ein Phänomen, das auch für Eric Pfeifer ein Abenteuer bleibt. Und der Rest - das wusste schon Shakespeare - ist Schweigen.

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Leon Löffler
Leon Löffler
Onlinefassung
Clara Gehrunger

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