Nach dreieinhalb Jahren Geiselhaft im Iran

Traumapsychologe zu Cécile Kohler: Wie kann ihre Rückkehr ins Leben gelingen?

Cécile Kohler ist zurück in Frankreich. Ein Traumatherapeut sagt, sie brauche Normalität. Unterdessen schildert Kohler im französischen Fernsehen unmenschliche Haftbedingungen.

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Von Autor/in Silas Schwab

Die elsässische Lehrerin Cécile Kohler und ihr Partner Jacques Paris sind am 8. April wieder nach Frankreich zurückgekehrt. Davor hat Kohler die "Hölle" erlebt, wie sie selbst sagt. Wegen Spionage waren sie im Iran verurteilt worden und jahrelang in willkürlicher Gefangenschaft gewesen. Dem französischen Fernsehsender "France 2" sagte sie nach ihrer Rückkehr: "Alles ist in Ordnung, wir sind in ausgezeichneter geistiger und körperlicher Verfassung".

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Traumapsychologe: Gefangenschaft ist ein Schockzustand

Jan Ilhan Kizilhan forscht seit vielen Jahren zu Erfahrungen, wie sie Cécile Kohler gemacht hat. Eine Gefangenschaft unter den Bedingungen, wie sie im Iran herrschen, sei für Menschen ein Schockzustand. Körper und Psyche seien darauf nicht vorbereitet, sagt er. Deshalb seien die langfristigen Folgen auch enorm.

Man bekommt das Gefühl: Ich könnte auch sterben.

Kizilhan ist Leiter des Instituts für Transkulturelle Gesundheitsforschung an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg in Stuttgart. Er arbeitet viel mit Menschen in Kriegsgebieten, Opfer von Terror und Gewalt. Er erzählt: Nach der Rückkehr brauche man häufig Wochen, um zu verstehen, dass man wieder in Sicherheit sei.

Das könnte laut dem Experten jetzt auch bei Kohler und ihrem Partner der Fall sein. Wichtig sei in solchen Fällen eine psychotherapeutische Begleitung. Sonst drohe eine posttraumatische Belastungsstörung. Das Gehirn verarbeite dabei das Erlebte und könnte chronische Störungen wie beispielsweise eine Depression auslösen, erklärt Kizilhan.

Angehörige und Nachbarn sollten sich nach Trauma möglichst normal verhalten

Um Cécile Kohler aus dem Elsass und ihrem Partner Jacques Paris die Rückkehr zu erleichtern, rät Kizilhan, dass sich das Umfeld möglichst normal verhält. "Das Schlimmste, was man machen kann, ist Mitleid zu entwickeln", sagt er. Beide seien Kämpfer und man sollte ihre Leistung würdigen. Aber gleichzeitig sollten Kohler und ihr Partner auch schnell wieder in den Alltag integriert werden. "Man sollte das Thema nicht dauernd auf die Tagesordnung holen", so der erfahrene Traumatherapeut.

Cecile Kohler
Jahrelang hatten die Elsässer die Freilassung von Cécile Kohler gefordert.

Cécile Kohler schildert unmenschliche Haftbedingungen

Nach einer ersten medizinischen Untersuchung und der Begrüßung durch den französischen Präsidenten Emmanuel Macron ist Kohler gemeinsam mit ihrem Partner am Montag im französischen Fernsehen aufgetreten. Die 41-Jährige sagte dort: "Es ist eine immense Erleichterung und eine immense Freude." Fast vier Jahre lang habe sie von diesem Moment geträumt.

Es war ein Prozess der totalen Entmenschlichung. Sie wollten uns brechen.

Cécile Kohler und Jacques Paris schilderten bei "France 2" unmenschliche Bedingungen. Zu Beginn seien sie beide mehrere Monate in jeweils völliger Isolation und komplett leeren Zellen gefangen gewesen. Der "Zustand der maximalen Ungewissheit" habe zu Schlaflosigkeit geführt. Immer wieder seien die beiden bedroht worden, etwa mit einer möglichen Todesstrafe. Mit am schlimmsten sei es gewesen, als sie zu Geständnissen über angebliche Straftaten vor Fernsehkameras gezwungen wurden: "Ein schrecklicher Moment."

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Öffentliche Präsenz kein Heilmittel: Mediale Aufmerksamkeit nimmt ab

Laut Traumatherapeut Kizilhan kann darüber zu reden dabei helfen, das Gelebte zu verarbeiten. "Wir Experten warnen aber, dass man nicht zu stark in den Medien präsent sein sollte", sagt Kizilhan. Die dadurch empfundene Zuwendung und Aufmerksamkeit falle irgendwann weg. Das daraus entstehende Vakuum könne den Betroffenen schaden.

Präsenz in der Öffentlichkeit sei kein Heilmittel. "Was passiert, wenn ich alleine nachts im Bett liege und dann kommen die Erinnerungen?" Das seien die wichtigen Fragen, mit denen sich traumatisierte Menschen beschäftigen müssten. Dafür brauche es Techniken und Therapie, sagt Traumapsychologe Kizilhan.

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