Telemedizin in BW

Müssen wir in Zukunft noch in die Arztpraxis?

Immer weniger Ärzte in einer älter werdenden Gesellschaft - das ist ein Problem auch in BW. Lösungen verspricht die Telemedizin. Kann sie bald den Arztbesuch ersetzen?

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Von Autor/in Andrea Porr

Krankschreibung oder Rezept im Supermarkt, statt beim Hausarzt. In Mosbach geht das seit knapp einem Monat in einer Kaufland-Filiale. Arztpraxis neben der Bäckertheke: Was erst einmal nicht zusammenpasst, könnte ein Konzept mit Zukunft sein. Lassen sich mit solchen Angeboten die Versorgungslücken schließen oder kann die Telemedizin den Gang zum Arzt ersetzen?

Hausärzte halten persönliche Beziehung zu Patienten für unverzichtbar

Wenn man mit dem Hausärztinnen- und Hausärzteverband Baden-Württemberg spricht, ist die Position eindeutig. Untersuchungen wie Abtasten sind per Video natürlich nicht möglich. Der Besuch beim Hausarzt bleibt somit nicht in allen Fällen aus, denn Telemedizin hat Grenzen. "Entscheidend ist, dass Telemedizin nicht isoliert eingesetzt wird, sondern Teil eines ganzheitlichen Versorgungskonzepts ist. Die persönliche Beziehung zwischen Patient:innen und ihren Hausarztpraxen ist unverzichtbar", sagt Susanne Bublitz, Vorstandsvorsitzende des Verbands. Eine Gefahr sieht Bublitz darin, dass telemedizinische Anbieter "Rosinenpickerei" betreiben könnten, indem sie nur die leichten Fälle übernehmen, während die Präsenzpraxen sich um die komplexen und zeitintensiven Fälle kümmern müssen.

Telemedizin als niedrigschwelliges Angebot

Damit telemedizinische Angebote Versorgungslücken schließen können, müssen sie einfach zu nutzen sein. In Mosbach (Neckar-Odenwald-Kreis) kann man einen virtuellen Arztbesuch einfach beim Wocheneinkauf erledigen. Mit der Patientenkarte wird eingecheckt, eine Medizinische Fachangestellte stellt den Videokontakt zur Ärztin oder dem Arzt her und schon können sich Patientinnen und Patienten von einem der sechs Fachärzte per Videosprechstunde beraten lassen.

Seit gut einem Monat betreiben die Sana Kliniken den schalldichten Raum im Supermarkt in Mosbach. Das Unternehmen rechnet aktuell mit einer niedrigen zweistelligen Zahl an Patientinnen und Patienten, die dieses Angebot täglich nutzen. Das Konzept soll getestet werden. Man will vor Ort bei den Menschen sein und auch Berührungsängste mit digitalen Angeboten abbauen, indem Medizinische Fachangestellte sich um die Technik kümmern.

Der sogenannte S Medical-Room ersetze keine ärztliche Praxis, sondern ergänze sie, so das Unternehmen. "Bei neuen Patienten prüfen die per Video zugeschalteten Ärzte im Rahmen eines strukturierten Ersteinschätzungsverfahrens, ob eine Behandlung per Videosprechstunde möglich ist. Ist dies nicht der Fall, werden die Betroffenen an eine geeignete Einrichtung weiterverwiesen, etwa an Arztpraxen, Krankenhäuser, den ärztlichen Bereitschaftsdienst, die Notaufnahme oder den Rettungsdienst." Denn Ziel bleibe eine gesamtheitliche gesundheitliche Versorgung. Beschwerden am Konzept lägen ihnen nicht vor, man sei im Gespräch mit allen Beteiligten.

BW als Vorreiter bei der Telemedizin

Die Telemedizin als Unterstützung für die konventionellen Versorgung - so schätzt man das auch bei der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW) ein. "Es hat sich gezeigt, dass Telemedizin hilfreich ist für Situationen, in denen Patientinnen und Patienten nicht in eine Praxis müssen, zum Beispiel bei Fragen zur Dosierung eines Medikaments", sagt Kai Sonntag von der KVBW. So würden Ärzte entlastet. In Baden-Württemberg habe man bereits einiges an Erfahrungen sammeln können.

Seit Jahren bietet die KVBW die digitale Plattform "docdirekt" an, vor einem Monat wurde sie weiter ausgebaut. Neu ist ein sogenanntes medizinisches Ersteinschätzungsverfahren. Dabei handelt es sich um einen Fragebogen, über den Patientinnen und Patienten zu einer Empfehlung gelangen, wie sie weiter verfahren sollen. Muss ich handeln? Wie dringend ist es? Fragen wie diese werden auf diese Weise digital abgeklärt. Im ersten Monat hätten bereits mehr als 1.000 Menschen das Angebot genutzt.

Digitalkompetenz stärken

Um als Patientin oder Patient solche Angebote auch zu nutzen, muss man sie bedienen können. Stichwort: Digitalkompetenz. Die sei wichtig, sagt Mark Dominik Alscher, Medizinischer Geschäftsführer des Robert Bosch Krankenhauses in Stuttgart, wo man sich auch Gedanken über die Zukunft der medizinischen Versorgung macht. Seit 25 Jahren befasst er sich mit Telemedizin. "Was wir mittlerweile weltweit erleben, ist, dass wir einen Rückgang an qualifizierten Fachärzten zur Besetzung aller Positionen haben. Wir haben vor allem im ländlichen Raum, auch in Deutschland, aber sowieso auch in anderen Ländern, eine Versorgungslücke. Wir haben Löcher, wenn man so will, im Versorgungsnetz. Und Telemedizin kann dies wirksam ausgleichen", erklärt Alscher.

Damit die Vorbehalte geringer werden, gibt es weitere Projekte, wie den Bosch Health Truck. Ein LKW, in dem die Menschen aufgeklärt und die ersten Berührungspunkte zum digitalen Arzt geschaffen werden. "Die Zukunft wird ohne Telemedizin nicht mehr gestaltbar sein. Ich glaube, da geht auch kein Weg dran vorbei", so Alscher weiter.

Gewappnet für die Zukunft

Der Konsens: Telemedizin ist eine sinnvolle Unterstützung, aber sie hat auch Grenzen. Auch aus Sicht der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg sollten Patientinnen und Patienten befähigt werden, sie nutzen zu können - egal, ob sie aus Termingründen oder auch aus gesundheitlichen Gründen nicht in die Praxis gehen möchten. "Beide Wege müssen offen sein, alles muss natürlich datenschutzkonform sein. Die Verbraucher dürfen nicht zur Telemedizin gedrängt werden", sagt Peter Grieble von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. Angebote wie das in Mosbach könnten auch helfen, Menschen die Telemedizin näher zu bringen, indem sie sehen, dass es gar nicht so schwierig ist. So könnten auch Hemmschwellen abgebaut werden und die Chancen der Telemedizin genutzt werden.

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