Ein wertvolles Aquarell von Emil Nolde ist aus einem Büro der Uni Tübingen gestohlen worden. Vergangene Woche ist der Fall vor Gericht verhandelt worden. Der Direktor des Museums der Universität Tübingen (MUT) erklärt im Interview, wie es dazu kommen konnte und wie es um die Kunstschätze der Uni steht.
SWR Aktuell: Warum hing das Nolde-Aquarell in dem Büro eines Professors?
Ernst Seidl: Grundsätzlich ist es so, dass in den Büros von Instituten oder Professoren und Professorinnen auch Objekte an der Wand hängen. Sagen wir Gemälde unterschiedlichen Wertes, unterschiedlichen Alters. Wenn man neu berufen wird, kann man zum Beispiel auch Wünsche äußern, dass man nicht vor der nackten Wand sitzt. Dieses Gemälde war mir gar nicht so groß bekannt, weil es eben in der Gemäldesammlung war und dann dort im Büro hing.
SWR Aktuell: Wie sicher war das Nolde-Aquarell damit aufbewahrt?
Ernst Seidl: Büros in den Instituten sind normalerweise ja abgeschlossen. Das sind auch nicht wirklich öffentliche Einrichtungen. Das heißt, es gibt schon verschiedene Hürden, dort überhaupt hinzukommen. Ich habe da zum Beispiel auch keinen Zugang, ich habe ja nicht die Schlüssel für alle Büros. Das ist sozusagen ein nicht halböffentlicher, aber vielleicht ein "viertelöffentlicher" Raum, eine Institution.
SWR Aktuell: Haben Sie einen Überblick wie viele wertvolle Gemälde in der Uni Tübingen "unterwegs" sind?
Ernst Seidl: Also bei so einer alten Uni...es gibt natürlich Karteien, digitale Listen, gerade in der Kunstsammlung, da gibt es das auf jeden Fall. Die Leiterin der graphischen Sammlung, Kollegin Doktor Ariane Koller, hat jetzt noch mal aktualisiert, wo beispielsweise Professorenporträts hängen. Wir haben ja die größte Professorengalerie an einer deutschen Universität und viele hängen natürlich seit vielen Jahrzehnten in Büros, was nicht immer in Sammlungsdatenbanken verzeichnet ist. Das heißt, man muss immer wieder aktualisieren und neu verzeichnen, weil es eben eine alte Uni ist.
SWR Aktuell: Sind die Kunstwerke und Sammlungsschätze der Universität Tübingen, die nicht in Büros hängen, sicher verwahrt?
Ernst Seidl: Das kann man ganz schlecht pauschal beantworten. In jeder Institution gibt es individuelle Situationen. Man muss abschätzen, wie schwer oder leicht Objekte einem Diebstahl theoretisch ausgesetzt sind. Ganz grundsätzlich muss man sagen, wie wir auch im Kunstmuseum Louvre in Paris oder im Grünen Gewölbe in Dresden oder auch im Bodemuseum in Berlin gesehen haben: Es kommt im Prinzip immer auf die kriminelle Energie an, die aufgewendet wird. Wenn man etwas haben will, so ehrlich muss man sein, kann man es überall herausholen. Sie können mit der Panzerfaust rein und sagen: "Alles rausgeben." Sie können auf der anderen Seite auch nicht alles im Keller wegsperren. Und an Universitäten ist es tatsächlich so, dass mit den Sachen auch umgegangen wird. Es ist wichtig, dass man Objekte aus den Sammlungen für die Forschung neu entdeckt, dass man sie für die Lehre einsetzt - auch für öffentliche Bildung. Wir haben ja auch viele Schulklassen da.
SWR Aktuell: Würden Sie es im Rückblick als Fehler werten, dass das Nolde-Aquarell in einem Büro hing?
Ernst Seidl: Also wahrscheinlich wäre es gut gewesen, man hätte den Bilderrahmen fester installiert. Wobei die Situation hier ja speziell ist. Ich kann mich nicht aus dem Fenster lehnen und irgendeinen Verdacht äußern, aber einem Zeitungsartikel nach ist es ja wahrscheinlich, dass das Gemälde von Leuten entwendet wurde, die nicht von extern kamen, sondern eher einen Zugang hatten. Die meisten Diebstähle in Museen oder Bibliotheken werden beispielsweise durch Angestellte begangen. Wenn eigene Mitarbeiterinnen oder Mitarbeiter eine gewissen kriminelle Energie entwickeln, dann können Sie kaum etwas dagegen tun.
Das Interview führte SWR-Reporterin Anna Priese.