Australien hat ein Social Media-Verbot für Minderjährige durchgesetzt. Auch in Baden-Württemberg wird dieses Thema vor der Landtagswahl diskutiert. Im gemeinsamen Morgenmagazin von ARD und ZDF (Moma) hat sich die Tübinger Kinder- und Jugendpsychologin Isabel Brandhorst für ein Verbot ausgesprochen. Im Interview erklärt sie, warum – und wie Eltern die Nutzung von Social Media bei ihren Kindern besser steuern können.
Moma: Für wie sinnvoll halten Sie ein Social Media-Verbot für Kinder und Jugendliche, wie es das in Australien gibt?
Isabel Brandhorst: Ich halte das für eine gute Sache, vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass immer mehr Kinder Zugang zu TikTok, Instagram und Co. erhalten. Ich denke, wir müssen diesen Trend stoppen.
Moma: Auch, wenn sich das dann vielleicht gar nicht richtig durchsetzen lässt?
Das muss erarbeitet werden. Es kann nur eine Möglichkeit sein, dieses gesetzliche Verbot zu formulieren, aber dann muss die Gesellschaft auch gemeinsam daran arbeiten, dass es einen Wandel gibt und dass es dann auch gemeinsam durchgesetzt wird. Ich sehe auch die Eltern in der Verantwortung.
Moma: Dennoch ist so ein Verbot es ein harter Einschnitt. Warum ist das in Ihren Augen denn trotzdem gerechtfertigt? Ist es so, dass Social Media genauso süchtig machend ist oder ein Problem ist wie Alkohol und Drogen?
Brandhorst: Der Vergleich mit Alkohol und Drogen hinkt etwas, weil Alkohol und Drogen grundsätzlich immer schädlich sind und Social Media auch positive Auswirkungen haben kann. Es macht Spaß, es ist ein netter Zeitvertreib. Es bietet auch soziale Verbundenheit. Man kann tolle Präventionsangebote über Social Media in Anspruch nehmen. Aber tatsächlich zeigt uns die Summe der Evidenz, dass es für viele Kinder und Jugendliche mit negativen Konsequenzen vor allem für die psychische Gesundheit verbunden ist. Deswegen ist ein Verbot aus meiner Sicht die richtige Wahl.
Moma: Was ist denn eigentlich das Problem: die Dauer der Nutzung oder eher das, was Kinder und Jugendliche da sehen? Oder die Folgen, wie Mobbing oder ein gestörtes Körperbild oder Gewaltdarstellungen? Wie wirkt das aufs junge Gehirn?
Brandhorst: Nutzungszeiten werden immer ausgedehnter. Jugendliche verbringen in Deutschland an einem Wochentag zweieinhalb Stunden und am Wochenende vier Stunden mit Social Media. Je länger ich auf den Plattformen Zeit verbringe, desto mehr konfrontiere ich mich auch mit der idealisierten Darstellung der Welt, mit idealisierten Körpern. Das wiederum kann Auswirkungen auf meinen Selbstwert und mein eigenes Körpergefühl haben.
Moma: Sind das die Hauptprobleme? Wann würden Sie auch von überhaupt suchthaftem Verhalten sprechen?
Brandhorst: Man spricht von einer Sucht, wenn drei Kriterien erfüllt sind: wenn man nicht mehr unter Kontrolle hat, wann, wie lange, wie häufig oder wo man Social Media nutzt. Wenn Social Media gegenüber anderen Lebensbereichen priorisiert wird. Also wenn es wichtiger wird als Freunde, Schule, andere Hobbys, Familie. Und wenn dann aus diesem Verhalten negative Konsequenzen entstehen. Das heißt, dass sich Freundschaften auflösen, dass man in der Schule schlechter wird oder nicht mehr regelmäßig zur Uni geht.
Moma: Wenn man das beobachtet: Wann sollten Eltern eingreifen und vor allem wie?
Brandhorst: In Deutschland haben wir noch nicht die gesetzliche Grundlage, dennoch haben die Anbieter eigentlich in ihren AGBs formuliert, dass Kinder unter 13 Jahren gar kein Social Media nutzen sollten. Das heißt: Den Zugang einzuschränken ist eine sinnvolle Möglichkeit. Aber wenn der schon besteht, ist es schwierig. Ich würde mit den Kindern und Jugendlichen immer ins Gespräch gehen und auch mit ihnen reflektieren: Was tut ihnen gut? Wann tut es ihnen vielleicht nicht gut? Hängt es ab von der Dauer der Nutzung, kann man besprechen, ob es konkrete Nutzungsfenster gibt. Dass Social Media nicht permanent den Alltag unterbricht. Sondern dass man sich vielleicht am Samstag anderthalb, zwei Stunden nimmt und Social Media bewusst nutzt. Dann aber auch über Inhalte spricht, die ja auch gefährlich sein können.
Moma: Wenn da ein Suchtverhalten ist: Wie kann ich mir Hilfe suchen und brauche ich dann eine Therapie?
Brandhorst: Eine Therapie kann sinnvoll sein, vor allem, wenn die Konsequenzen schon so ausgeprägt sind, dass ich keine eigenen Ideen oder Lösungsmöglichkeiten mehr sehe, aus dieser Situation herauszukommen. Am Anfang ist es oft so, dass man es eher aus Spaß und Freude nutzt. Und irgendwann, wenn man beispielsweise kurz vor der Exmatrikulation steht, nutzt man es, um vor den Problemen davonzulaufen. Und da kann es hilfreich sein, sich Unterstützung zu holen. Wenn man noch nicht so massive Probleme hat, kann ein Social Media-Detox helfen. Zum Beispiel eine Reduktion von Nutzungszeiten für einen Zeitraum von zwei Wochen.