Auseinandersetzung mit dunkler Vergangenheit

17-Jährige führt Besucher durch die Gedenkstätte Grafeneck

Eine Jugendliche führt zum Holocaust-Gedenktag Besucher durch die Gedenkstätte Grafeneck. Mehr Menschen sollten von der Geschichte dieses Ortes in der NS-Zeit erfahren, findet sie.

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Von Autor/in Maren Seehuber

Grafenecks dunkle Zeit begann Ende 1939, als das Schloss für "Zwecke des Reichs" beschlagnahmt wurde. Ursprünglich ein Jagdschloss der Herzöge von Württemberg, war es damals ein "Krüppelheim für behinderte Männer" der Samariterstiftung. Mit einem bürokratischen Erlass begann die "Aktion T4" genannte Ermordung von kranken und behinderten Menschen. Mindestens 10.654 Frauen und Männer - vorwiegend aus Heimen im Südwesten - starben im Jahr 1940 in der Gaskammer von Grafeneck.

Lotta Brockel steht an einem steinernen Tisch vor der Gedenkstätte, im Halbkreis um sie einige Interessierte.
Ein Teil der Führung findet in der "offenen Kapelle" statt. Lotta Brockel ist dabei auch immer bereit, sich auf Gespräche und Diskussionen mit den Besuchern einzulassen. Maren Seehuber

Lotta Brockel ist eine von mehreren Jugendlichen, die Gruppen von Interessierten, viele davon oft deutlich älter als sie selbst, durch die Gedenkstätte Grafeneck führen. Sie hat in der Schule festgestellt, dass vielen ihrer Mitschülerinnen und Mitschüler der Bezug zur eigenen Umgebung fehlt, wenn es um den Holocaust geht. Man muss wissen, was vor der eigenen Türe passiert ist, meint sie. Außerdem wurde ihr in der Schule zu pauschal über die Opfer berichtet, die Schicksale der Einzelnen kamen ihr zu kurz.

"Jugendguide“ Lotta Brockel auf dem instagram-Kanal von swraktuell:

Social-Media-Beitrag auf Instagram von swraktuell

Längere Ausbildung zur Jugendguide

Deshalb hat sie sich vor etwa zwei Jahren zum Jugendguide ausbilden lassen. Ein Jahr lang hat sie immer wieder Workshops und Seminare besucht. Seitdem führt die Schülerin Interessierte durch die Gedenkstätte, die an die NS-Euthanasie-Verbrechen erinnert.

Auschwitz und Dachau kennt jeder. Was in Grafeneck passiert ist, wissen selbst viele Reutlinger nicht.

Natürlich ist es nicht leicht für Lotta Brockel, immer wieder über die grausamen Verbrechen der Nazis zu sprechen, aber sie hat gelernt, wie sie damit umgehen kann. Es ist nicht möglich, die Vergangenheit zu verändern, sagt sie. Aber es ist wichtig, zu wissen, was passiert ist.

Einmal, erzählt Lotta Brockel, hat sie eine Schulklasse durch die Gedenkstätte geführt. Dabei habe ein Schüler den Namen seines Ururgroßvaters im Namensbuch der Getöteten gefunden. Der Schüler habe später in seiner Familie nachgefragt und erfahren: Sein Vorfahr war tatsächlich in Grafeneck ermordet worden. Ein bewegender Moment, sagte Lotta Brockel dem SWR. Das habe sie sehr ergriffen.

Die Schuld der Vorfahren

Die Besucher an diesem Samstag hören ihr offensichtlich gerne zu und kommen mit der jungen Frau ins Gespräch. Es entstehen angeregte Unterhaltungen über den Geschichtsunterricht in Deutschland und über die Frage, wie man mit der Schuld der eigenen Vorfahren umgehen soll. Lotta Brockel betont, sie wisse nicht, wie sie damals gehandelt hätte. Wer wäre ein Held gewesen, wer hätte zu große Angst gehabt? Nachher wisse man immer mehr. Aber dieses Wissen gelte es nun zu bewahren, damit so etwas nie wieder passiert.