Seit 40 Jahren jagt Günter Reicherter aus Reutlingen-Degerschlacht alten Weizenbiergläsern hinterher. Sein Ziel: ein Glas aus jeder Brauerei in Baden-Württemberg und Bayern. Jedes Stück erzählt eine Geschichte: von Brauereien, die längst geschlossen sind, von gesellschaftlichen Veränderungen, von einer Bierkultur, die heute oft nur noch Massenware ist.
Männer hatten Bieruhren an der Taschenuhr
Im Museum von Günter Reicherter lagern Weizengläser in Massen. Viele haben ein verspieltes Design. Alphabetisch sortiert nach Orten stehen sie in Reih und Glied - fast 2.400 Stück. Einzelne Ausstellungsstücke sind um die 100 Jahre alt. Der Rundgang durch die Sammlung führt durch die süddeutsche Biergeschichte. Ein Beispiel: Kristallweizen hieß früher Champagner-Weizen. Doch irgendwann wurde der regionale Name geschützt und es musste ein neuer her.
Auch eine sogenannte Bieruhr ist unter den Ausstellungsstücken. Sie hing früher an der Kette der Taschenuhr. An einem Rädchen wurde der Bierkonsum in der Kneipe gezählt und hinterher entsprechend bezahlt. Gingen die Männer nach Hause, stellten sie die Uhr öfter mal ein paar Gläser zurück, um daheim Ärger zu vermeiden.
Biergläser mit dem Mund geblasen
Auch die Glasproduktion spielt im Weizenbierglas-Museum eine Rolle. Früher wurden die Gläser mit dem Mund geblasen. Davon zeugen dicke Wände und leichte Schlieren in den Gläsern. Dem Geschmack tut dies keinen Abbruch - im Gegenteil. Reicherter trinkt selbst am liebsten aus den dickwandigen Gläsern. Die halten das Weizenbier länger kühl - und somit länger lecker.
Museum mit wertvollen Biergläsern
Reicherters Sammlung wächst immer weiter. Der selbständige Handwerker mit einem Haus- und Gartenservice kauft regelmäßig neue und alte Gläser. Dafür muss er teilweise auch tief in die Tasche greifen. Während die neuen, industriell gefertigten Gläser oft nur um die fünf Euro kosten, können die Preise für die historischen Stücke in die hunderte gehen. Genauer will Reicherter nicht werden.
Angefangen hat für ihn alles vor 40 Jahren. 1986 begann Reicherter seine Sammelleidenschaft zu professionalisieren. Er spezialisierte sich auf Weizengläser aus Baden-Württemberg und Bayern. Als gebürtiger Reutlinger richtete er auch eine Ecke mit Brauereien aus seiner Heimatstadt ein. Die sind inzwischen zwar alle geschlossen. Aber bei Entrümpelungen kommen immer wieder kleine Schätze zum Vorschein.
Sammler findet bayerische Bierkultur lockerer als die schwäbische
Das Museum vermittelt eine Art Gesellschaftsgeschichte. Alte und neue Verzierungen auf den Gläsern bilden beispielsweise Frauen ab. Und damit auch, wie diese damals und heute wahrgenommen werden. Andere Gläser zeigen Brauereinamen, die auf schwarze Menschen oder ferne Länder anspielen. Der Reutlinger Generalanzeiger hatte darüber zuerst berichtet.
Für viele Menschen steht Weizenbier aber auch einfach für Genuss. Zu Günter Reicherters Privatmuseum gehört ein Biergarten. Dort zelebriert er die bayerische Bierkultur. Die sei etwas lockerer als die schwäbische, findet Reicherter. In seinen Biergarten lädt er gerne Freunde und andere Sammler ein - natürlich zum Biertrinken. Ob Sorten aus Baden-Württemberg oder Bayern, ist dann ganz egal. Wichtig sind nur die mundgeblasenen, dickwandigen Gläser.