Das 70. Tübinger Stocherkahnrennen ist rum: Tausende Zuschauer feierten in Tübingen das traditionelle Rennen auf dem Neckar. Gewonnen hat dieses Jahr der studentische Verein Nicaria.
Vor 70 Jahren begann das Rennen als Idee von Studenten, am Donnerstag waren zu diesem Anlass wieder tausende Menschen in Tübingen. Die Regeln sind denkbar einfach: Mehrere Teams stochern und paddeln um die Wette. Die Gewinner bekommen den Wanderpokal und die Verlierer müssen zur Strafe Fischöl trinken. Ausgerichtet wird das Rennen vom Verlierer des Vorjahres, meistens ist das eine Studentenverbindung.
Sabotage an mehreren Booten
Vor dem Rennstart lag gereizte Stimmung in der Luft, denn einige Stocherkähne von Studentenverbindungen schienen in der Nacht vor dem Rennen sabotiert worden zu sein. Dicke Bohrlöcher und zerstörte Bretter, so sah der Stocherkahn des Siegers vom letzten Jahr am Donnerstagmorgen aus.
Die Sportverbindung ATV Arminia hat das zur Anzeige gebracht, es ist aber bisher unklar, wer die Kähne zerstört hat. Antreten konnten die Sieger aus 2025 mit ihrem repariertem Kahn dennoch, wurden in diesem Jahr aber nur Zweite.
Auch die Sängerschaft Hohentübingen berichtete dem SWR von Beschädigungen an ihren Kähnen in der Nacht vor dem Rennen. Unbekannte hätten Löcher in die Kahnböden gebohrt, das habe man zur Anzeige gebracht. Dank der Hilfe des Stocherkahnbauers konnte die Sängerschaft trotzdem am Rennen teilnehmen.
Bei der Südwest Presse hat sich inzwischen eine Person gemeldet, die am frühen Morgen des Stocherkahnrennens Verdächtiges auf dem Neckar beobachtet hat. Etwa einen Kahn, der mitten auf dem Neckar trieb und voller Wasser war. Bei einem anderen Kahn entdeckte er demnach ein durchtrenntes Drahtseil.
Wolf Gugel, Vorsitzender des Tübinger Stocherkahnvereins, beschreibt die Sabotage als "zum Glück eher seltenes Ereignis". Einmal hätten Unbekannte Beton in einen Stocherkahn gegossen. "Das war übel", so Gugel. Der Kahn habe nicht antreten können und hätte mit Hammer und Meißel freigeklopft werden müssen. Dennoch, solche Vorkommnisse seien selten und unschön. Lieber solle man sich auf das Schöne am Rennen konzentrieren, findet Gugel.
"FLINTA-Kahn" distanziert sich von mutmaßlichem Sabotage-Versuch
Die Initiatorinnen des feministischen Protestkahns "FLINTA-Kahn" haben sich auf Anfrage des SWR klar von einem mutmaßlichen Sabotageakt distanziert. "Wir waren das nicht", betonen sie. Gerüchte und mögliche Anschuldigungen, die ihre Gruppe mit dem Vorfall in Verbindung bringen, seien ein Zeichen dafür, dass ihr Protest nicht ernst genommen werde, so die Vertreterinnen des "Flinta-Kahns". "Wir fordern keine physische und verbale Gewalt beim Rennen, wozu wir auch Vandalismus zählen. Dementsprechend wirken diese Anschuldigungen für uns als Delegitimationsmittel unseres Protests".
Der "FLINTA-Kahn", dessen Team oberkörperfrei antritt, nahm in diesem Jahr zum dritten Mal am Stocherkahnrennen teil. Die Gruppe fordert unter anderem eine kritische Auseinandersetzung der Gesellschaft mit "sexistischen, elitären und rassistischen Männerbünden". Zudem fordern sie, das Rennen im Rotationssystem auszutragen, um die Veranstaltung aus der "Hand der Burschenschaften" zu lösen.
Vom "Offenen Treffen gegen Faschismus und Rassismus" für Tübingen und Reutlingen (OTFR), das mit einem Infostand und Flyern gegen das Stocherkehnrennen protestiert hatte, hieß es auf SWR-Anfrage, man höre von den mutmaßlichen Sabotageversuchen zum ersten Mal. "Die vielfältigen Mittel und Ebenen, auf denen der Protest gegen die Teilnahme von rechten Burschenschaften und Verbindungen dieses Jahr stattgefunden hat, begrüßen wir aber sehr". Der OTFR wird vom Verfassungsschutz Baden-Württemberg als "linksextremistisch" eingestuft.
Studentische Tradition wird zum Großevent
Viele der teilnehmenden Teams sind Studentenverbindungen, weil das Rennen für sie Tradition ist. Es darf sich aber jeder anmelden, der einen Kahn und ein Team hat. Das sind zum Beispiel Fachschaften oder Vereine. Das Rennen findet in der Öffentlichkeit statt und kostet keinen Eintritt. Das lockt Schaulustige aus ganz Deutschland an.
Vor allem der Kostümwettbewerb vor dem Rennen ist ein gern gesehenes Highlight. Dabei fahren verkleidete Teams auf prunkvoll geschmückten Kähnen an der Menschenmenge vorbei. Es gewinnt, wer den lautesten Jubel der Zuschauer abräumt. Dieses Jahr hatte die Fachschaft Medizin das beliebteste Kostüm: eine OP auf dem Neckar.
"Wir trinken Bier - Was trinkt ihr?"
Das eigentliche Rennen ist denkbar kurz: Die Teams müssen den Neckar runter zur Neckarbrücke stochern, einmal den Brückenpfeiler und dann bis zum Ziel, der Alleenbrücke, den Neckar hochfahren. Nach dem Rennen folgt das nächste Highlight: Die Siegerehrung. Dieses Jahr auf dem Gelände der Veranstalter der Alten Straßburger Burschenschaft Germania.
Zuerst wurden die Sieger mit Wanderpokal und einem Fass Bier gekürt. Danach mussten alle während des Rennens disqualifizierten Teams und das Verlierer-Team nach vorne. Die Rufe der Zuschauer "Wir trinken Bier - Was trinkt ihr?" signalisierten dem Verlierer das Glas anzusetzen und einen halben Liter Lebertran (Fischöl) zu trinken.
Kritik an dem Spektakel der Studentenverbindungen
Wie im vergangenem Jahr gab es während des Stocherkahnrennens Protestaktionen. Das Team FLINTA Stocherkahn hielt ein Banner mit der Aufschrift "Brutstätten elitärer Hörigkeit entmachten". Die Kritik richtet sich gegen die Studentenverbindungen, die das Rennen oft verlieren und damit auch oft ausrichten.
Verloren hat auch in diesem Jahr eine Studentenverbindung: Die Burschenschaft Germania. Im kommenden Jahr liegt die Veranstaltung also erneut in der Hand einer Burschenschaft.