Am 4. Juni platzt die Tübinger Neckarinsel wieder aus allen Nähten, auf dem Neckar wird es bunt und voll: Das traditionelle Stocherkahnrennen steht an. Was vor 70 Jahren als spontane Idee unter Studenten begann, ist heute ein beliebtes Event, das jedes Jahr rund 15.000 Zuschauerinnen und Zuschauer aus ganz Deutschland anzieht.
Das Rennen zwischen Studentenverbindungen, Fachschaften, Vereinen und freien Kähnen wird traditionell an Fronleichnam ausgefochten. In diesem Jahr übernimmt die Alte Straßburger Burschenschaft Germania zu Tübingen die Organisation - eine pflichtschlagende Burschenschaft, die im vergangenen Jahr als Letzte die Ziellinie überquert hat. Wir haben Regeln, Geschichte und Kritik am Wettpaddeln zusammengefasst.
- Wie läuft das Rennen ab?
- Der Streckenverlauf
- Was sind die Regeln?
- Steht der Verlierer schon im Vorhinein fest?
- Kritik am Stocherkahnrennen
- Wie ist das Stocherkahnrennen entstanden?
Wie läuft das Rennen ab?
Der Startschuss fällt um 14 Uhr an der Fußgängerbrücke (Neckarsteg) zwischen der Ernst-Bloch-Straße und den Sportplätzen der Paul Horn-Arena. Dann drängeln sich mehr als 40 Kähne dicht an dicht an der Startlinie und warten auf das Signal. Bereits um 13 Uhr beginnt auf Höhe des Neckarmüllers die Kostümparade.
Hier präsentieren die Mannschaften ihre kreativsten Ideen: Mal stochern Minions über den Neckar, mal Asterix und Obelix, mal ein kompletter Star-Wars-Kahn. Die Gewinner bekommen einen Gutschein für ein Spanferkel. In den vergangenen Jahren ging die Auszeichnung häufig an die Fachschaft Umweltnatur- und Geowissenschaften.
Der Streckenverlauf
Die Rennstrecke ist rund 2,5 Kilometer lang. Zuerst paddeln die Kähne stromabwärts, passieren ab der Neckarinsel den linken Flussarm und steuern auf das berüchtigte "Nadelöhr" zwischen Neckarinsel und Eberhardsbrücke zu. Eine besonders knifflige Stelle und Schauplatz für Rangeleien - hier wird es eng, die Teams kreuzen und blockieren einander.
Anschließend geht's um den Brückenpfeiler, wieder durchs "Nadelöhr" und flussaufwärts am Neckararm an der Uhlandstraße zurück. Ziel ist die Alleenbrücke. Das Team, das mit seiner ganzen Kahnspitze und allen acht Teammitgliedern zuerst die Brücke passiert, hat gewonnen.
Alleenbrücke für Fußgänger gesperrt
Wie schon im vergangenen Jahr bleibt die Alleenbrücke für Zuschauerinnen und Zuschauer gesperrt. Aus Sicherheitsgründen darf sie laut Stadt nicht mit mehr als sechs Tonnen belastet werden. Was zunächst nach viel klingt, ist schnell erreicht: Schon etwa 80 Menschen mit durchschnittlich 75 Kilogramm Gewicht bringen die Brücke an ihre Belastungsgrenze.
Was sind die Regeln des Stocherkahnrennens?
An den Grundregeln hat sich seit dem ersten Rennen im Jahr 1956 kaum etwas verändert. Jedes Team besteht aus acht Personen: Eine Person am Heck steuert den Kahn mit der Stocherstange, die übrigen sieben paddeln ausschließlich mit Händen, Armen oder Beinen. Geht dem Stocherer die Puste aus, darf durchgewechselt werden.
Steht der Verlierer schon im Vorhinein fest?
Auf die Sieger warten Ruhm, Ehre, ein Wanderpokal und ein Fass Bier. Für das letztplatzierte Team endet der Tag deutlich unangenehmer: Unter dem Gelächter und Gejohle des Publikums müssen alle Mitglieder jeweils einen halben Liter Lebertran trinken. Außerdem verpflichtet das Regelwerk die Verlierermannschaft dazu, das Rennen im darauffolgenden Jahr auszurichten.
Seit Jahrzehnten verlieren fast immer Studentenverbindungen, obwohl auch andere Gruppen teilnehmen. In Tübingen hält sich deshalb hartnäckig die Vermutung, Burschenschaften würden absichtlich verlieren - etwa indem sie ohne sportlichen Ehrgeiz fahren oder im entscheidenden Moment die Stange verlieren.
Absichtlich verlieren: Regelverstoß
So könnten Organisation und Regelwerk in den eigenen Reihen bleiben. Und auch um Profit und Prestige könnte es den Ausrichtern gehen. Der SWR hat diese Vermutung aus Vereins- und Verbindungskreisen vernommen, Belege dafür gibt es aber nicht. Offiziell wäre absichtliches Verlieren ein klarer Regelverstoß: Wer wegen grober Unsportlichkeit auffällt, kann disqualifiziert werden.
Aus dem diesjährigen Organisationsteam der Alten Straßburger Burschenschaft Germania heißt es, die meisten Verbindungen sähen das Rennen vor allem als spaßiges Ereignis. Ihr Ziel sei meist nicht der Sieg - verlieren wolle man aber auch nicht. Dass dennoch immer eine Verbindung auf dem letzten Platz lande, liege daran, dass Fachschaften und Vereine das Rennen deutlich sportlicher angingen und intensiver trainierten. Absprachen unter den Verbindungen im Vorhinein gebe es nicht.
Kritik am Stocherkahnrennen
Aus der linken Szene gibt es immer wieder Kritik an der Präsenz von Burschenschaften beim Stocherkahnrennen. So rief das Offene Treffen gegen Faschismus und Rassismus für Tübingen und Reutlingen (OTFR) auf Instagram zu Protest gegen die Teilnahme von "Verbindungsstudenten und Burschis" auf. Der OTFR wird vom Verfassungsschutz Baden-Württemberg als "linksextremistisch" eingestuft.
Seit 2024 nimmt zudem der "Flinta-Kahn" am Rennen teil - ein feministisch organisierter Protestkahn. Beim Rennen im vergangenen Jahr zeigte die Gruppe unter anderem ein Banner mit der Aufschrift: "Rassistisch, sexistisch, ekelhaft - das ist eine Burschenschaft".
Die Initiative kritisiert, dass das Stocherkahnrennen von Burschenschaften aus ganz Deutschland und Österreich genutzt werde, um sich zu vernetzen. In seiner heutigen Form biete das Rennen ihnen eine Plattform und normalisiere ihre "gewaltvollen Rituale wie das Lebertrantrinken", schreiben die Initiatorinnen von "Flinta-Kahn" auf Instagram.
Wie ist das Stocherkahnrennen entstanden?
Ursprünglich wurde das Stocherkahnrennen nur unter Studentenverbindungen ausgetragen, denn nur sie besaßen damals Kähne. Die Idee entstand 1955 im Haus der Akademischen Verbindung Lichtenstein, heute ein eingetragener Verein. Student Uli Göltenboth wollte einen neuen Stocherkahn mit einem Wettrennen einweihen.
Ein Jahr später fand das erste Rennen mit sieben Kähnen statt. Obwohl die Veranstaltung nicht angekündigt war, verfolgten spontan Tausende Menschen das Spektakel entlang des Neckars - aus einer zufälligen Idee war der Grundstein für ein überregionales Ereignis gelegt.