Tuttlingen gedenkt mit sechs weiteren Stolpersteinen der Opfer des Nationalsozialismus. Einige Schicksale sind eng verbunden mit der NS-Geschichte der Region. Emil Rieger zum Beispiel. Er wurde laut Stadtmuseum Tuttlingen am 11. Oktober 1907 in Tuttlingen geboren. Nach dem frühen Tod seines Vaters wuchs er mit drei Geschwistern auf und absolvierte eine Ausbildung zum Chirurgiemechaniker. Früh engagierte er sich politisch und trat bereits als Jugendlicher der KPD bei, bevor seine Aktivitäten ihn in den Widerstand gegen den Nationalsozialismus führten.
Verhaftung und KZ-Haft
Nach der Machtübernahme 1933, so das Stadtmuseum Tuttlingen, musste Emil Rieger mehrfach fliehen und versteckte sich in verschiedenen Städten und illegal in der Schweiz. Nach seiner Abschiebung nach Deutschland kam er kurzzeitig in Haft. 1934 wurde er erstmals in das KZ Oberer Kuhberg in Ulm gebracht, wo er unter extremen Bedingungen auf feuchtem Stroh schlafen musste und eine schwere rheumatische Erkrankung erlitt. Es folgten zwei Jahre "Schutzhaft" im KZ Dachau, die seine Gesundheit dauerhaft beeinträchtigten.
Neuanfang und politisches Engagement
Nach dem Krieg arbeitete Rieger zunächst im technischen Bereich und später bei der AOK. Zugleich engagierte er sich kulturell, unter anderem als Leiter des Kulturzentrums „Luginsland“. Politisch kehrte er zurück in den Gemeinderat und vertrat ab 1946 mehrere Jahre die KPD in Tuttlingen.
Lebenswerk und Buchhandlung
Rieger gründete die Tuttlinger Volksbuchhandlung neu und leitete sie bis ins hohe Alter. Seine gesundheitlichen Probleme aus der KZ-Haft begleiteten ihn sein Leben lang. Emil Rieger starb am 4. Dezember 1974 an Herzversagen, das in Zusammenhang mit seinen Haftfolgen stand. Seine Frau und Tochter führten die Buchhandlung bis 2024 weiter. Rieger bleibt ein Beispiel für mutigen politischen Widerstand und lebenslanges Engagement für Kultur und Aufklärung in Tuttlingen.
Ernst Julius Haug: Sozialdemokrat im Visier der Gestapo
Wie Rieger wird auch Ernst Julius Haug mit einem Stolperstein gedacht. Haug setzte sich für politischen Widerstand ein, wenn auch als Sozialdemokrat, Gemeinderat und Redakteur der Tuttlinger Volkszeitung, schreibt das Tuttlinger Stadtmuseum. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten verlor er seine Arbeit, musste untertauchen und lebte zeitweise erwerbslos. 1935 wurde er von der Gestapo verhaftet und ins KZ Welzheim gebracht, wo ihn harte Arbeit und Krankheit schwächten. Ende 1936 starb er dort.
Beide Männer zahlten einen hohen Preis: Rieger überlebte mit bleibenden gesundheitlichen Schäden, Haug starb infolge der Haft. Nach dem Krieg wurden ihre Schicksale anerkannt, und ihr Engagement prägt bis heute die Erinnerung an den Widerstand gegen den Nationalsozialismus in Tuttlingen.
Gedenken mitten im Stadtbild
Um Emil Rieger, Ernst Julius Haug und vier weitere Opfer der NS-Diktatur zu ehren, hat die Stadt Tuttlingen erneut Stolpersteine verlegt. Neben den beiden politisch verfolgten Männern, wird auch an vier NS-Opfer erinnert, die in der Tötungsanstalt Grafeneck ermordet wurden: Clara Maria Faude, eine alleinerziehende Mutter, die als geisteskrank galt; Alfred Sichler, der mit 18 Jahren psychisch krank wurde und in Heimen lebte; Pal Fränkel, ein Kind mit Lernschwierigkeiten; und Otto Huber, ein ehemaliger Soldat mit Kriegstrauma.
Gemeinsam mit dem Künstler Gunter Demnig und der Stolperstein-Initiative wurden die Steine an den ehemaligen Wohnorten der Opfer in die Gehwege eingesetzt.
Es ist uns ein großes Anliegen, dass die Opfer der NS-Diktatur nicht in Vergessenheit geraten und wir Lehren für die Gegenwart ziehen.