Für viele Autofahrer ist Ulm gleichbedeutend mit: Stau, Umleitungen und Frust. Doch wie geht jemand damit um, der beruflich auf die Straßen angewiesen ist? Jamie-Darleen Nünke vom Fahrdienst "Ulmerle" gibt Einblicke in ihren Alltag – und zeigt, wie sie sich durch das Baustellenchaos navigiert.
"Verwirrung pur": Baustellen als tägliche Herausforderung
Jamie-Darleen Nünke kennt die Straßen Ulms wie ihre Westentasche, als Fahrdienst für Dialysepatienten, Kranken- und Rollstuhlfahrten - doch selbst für sie wird es immer schwieriger, den Überblick zu behalten. "Nerven, die braucht man", sagt sie und nennt den Blaubeurer Ring als besonders herausfordernd: "Verwirrung pur."
Mit über 3.000 angemeldeten Baustellen allein in diesem Jahr, wie die Verkehrsbehörde mitteilt, bleibt kaum eine Straße unberührt. Am schlimmsten betroffen sind der Blaubeurer und Berliner Ring, die B10, das Ehinger Tor und die großen Brücken in Ulm. Einer der Hauptgründe: die großen Umbauten für die Landesgartenschau 2030. Die Stadt wird von vielen Bausünden frührerer Jahrzehnte befreit.
200-Millionen-Euro-Projekt Meilenstein für B10-Tunnelneubau in Ulm: Partner unterschreiben Vertrag
Die Stadt Ulm hat für eines ihrer teuersten Bauvorhaben am Freitag den Vertrag mit ihren Partnern offiziell unterschrieben: Der B10-Umbau am Blaubeurer Ring gilt als Mammutprojekt.
Baustellen in Ulm: Fahrten dauern drei Mal so lang
Für Nünke ist das nicht nur eine Frage der Geduld, sondern auch der Wirtschaftlichkeit. "Mir zahlt die Mehrzeit keiner", erklärt sie. "Die Krankenkassen weigern sich, den Mehraufwand zu bezahlen. Jetzt brauche ich für eine Fahrt, die früher 15 Minuten gedauert hat, 45 Minuten." Sie muss Kunden "ausdünnen", wie sie sagt, kann nicht mehr so viele am Tag fahren, weil die Zeit nicht reicht.
Lieber mit dem Fahrrad durch das Baustellenchaos
Während Autofahrer wie Nünke im Stau stecken, nutzen immer mehr Ulmer das Fahrrad als Alternative. Michael Schuon, ein Pendler, erklärt: "Im Feierabend steht man halt im Stau, und mit dem Fahrrad fahre ich halt eine Seitenstraße, ist ganz einfach." Auch der Radler Benjamin Erhardt sieht die Situation positiv: "Die Fahrradwege in die Stadt sind super. Ein bisschen schneller wäre nett, aber in Summe passt schon."
Für Jamie-Darleen Nünke ist es entscheidend, flexibel zu bleiben. Jeden Tag neue Sperrungen, selbst der Stadt gehen schon die Umleitungsstrecken aus. "Da muss man schon auf Zack sein. Und vor allem, man braucht auch eine gute Ortskunde. Sonst kommt man mit den ganzen Schleichwegen, die wir nutzen, einfach gar nicht weiter." Doch selbst die besten Schleichwege helfen nicht immer, wenn täglich neue Sperrungen hinzukommen.
Die Busspur darf der Fahrdienst nicht nutzen, wenn Jamie-Darleen allerdings einen Bus vor sich hat, freut sie sich. "Der Bus kann die Ampeln auf grün schalten lassen. Da kommen wir ein wenig schneller voran."
"Schmerzvolle" Baustellen in Ulm als Dauerzustand
Seit vielen Jahren prägen Baustellen das Stadtbild von Ulm. Baubürgermeister Tim von Winning (parteilos) erklärte bereits 2016 als die Straßenbahnlinie 2 ausgebaut wurde: "Sie haben immer die Frage, hat man lieber über einen längeren Zeitraum Schmerzen oder über einen kürzeren Zeitraum große Schmerzen." Doch irgendwie scheinen die Schmerzen in Ulm nicht zu enden. Es scheint, als hätte sich die Stadt für die härteste Variante entschieden: große Schmerzen über lange Zeit - sehr zum Leidwesen der Autofahrer.
Doch während die einen im Stau stehen, kommen andere schneller ans Ziel: Fahrradfahrer profitieren von den neuen Radwegen und der Möglichkeit, Staus zu umfahren. Für Jamie-Darleen Nünke und viele andere bleibt jedoch die Hoffnung, dass die Bauarbeiten irgendwann ein Ende finden - und die Stadt der kurzen Wege ihrem Namen wieder gerecht wird.