In Baden-Württemberg stehen zahlreiche Kommunen unter Druck: Zwei Drittel der 1.101 Städte und Gemeinden in Baden-Württemberg haben laut Innenministerium Rückstände bei ihren Jahresabschlüssen, sie sind mehr als ein Jahr im Verzug. Dieser Rückstand bleibt nicht ohne Konsequenzen: Denn ohne rechtzeitige Bilanzen droht vielen Städten und Gemeinden, dass sie dringend benötigte Fördergelder verlieren. Investitionen in Infrastruktur, Bildung oder soziale Projekte könnten dadurch ins Stocken geraten.
Warum verzögern sich die Jahresabschlüsse so massiv?
"Wir sind im Jahr 2019 mit der Feststellung", sagt Heidenheims Oberbürgermeister Michael Salomo (SPD). Die Kommune auf der Ostalb hinkt wie so viele in Baden-Württemberg hinterher, wenn es darum geht, Jahresabschlüsse zu erstellen.
Nach einer aktuellen Abfrage des Innenministeriums vom Februar 2026 hat knapp die Hälfte der Kommunen im Regierungsbezirk Tübingen noch keinen Jahresabschluss für das Jahr 2020 vorgelegt.
Einer der Gründe: Die Kommunen mussten ihr System für die Buchhaltung bis spätestens 2020 auf ein modernes Rechnungssystem umstellen, auf die "doppelte kommunale Buchführung", kurz "Doppik". Diese soll die tatsächliche finanzielle Lage einer Kommune besser abbilden, weil auch Vermögen und Schulden berücksichtigt werden.
"Früher hat man ganz klassischerweise nur die Kläranlage, größere Gebäude in die Abschreibung gebracht", erklärt Heidenheims Oberbürgermeister Michael Salomo. Jetzt müsse alles bewertet, abgeschrieben und auch erwirtschaftet werden. Der Aufwand sei deutlich größer geworden.
Auch Personalmangel in den Kämmereien ein Problem
"Das neue Recht ist das eine", sagt Susanne Nusser, Finanzdezernentin des Städtetags Baden-Württemberg und fügt an: "Das andere, dass wir und viele unserer Mitgliedsstädte einen Personalmangel haben in den Kämmereien." Außerdem hätten die Kommunen auch andere Prioritäten, die aus der Not geboren sind. Zum Beispiel die Corona-Pandemie oder der Gasmangel infolge des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine.
Wir haben eine akute Finanzkrise auf kommunaler Ebene und diese Dinge belasten die Kämmereien natürlich zusätzlich.
Nach Darstellung der Finanzdezernentin geraten dann solche Dinge wie Eröffnungsbilanzen und die Jahresabschlüsse etwas ins Hintertreffen. Gleichwohl sei klar: "Das sind Pflichtaufgaben, die müssen erledigt werden", ergänzt sie.
87 Prozent planen mit negativem Haushalt Schuldenberg wächst - fast jede Kommune in BW wird 2025 wohl neue Schulden machen
Baden-Württembergs Städte häufen immer mehr Schulden an. Die Haushalte sehen noch schlechter als im vergangenen Jahr aus. Der Städtetag BW kritisiert das Land. Die weisen die Vorwürfe zurück.
Kein Jahresabschluss, keine Fördergelder
Die Überlastung mancher Kämmereien führt wiederum zu noch mehr finanzieller Belastung, da es ohne Jahresabschluss auch keine Fördergelder gibt. "Selbst eine Eröffnungsbilanz zu erstellen, ist nicht einfach. Und insbesondere kleinere Kommunen haben das Problem, dass sie nur Gelder aus dem Ausgleichsstock kriegen, wenn sie gewisse Bilanzen vorlegen können", sagt Michael Salomo, Oberbürgermeister in Heidenheim. "Deshalb haben kleinere Kommunen, die sowieso einkommensschwach sind, einen besonderen Nachteil."
In Heidenheim versuchen die Verantwortlichen, die Situation in den Griff zu bekommen: Es wurde zusätzliches Personal in der Kämmerei eingestellt. Bis zu acht Menschen arbeiten hier mittlerweile am Jahresabschluss.
Schwäbisch Gmünd holt sich Hilfe von externer Firma
Manche Städte gehen anders vor, beispielsweise Schwäbisch Gmünd. Die Stadt holt sich für ihre Abschlüsse externe Hilfe. Doch die beauftragte Wirtschaftsprüfungsgesellschaft aus Nürnberg lässt sich das teuer bezahlen: mit mehr als 360.000 Euro für einen Jahresabschluss.
"Wenn man nach extern vergibt, muss man sich natürlich auf der einen Seite im Klaren sein, dass es durchaus viel Geld kostet", findet Susanne Nusser vom baden-württembergischen Städtetag. Auf der anderen Seite bleibe der Aufwand auf kommunaler Ebene trotzdem relativ groß, weil die Daten aufbereitet und zur Verfügung gestellt werden müssten.
Im Land fehlen weit über 2.000 Abschlüsse von Kommunen. Würden alle dem Beispiel von Schwäbisch Gmünd folgen, würde das den Steuerzahler mehr als eine Milliarde Euro kosten - für eine städtische Pflichtaufgabe.