Seit Tagen sickern Infos durch, jetzt sind die offiziellen Vorschläge da: Die EU-Kommission lockert das sogenannte Verbrenner-Aus. Auch nach 2035 soll es möglich sein, in der Europäischen Union Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor zuzulassen - allerdings unter Auflagen.
Laut den Plänen müssen Hersteller die CO2-Emissionen bis 2035 um 90 Prozent im Vergleich zu 2021 senken. Ursprünglich war geplant, die Emissionen um 100 Prozent zu senken.
Mit synthetischen Kraftstoffen und grünem Stahl aus der EU sollen verbleibende Emissionen ausgeglichen werden. Damit können auch nach 2035 Hybrid-Fahrzeuge oder sogenannte Range Extender zugelassen werden - das sind Elektrofahrzeuge, deren Batterie mit einem Verbrennungsmotor aufgeladen wird. Außerdem werden kleinere Elektroautos, die in Europa hergestellt werden, bei den Grenzwerten stärker gewichtet.
So reagieren Industrie und Gewerkschaft in Baden-Württemberg
Der Stuttgarter Autobauer Mercedes-Benz bewertet den neuen Vorschlag der EU-Kommission als "Schritt in die richtige Richtung hin zu mehr Flexibilität für uns als Hersteller und hin zu der notwendigen Technologieneutralität". Die Kommission reagiere damit auf den stagnierenden Hochlauf der Elektromobilität in Europa.
Von dem Konzern heißt es aber auch, Mobilität müsse CO2-neutral werden und batterie-elektrische Mobilität bleibe "der Hauptpfad zur Dekarbonisierung unserer Industrie".
Für Barbara Resch, Bezirksleiterin der IG Metall Baden-Württemberg, ist es kein Tag zum Feiern. Der "Hochlauf der E-Mobilität und die Neuerfindung des Autos 'Made in Germany' wurden zu lange verschleppt", sagte Resch. Politik und Unternehmen hätten Fehler gemacht und zentrale Zukunftstechnologien vernachlässigt.
Die neuen Beschlüsse aus Brüssel könnten jetzt helfen - aber nur, wenn sie klug genutzt würden. E-Mobilität bleibe der Kern, die Klimaziele würden weiter gelten. Resch appelliert an die Manager, jetzt mehr in deutsche Standorte zu investieren. "Noch können wir das Steuer herumreißen", so die Gewerkschafterin.
Was andere Autobauer in Deutschland sagen
Der Volkswagen-Konzern bewertet den Entwurf als "pragmatisch" - er sei "insgesamt wirtschaftlich vernünftig": "Die Kommission macht mit ihrem Vorschlag deutlich: Elektromobilität ist die führende Technologie der Zukunft. Dies ist auch für den Volkswagen Konzern unstrittig", heißt es vom Unternehmen
Was nach mehr Offenheit aussieht, ist mit so vielfältigen Hürden versehen, dass es droht, in der Praxis wirkungslos zu bleiben.
Dem deutschen Branchenverband VDA gehen die Zugeständnisse noch nicht weit genug. VDA-Präsidentin Hildegard Müller sagte, Brüssel enttäusche mit seinem Entwurf. "Die richtigerweise anerkannte Technologieoffenheit muss mehr als ein Lippenbekenntnis sein", so Müller. Was nach mehr Offenheit aussehe, sei mit vielen Hürden versehen. Es drohe, in der Praxis wirkungslos zu bleiben.
Neue Pläne der EU-Kommission FAQ zum gekippten Verbrenner-Aus: Das bedeutet es für Autobranche, Verbraucher und Klimaschutz
Die EU-Kommission schlägt eine Lockerung der CO2-Vorgaben für Neuwagen nach 2035 vor. Aus der Branche kommt Zustimmung, Fachleute bewerten die Vorschläge kritisch.
Was bedeutet der neue Vorschlag der EU-Kommission für die Branche?
Für die Branche bedeutet der Vorschlag nur eine kleine Entlastung. Schon seit Langem fordern der VDA aber auch Hersteller wie Mercedes-Benz oder BMW, das Verbrenner-Aus müsse flexibler gestaltet werden.
Immerhin können die Hersteller den Verbraucherinnen und Verbrauchern nach den Plänen der EU nun auch nach 2035 Hybridautos und Autos mit Range Extender anbieten - für Kunden eine Alternative beim Autokauf, die kein reines Elektroauto fahren wollen. Das nimmt etwas Druck von den Herstellern, weil sie auch mit diesen Modellen nach 2035 noch Geld verdienen können.
Außerdem könnte das Abrücken vom totalen Verbrennerverbot helfen, die Jobs in der Branche etwas länger zu sichern. Doch mit Blick auf die kommenden Jahre ist laut Experten klar, dass sich die E-Mobilität durchsetzen wird. Und dafür braucht es bei den Zulieferern weniger Mitarbeitende.
Wie ist die Lage bei den Zulieferbetrieben?
Die Firma Brehm in Ulm produziert Metallteile für Getriebe, vor allem für Verbrenner. Nur zwei von 80 Maschinen hier stellen aktuell Teile für die Elektromobilität her.
240 Mitarbeiter hat die Firma im Moment. Um deren Arbeitsplätze zu sichern, versucht der Zulieferer schon länger, neue Geschäftsfelder zu erschließen. Aber das sei nicht so einfach, sagt Anja Kaupper von der Geschäftsleitung. Von der EU-Kommission wünsche sie sich deshalb, dass man in der Technologie offener sei und sich nicht auf eine mögliche Lösung fokussiere, sondern den Markt und die Industrie an mehreren Lösungen forschen und weiterentwickeln lasse.
Zehn Prozent weniger Klimaschutz Meinung: Die Abkehr vom Verbrenner-Aus - ein fataler Rückschritt
Die EU-Kommission plant offenbar das Verbrenner-Aus zurückzunehmen. Das spricht nicht von Technologieoffenheit, sondern ist ein fataler Rückschritt, findet Katha Jansen.
Auch das Unternehmen Konzelmann aus der Nähe von Heilbronn produziert sowohl für Verbrenner als auch für Elektroautos.
Die Zeit, die uns diese Entscheidung jetzt schafft, hilft uns, unsere Entwicklungen zur Batterie und zum gesamten Antriebsstrang weiterzuführen und in Serie zu bringen und unseren Standort zu sichern.
Bei Hofer Powertec in Nürtingen (Kreis Esslingen) setzen sie schon lange auf die E-Mobilität. Das Unternehmen testet und entwickelt Batteriemodule für E-Autos. Geschäftsführer Martin Maier sagt, er glaube fest daran, dass die E-Mobilität den Markt beherrschen wird: "Weil es ein preisgünstiges Fahrzeug werden wird, hochperformant, attraktiv, das wird sich von alleine regeln", so der Geschäftsführer.