Pläne der EU-Kommission

FAQ zum gekippten Verbrenner-Aus: Das bedeutet es für Autobranche, Verbraucher und Klimaschutz

Die EU-Kommission schlägt eine Lockerung der CO2-Vorgaben für Neuwagen nach 2035 vor. Aus der Autobranche kommt Zustimmung, Fachleute bewerten die Vorschläge kritisch.

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Von Autor/in Thorsten Weik, Geli Hensolt, Florian Doetsch, Stephanie Geißler, Christof Gaißmayer

Die EU lockert das sogenannte Verbrenner-Aus: Auch nach 2035 sollen Neuzulassungen von Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor in der Europäischen Union weiterhin möglich sein - allerdings unter strengen Auflagen.

Den neuen Plänen zufolge müssen Autohersteller ihre CO₂-Emissionen bis 2035 um 90 Prozent im Vergleich zu 2021 senken, statt wie ursprünglich geplant um 100 Prozent. Gleichzeitig sollen klimaneutrale synthetische Kraftstoffe und grüner Stahl aus der EU eine zentrale Rolle spielen, um die verbleibenden Emissionen auszugleichen. Zudem will die EU verstärkt auf die Förderung kleinerer, erschwinglicher Elektroautos setzen. Im nächsten Schritt müssen allerdings noch das EU-Parlament und der Rat den neuen Vorschlag annehmen.

Fragen und Antworten zu den Lockerungen beim Verbrenner-Aus im Überblick

Was die Pläne für die Industrie im Südwesten, für Verbraucher und Klimaschutz bedeutet - und wie Fachleute die neuen Pläne der EU-Komission einordnen: Ein Überblick.

Wie bewerten Autoexperten die angekündigten Lockerungen beim Verbrenner-Aus?

Das übergeordnete Ziele - die Dekarbonisierung des Verkehrssektors - bleibe weiterhin bestehen, sagt Benedikt Maier von der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen. "Wenn man dieses Ziel erreichen möchte, führt kein Weg an der Elektromobilität vorbei." Die Hersteller und Zulieferer hätten etwas Zeit gewonnen.

Das setzt die Hersteller und die Zulieferer unter Druck. Sie müssen eine gewisse Doppelstrategie fahren. Sie müssen sowohl im Bereich der Verbrenner aktiv bleiben, und sie müssen die Elektromobilität mit noch größerem Druck weiter verfolgen.

Auch Auto-Experte Stefan Bratzel, Direktor des Forschungsinstitut Center of Automotive Management (CAM), glaubt, dass die Elektromobilität so oder so global "massiv an Bedeutung gewinnen" werde. In China sowieso, aber auch in Europa gebe es in verschiedenen Regionen einen starken Markthochlauf, etwa in Skandinavien. Die Aufweichung des "faktischen Verbrennerverbots" mache deshalb "gar nicht so viel Unterschied", glaubt Bratzel.

Was heißt das für Verbraucher?

Die große Frage sei, so Benedikt Maier von der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt, wie man Verbraucher von Elektroautos überzeuge - denn zuletzt hatten sich E-Autos schlecht verkauft. "Es ist schade, dass die Verbraucher noch nicht so richtig auf die Technologie anspringen, die mit den Wirkungsgraden ja eigentlich überzeugt", so Maier.

Zuletzt hätten batterieelektrische Fahrzeuge etwa 18 Prozent an den deutschen Neuzulassungen ausgemacht. Er zeigt sich überzeugt, dass künftig mehr getan werde, um Elektromobilität attraktiver zu machen - etwa Kaufprämien oder eine Besteuerung von Dienstwagen. Zugleich werde das Fahren eines Verbrenners etwa aufgrund der CO2-Bepreisung teurer werden.

Können die Aufweichungen des Verbrenner-Verbots Arbeitsplätze sichern?

Benedikt Maier von der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen ist da skeptisch:

Da wäre ich sehr vorsichtig - vielleicht kurzfristig. Langfristig und auch mittelfristig glaube ich leider nicht daran, da wird der Umstieg auf Elektromobilität mit all den Komponenten benötigt.

Wie reagiert die Autobranche im Südwesten auf die Pläne?

Schon seit Langem fordern der Verband der Autoindustrie, VDA, aber auch Hersteller wie Mercedes oder BMW, dass das Verbrenner-Aus flexibler gestaltet werde.

In ersten Reaktionen bewertete der Stuttgarter Autobauer Mercedes-Benz den neuen Vorschlag der EU-Kommission an diesem Dienstagabend als "Schritt in die richtige Richtung hin zu mehr Flexibilität für uns als Hersteller und hin zu der notwendigen Technologieneutralität".

Dem deutschen Branchenverband VDA gehen die nun vorgestellten Zugeständnisse indes nicht weit genug. VDA-Präsidentin Hildegard Müller sagte, Brüssel enttäusche mit seinem Entwurf. Die "richtigerweise" anerkannte Technologieoffenheit müsse "mehr als ein Lippenbekenntnis" sein.

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Was bedeuten die Lockerungen für Klimaschutz und Umwelt?

Klimaschutzorganisationen und Fachleute kritisieren den Vorschlag der EU-Kommission. Von der Deutschen Umwelthilfe (DUH) hieß es am Dienstagabend, dies sei ein "folgenschweren Rückschritt für die europäische Klima- und Industriepolitik". Nötig sei deutlich mehr CO2-Reduktion im Verkehr, sagte Caroline Tiefenbach, Referentin für Verkehr und Luftreinhaltung bei der Deutschen Umwelthilfe, am frühen Dienstagabend.

Was die EU-Kommission vorschlägt, ist eine wesentliche Abschwächung des Klimaschutzes und eines wesentlichen Klimaschutz-Instruments in der EU. Das geht nicht nur zu Lasten des Klimas, das geht zulasten des Industriestandorts und langfristig der Arbeitsplätze – und das alles für kurzfristige Gewinn-Interessen.

Auf Lösungen zu setzen, die sehr viel Energie benötigen - etwa synthetische Kraftstoffe für Autos, auch E-Fuels genannt - werde SWR-Umweltredakteurin Sabine Stöhr zufolge Auswirkungen haben: "Denn ein Auto, das mit E-Fuels fährt, braucht mehr Strom als ein E-Auto und dann frisst es mehr Ökostrom. Der fehlt dann an anderer Stelle zum Beispiel für Wärmepumpen oder für die Industrie und das kann die Energiewende teurer machen oder sogar ausbremsen", so Sabine Stöhr.

Was bringt das Aus vom Verbrenner-Aus für den Absatz im Ausland?

Die USA und China sind nach wie vor wichtige Märkte für die deutschen Hersteller. Porsche hat beispielsweise beim Absatz in den USA im dritten Quartal dieses Jahres sogar zugelegt. Es ist also nicht so, dass die Fahrzeuge deutscher Hersteller dort gar nicht mehr gefragt wären - zumal die USA unter Donald Trump beim Thema Elektrifizierung Tempo herausnehmen. Es gibt dort durchaus noch Chancen für den Verbrenner.

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In China sind die Absätze stark eingebrochen, das trifft vor allem die Premiumhersteller wie Mercedes, Porsche, Audi und BMW. Weil dort Luxus - zumindest aus Deutschland - nicht mehr so gefragt ist und die chinesischen Konkurrenten mit günstigen Fahrzeugen nach vorne drängen. Der Fokus liegt in China ganz klar auf der E-Mobilität, gleichwohl hat Porsche gerade angekündigt, in China wieder verstärkt Verbrenner auf den Markt zu bringen.

Die Nachfrage nach E-Autos zieht zwar an, aber noch lange nicht in dem Tempo wie ursprünglich erhofft. Verbrenner sind immer noch stark gefragt und bringen den Herstellern Umsätze.

Was nützt ein weicherer CO2-Grenzwert?

Ab 2035 sollen die Autohersteller 90 Prozent der Treibhausgasemissionen neu zugelassener Fahrzeuge, reduzieren - und die verbleibenden 10 Prozent durch Ausgleichsmechanismen kompensieren. Einmal durch verbauten grünen Stahl aus der EU oder durch E-Fuels oder Biokraftstoffe.

Zunächst stellt sich die Frage, wie das Ziel konkret erreicht werden soll. Können Verbrenner ausreichend mit synthetischen Kraftstoffen, also mit E-Fuels, versorgt werden - und damit dann klimaneutral fahren? Wird es genug davon geben? Bisher werden E-Fuels nur in geringen Mengen in kleinen Pilotanlagen hergestellt. Deshalb sind sie auch noch sehr teuer, die Herstellung ist zudem energieaufwändig.

Und was passiert, wenn die Nachfrage nach E-Autos in Europa weiterhin dürftig ist und die Menschen weiter Verbrenner fahren wollen - wie soll dann die Quote eingehalten werden? Es gibt noch viele Fragen, die von den politischen Akteuren beantwortet werden müssen.

Die Fahrzeuge, die 2035 auf den Markt kommen, werden aktuell entwickelt. Langfristig geht an der E-Mobilität kein Weg vorbei, das ist auch den Autobauern klar. Aber eben ohne starre Zeitvorgaben seitens der EU, um den Wandel vom Verbrenner zum E-Auto so zu gestalten, wie sich die Nachfrage entwickelt. 

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Thorsten Weik
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Geli Hensolt
Geli Hensolt
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Jutta Kaiser
Bild von Jutta Kaiser aus der SWR-Wirtschaftsredaktion.
Hanna Spanhel
Redakteurin Hanna Spanhel
Theresa Rauffmann

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