Gefühlt scheint es ständig vorzukommen: Irgendwo wird eine Bombe zum Beispiel aus dem Zweiten Weltkrieg auf einer Baustelle gefunden. Es folgen Evakuierungen, Sperrungen und im Idealfall eine erfolgreiche Entschärfung. In den vergangenen Wochen ist das zum Beispiel zwei Mal in Stuttgart passiert - hier mussten in den Birkenäckern und in Untertürkheim Tausende Menschen wegen der Entschärfung einer Weltkriegsbombe ihre Wohnungen verlassen. Wie viele Weltkriegsbomben gibt es eigentlich in Baden-Württemberg und sind sie tatsächlich so gefährlich?
- Wie viele Blindgänger gibt's noch in BW?
- Wie werden Weltkriegsbomben gefunden?
- Wie gefährlich sind Blindgänger?
- Was passiert, wenn ein Blindgänger gefunden wird?
- Wie fühlt sich eine Entschärfung für Feuerwerker an?
- Was mache ich, wenn ich Munition finde?
13 Bomben und 16,6 Tonnen Kampfmittel entschärft
Wird ein Blindgänger oder Munition gefunden, rückt der Kampfmittelbeseitigungsdienst (KMBD) an, um zu entschärfen oder kontrolliert zu sprengen. 2024 hat der KMBD Baden-Württemberg nach eigener Aussage elf Bombenblindgänger entschärft und zwei kontrolliert gesprengt. Außerdem mussten rund 16,6 Tonnen Kampfmittel und Munition geborgen und vernichtet werden. Dafür sind die Fachleute des KMBD im vergangenen Jahr zu 881 Einsätzen ausgerückt.
Insgesamt 1,35 Millionen Tonnen Munition wurden im Zweiten Weltkrieg auf das Gebiet des damaligen Deutschen Reiches abgeworfen. Rund 100.000 Tonnen davon sind dabei auf baden-württembergisches Gebiet gefallen. Laut dem Kampfmittelbeseitigungsdienst Baden-Württemberg sind etwa 10 bis 15 Prozent davon nicht detoniert. Wie das baden-württembergische Innenministerium 2024 mitteilte, wurden seit 1987 insgesamt 833 Sprengbomben-Blindgänger in Baden-Württemberg gefunden.
Deutschlandweit belaufen sich die Schätzungen auf circa 100.000 bis 300.000 Tonnen Blindgänger, die im Boden oder Gewässern versteckt sind. Für Baden-Württemberg kann Ralf Vendel, Leiter des KMBD Baden-Württemberg, keine genaue Zahl nennen. Aber es sei zu erwarten, dass noch "sehr, sehr viele" Blindgänger in Baden-Württemberg lauern. Vendel ist überzeugt: "Uns wird die Arbeit in den nächsten Jahrzehnten nicht ausgehen."
Versteckte Weltkriegsbomben: So kommen sie zu Tage
Zu seinem Job gehört, sich um Blindgänger zu kümmern, die gefunden werden - zum Beispiel auf Baustellen. Das muss aber keine Überraschung sein, sagt Vendel. Jeder Bürger, der etwas baut, kann überprüfen lassen, ob auf dem entsprechenden Grundstück die Gefahr eines Blindgängers besteht. Dazu muss ein Antrag beim KMBD gestellt werden.
Unter anderem mit Luftbildern aus dem Zweiten Weltkrieg versuchen die Experten beim KMBD nachzuvollziehen, ob beim betroffenen Gebiet Kampfhandlungen stattgefunden haben, Bomben gefallen sind oder sogar Blindgänger-Verdachtspunkte zu erkennen sind. Sollte das der Fall sein, überprüft der KMBD das vor Ort.
Gerade in Städten werden Bomben aber oft spontan gefunden. Das liege daran, dass man die Grundstücke in Städten oftmals gar nicht absuchen könne, weil beispielsweise viele Leitungen im Boden liegen. Das mache das Erkennen von Blindgängern im Vorhinein schwierig, erklärt Vendel. In so einem Fall sei eine Baubegleitung vom KMBD möglich. Dabei ist dann ein Experte, ein sogenannter Feuerwerker, vor Ort. "Der sichtet dann jeden Baggerlöffel", so Vendel.
Dass es einem so vorkommt, als würden in letzter Zeit mehr Bomben gefunden, könnte übrigens damit zu tun haben, dass es mehr Baustellen gibt, auf denen sie potenziell gefunden werden könnten. Schlussendlich gebe es aber nicht mehr Bombenfunde als früher, sondern das sei eher ein Gefühl, so Vendel.
Weltkriegsbomben: "Munition wird im Laufe der Jahre gefährlicher"
Wie gefährlich die Blindgänger, die in Baden-Württembergs Böden schlummern tatsächlich sind, erklärt Vendel so: "Man muss sich immer vorstellen, diese Munition wurde hergestellt im Krieg vor 80 Jahren für die sofortige Vernichtung. Die Bomben wurden abgeworfen aus mehreren tausend Metern Höhe, schlagen auf den Asphalt, auf die Erde auf und dringen dann so bis zu drei, vier Meter tief in den Boden ein."
Je länger die Munition im Boden bleibt, desto gefährlicher wird sie.
Die Bomben seien also schon einer extremen Belastung ausgesetzt gewesen und trotzdem noch nicht explodiert. Sicherungselemente der Zünder würden über die Jahre immer poröser und schwächer. "Wenn man 80 Jahre später dann kommt und zum Beispiel mit einer Baggerschaufel auf die Bombe schlägt oder sie bewegt, wird es auch nicht besser. Also die Munition wird im Laufe der Jahre, Jahrzehnte, immer brisanter und gefährlicher", beschreibt Vendel. Grundsätzlich sei der Umgang mit alter Munition, die schon mal verschossen wurde und die möglicherweise jahrzehntelang Witterungen ausgesetzt war, viel gefährlicher, als mit solcher, die frisch aus der Fabrik kommt.
Bombenentschärfung: Schnell sollte es immer gehen
Wird eine Bombe gefunden, schauen sich das die Expertinnen und Experten des KMBD an. Je nach Größe und Lage der Bombe sowie Art und Zustand des Zünders entscheiden sie, wie dringend eine Entschärfung oder Sprengung ist. "Durch die Freilegung einer Bombe kommt Feuchtigkeit oder Sauerstoff dazu und das mag der Sprengstoff nicht und vor allem nicht der, der im Zünder drin ist", erklärt Ralf Vendel vom Kampfmittelbeseitigungsdienst Baden-Württemberg.
Deswegen versuche man immer, so schnell wie möglich zu evakuieren und die Bombe unschädlich zu machen. Sind allerdings "Problemgebäude" wie Krankenhäuser, Pflegeheime oder Unternehmen, die mit Gefahrenstoffen arbeiten, in der Nähe, müsse man manchmal allerdings auch noch etwas warten können. Eine Ausnahme: Bomben mit Langzeitzünder. "Dann gibt's nur noch eins: Dann legen wir eine Ladung an, versuchen noch irgendwelche Verbaumaßnahmen anzubringen, bis man wirklich evakuiert hat, und dann wird die Bombe gesprengt", erzählt der Kampfmittel-Experte. Dazu können verschiedene Hilfsmittel dienen, zum Beispiel Wassertanks oder BigPacks aus Sand.
Feuerwerker - direkt dran an der Bombe
Wird eine Bombe gefunden, muss der Kampfmittelbeseitigungsdienst also zunächst die Bombe vollständig freilegen, den Zünder reinigen und feststellen, wie die Bombe einzustufen ist. Dann wird gemeinsam mit den Einsatzkräften von Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienst sowie dem Ordnungsamt besprochen, welcher Bereich evakuiert werden muss. Wenn das alles abgeschlossen ist, dann ist da oft eine "Totenstille", erzählt Ralf Vendel. Und dann geht es los. "Manchmal geht es gut und schnell, manchmal hat der Zünder ganz schön was abbekommen. Die Problematik ist immer, den Zünder sicher herauszubekommen", erzählt der Leiter des KMBD BW von seiner Erfahrung mit Entschärfungen.
Ein Feuerwerker hat viel Stress von dem Zeitpunkt an, wo er die Bombe sieht, bis die Evakuierung steht. Und dann geht es natürlich erst los mit der Entschärfung.
Gefährlich ist der Job allemal. In der Vergangenheit hat es auch schon tödliche Unfälle gegeben - beispielsweise in Göttingen (Niedersachsen). Hier kamen 2010 drei Männer des Kampfmittelbeseitigungsdienstes beim Versuch, eine Bombe zu entschärfen, ums Leben. "Man macht sich natürlich schon seine Gedanken", erzählt Vendel, der selbst seit über 40 Jahren beim KMBD ist.
Ralf Vendel, Leiter des Kampfmittelbeseitigungsdiensts Baden-Württemberg erzählt, wie es sich anfühlt, bei einer Bombenentschärfung dabei zu sein.
Es komme aber auch drauf an, mit welcher Art von Zünder man zu tun habe. "Wenn ich einen standardmechanischen Zünder vor mir habe, der keine Beschädigungen aufweist, ist das besser, als wenn ich einen Langzeitzünder vor mir habe, den ich ganz anders behandeln muss, ganz anders vorgehen muss, ganz andere Entscheidungen treffen muss. Und wo ich weiß, der ist hundertmal gefährlicher als ein anderer Zünder." Sobald die Arbeit an der Munition aber beginnt, konzentriere man sich aber nur noch voll auf die Munition, den Zünder und die Tätigkeit.
Außerdem wichtig für die Arbeit mit Bomben: Teamwork. Die Feuerwerker, Munitionsvorarbeiter und Munitionsarbeiter des KMBD müssten sich blind vertrauen und verstehen können, sagt Vendel.
Bombe gefunden? So geht man richtig vor
Stößt man selbst mal auf Munition, Kampfmittel oder sogar eine Weltkriegsbombe stoßen, sollte man sie laut Vendel auf keinen Fall bewegen oder vom Fundort entfernen. Selbst, wenn man den Fund im eigenen Haus mache. Richtig sei immer, die Ortspolizeibehörde zu verständigen. Die verständige dann wiederum den Kampfmittelbeseitigungsdienst.