Resul Kizilay unterrichtet Englisch, Geografie und Wirtschaftskunde an einer Realschule in Schorndorf (Rems-Murr-Kreis) - und ist zugleich einer der bekanntesten Lehrer Deutschlands. Mit Videos aus dem Schulalltag erreicht der junge Mann auf Instagram und Tiktok Hunderttausende Menschen, viele Clips gehen millionenfach durchs Netz. Kizilay macht Comedy, Lifestyle, aber er zeigt auch, warum Schule oft an ihre Grenzen stößt, räumt mit Lehrer-Klischees auf und zeigt, was im Klassenzimmer wirklich los ist.
Im SWR-Videopodcast "Zur Sache! intensiv" erklärt Kizilay seine Motivation: "Ich wollte immer ein Lehrer sein, den ich damals nie so hatte. Und ich wollte einfach irgendwie ein Lehrer sein, den ich damals vielleicht gebraucht hätte."
Als Influencer will er zeigen: Lehrer sind auch nur Menschen
Kizilay will den Kindern und Jugendlichen mit seinen Videos zeigen, dass auch ihr Lehrer "ein realer Mensch mit Stärken und Schwächen ist". Auch Pädagogen seien nicht perfekt und hätten schlechte Tage. "Und das ist eben das, was mich ausmacht, wie viele andere Lehrkräfte, die einfach auch authentisch sind, die gefühlsehrlich sind und einfach den Schülerinnen und Schülern auf Augenhöhe begegnen."
Offenheit über Mobbing und Essstörung
Er zeige auf Social Media sehr viel Persönliches. "So 80 Prozent aus meinem Leben zeige ich schon." Er erzähle auch von schwierigen Phasen in seinem Leben. In der Grundschule sei er wegen seines Gewichts gemobbt worden. Später habe er sieben Jahre lang eine Essstörung gehabt.
Seine Eltern, die nur Türkisch sprachen, seien damals keine große Hilfe gewesen. Als Teenager habe er sich oft gefragt: "Wie kann ich jetzt mit meiner Lehrerin oder mit meinem Lehrer offen darüber sprechen? Wie hole ich mir Hilfe?"
Ein Lehrer, der auch gleichzeitig Freund sein will
Erst in der 11. Klasse habe ihn endlich ein Lehrer angesprochen und Hilfe angeboten. Kizilay will für seine Schülerinnen und Schüler da sein. "Ich habe jetzt so einfach die Möglichkeit, da mehr an den Schülern dran zu sein und ihnen einfach eine Tür zu öffnen." Sie könnten zu ihm kommen, mit ihm nach dem Unterricht im Klassenzimmer "chillen" oder auch in der Freizeit mit ihm ins Kino gehen. "Also ich bin ein Lehrer, der auch gleichzeitig Freund ist." Ihm sei bewusst, dass die Grenze nicht verschwimmen dürfe. "Natürlich muss da auch die Autorität noch gewahrt sein."
Und das ist eben das, was mich ausmacht, wie viele andere Lehrkräfte, die einfach auch authentisch sind, die gefühlsehrlich sind und einfach den Schülerinnen und Schülern auf Augenhöhe begegnen.
Aber die enge Begleitung der Schülerinnen und Schüler sei ihm trotzdem am wichtigsten: "Ich bin Lehrer mit Herz, der einfach den Schülerinnen und Schülern auf Augenhöhe begegnet und nicht irgendwie hierarchisch mit Disziplin und Strenge und Strafarbeit." Kizilay räumte ein, dass das für ihn eine Herausforderung sei, die Balance zu halten. "Aber ich genieße es auch."
Auch Lehrkräfte dürften mal "cringe" sein
Kizilay ist seit Anfang 2024 auf den Social-Media-Plattformen aktiv. Zuerst habe er Angst gehabt, viel über sich selbst zu posten. Aber dann habe er sich gedacht: "Die Leute werden immer reden. Und deswegen denke ich mir: Mach' das, was dich glücklich macht. Und es ist auch einfach mal wichtig, cringe zu sein, tatsächlich. Einfach auch mal sich selbst nicht zu ernst zu nehmen und auch den Lehrerberuf einfach nicht so ernst zu nehmen." Er sei sich sicher, dass ein Großteil der Schülerinnen und Schüler das feiere, was er mache.
Social Media als Türöffner für Gespräche
Er versuche im Klassenzimmer eine Harmonie zu schaffen, in der sich die Schülerinnen und Schüler wohlfühlen. "Der Zugang gelingt mir dadurch einfacher, dass ich eben Social Media mache. Die Schülerinnen und Schüler kennen das, machen das vielleicht teilweise selber, fühlen sich da einfach angesprochen, lassen sich inspirieren, motivieren, weil ich da auch wirklich Themen anspreche, die nicht nur mich betreffen, sondern auch breit gefächert sind."
Erst neulich habe ihn eine Kollegin auf den Post zu seiner Essstörung angesprochen. Er trage damit dazu bei, dass sich Schülerinnen und Schüler leichter Hilfe suchten. Das sei auch seine Absicht gewesen, dass junge Menschen dann sagen: "Vielleicht kann ich mich öffnen, wenn er sich so verletzlich zeigt und einfach zeigt, was er durchgemacht hat." Er wolle ihnen Mut machen: "Egal was es ist, es ist vergänglich, es gibt eine Lösung, ihr könnt es überwinden, wenn ihr auch euch traut, Hilfe anzunehmen."
Natürlich muss da auch die Autorität noch gewahrt sein.
Emotionale Belastung als Vertrauenslehrer
Tatsächlich sei er für viele Schülerinnen und Schüler oft der erste Ansprechpartner bei Problemen. Er müsse dann aufpassen, dass ihn das nicht zu stark emotional belaste. "Ich habe dann selbst die Aufgabe, mich abzugrenzen, zu sagen: 'Hey, ich möchte dir helfen, deswegen verweise ich dich auf diese und jene Stelle.'"
Denn klar sei auch, nur wenn er sich selbst schütze, könne er auch anderen helfen. "Das braucht auch eine starke Psyche, eine starke mentale Kraft." Kizilay wünscht sich deshalb mehr Unterstützung etwa von Schulpsychologen.
Forderung nach kleineren Klassen und mehr Schulpsychologen
Er fordert von der Politik, den Lehrermangel zu beheben und multiprofessionelle Teams bereitzustellen. Das Wichtigste seien kleinere Klassen, um individuell fördern zu können. Und: "Wir brauchen einfach viel mehr externes Personal, wie Schulpsychologen, Beratungslehrkräfte, Unterstützung von Schulsozialarbeitern, weil die Kinder immer heterogener werden."
Es sei längst nicht mehr so, wie er im Studium gelernt habe, dass es für Lehrkräfte um 50 Prozent Bildung und 50 Prozent Erziehung gehe. "Diese Waage hält sich nicht mehr. Das ist viel mehr Erziehung als Bildung."