"Religion heißt doch nicht, nur zu Hause beten" - der Stuttgarter Stadtdekan Christian Hermes hält wenig von einer Kirche, die sich aus gesellschaftlichen Debatten heraushält. Im SWR-Videopodcast "Zur Sache! intensiv" spricht er über Fremdenhass, Glaubwürdigkeitsverlust nach den Missbrauchsskandalen und darüber, warum die katholische Kirche sich aus den "Schlafzimmern der Leute" heraushalten sollte.
Christian Hermes bringt zum Interview erst einmal ein Geschenk mit: eine selbst gebackene "Seele". Das Gebäck passt zum Beruf, sagt der Stuttgarter Stadtdekan und Seelsorger mit einem Grinsen. Kurz darauf ist klar: Hermes ist keiner, der glattgebügelte Formeln abspult. Er spricht gern zugespitzt - und hält wenig von einer Kirche, die bloß fromm wirkt, aber politisch verstummt.
Sobald Kirche über soziale Fragen spreche, über Pflege, Armut, Inklusion oder Menschenwürde, sei sie ohnehin mitten in politischen Debatten. Die oft erhobene Forderung, Kirche solle sich aus Politik heraushalten, hält Hermes deshalb grundsätzlich für falsch.
Kann ein überzeugter Christ AfD wählen?
Besonders deutlich wird Hermes beim Thema AfD. Bei der jüngsten Landtagswahl am Sonntag erreichte die Partei 18,7 Prozent und konnte ihr Ergebnis nahezu verdoppeln. Seit Jahren bezieht er öffentlich Stellung gegen Rechtsextremismus - und macht auch keinen Hehl daraus, sich immer wieder mit der Partei angelegt zu haben. Im Interview formuliert er nun auch eine klare persönliche Haltung zur Wahl der Partei. Auf die Frage, ob ein überzeugter Christ AfD wählen könne, antwortet er: "Meiner Meinung nach nicht."
Hermes betont zugleich, dass in einer Demokratie selbstverständlich jede und jeder frei wählen dürfe. Einen moralischen Freifahrtschein will er daraus aber nicht ableiten. Christlicher Glaube und eine Politik, die Menschen abwerte oder entwürdige, passten für ihn nicht zusammen.
Damit bewegt sich Hermes bewusst in einem Feld, das viele Kirchenvertreter vorsichtiger betreten. Eine Kirche, die aus Angst vor Konflikten oder vor Mitgliederschwund profillos werde, verliere am Ende nicht nur Mitglieder, sondern auch ihre Würde.
Glaubwürdigkeit als größte Herausforderung für die Kirche
Gleichzeitig sieht Hermes die katholische Kirche selbst in einer tiefen Krise. Besonders die Missbrauchsskandale hätten Vertrauen zerstört. Auf die Frage, ob er verstehen könne, dass viele Menschen die Kirche deshalb nicht mehr als moralische Instanz sehen, antwortet er: "Touché". Und ergänzt: "Wenn einer Glaubensgemeinschaft nicht mehr geglaubt wird, dann ist sie in ihrer Existenz bedroht."
Aus seiner Sicht hätten jedoch weiterhin nicht alle Verantwortlichen innerhalb der Kirche die Tragweite des Problems verstanden. Und er geht noch weiter: Vieles sei möglicherweise noch gar nicht vollständig aufgearbeitet. Man wisse weiterhin nicht, "was wir nicht wissen", sagt Hermes.
Als Beispiel nennt er den früheren Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch. Dieser habe sich öffentlich für Aufklärung eingesetzt. Später sei jedoch bekannt geworden, dass in der Vergangenheit auch Akten zurückgehalten und Ermittlungen behindert worden seien. Solche Fälle hätten das Vertrauen vieler Menschen zusätzlich erschüttert, sagt Hermes.
Skeptisch blickt er auch auf andere Länder. In Staaten wie Italien oder Spanien werde Missbrauch bislang nicht in vergleichbarer Tiefe aufgearbeitet wie inzwischen in Teilen Deutschlands. Dass es dort weniger Fälle gegeben habe, hält Hermes für wenig plausibel. Für ihn ist deshalb klar: Die Kirche darf nicht so tun, als sei das Kapitel bereits abgeschlossen.
Reformdebatte über Zölibat und Machtstrukturen
Hermes spricht sich auch für Veränderungen innerhalb der katholischen Kirche aus. Der verpflichtende Zölibat für Priester etwa sei kein unveränderliches Glaubensdogma.
"Das sind Kirchengesetze. Die könnte man relativ leicht ändern", sagt er. Der Zölibat gehöre "nicht zum Wesen des Priestertums". In der katholischen Kirche gebe es ohnehin bereits verheiratete Priester - etwa in den Ostkirchen oder bei Geistlichen, die aus anderen Konfessionen zur katholischen Kirche gewechselt sind.
Grundsätzlich fordert der Stadtdekan einen offeneren und positiveren Umgang mit Fragen von Sexualität innerhalb der Kirche. Über Jahrhunderte habe die Kontrolle über Sexualität auch eine Form kirchlicher Machtausübung dargestellt, sagt Hermes. Regeln zu Sexualität, Fasten oder Lebensführung hätten immer auch eine disziplinierende Funktion gehabt.
Eine religiöse Gemeinschaft solle sich aber nicht mit dem intimsten Privatleben der Menschen beschäftigen.
Wir sind eine Religionsgemeinschaft und keine voyeuristische Schnüffelgruppe.
Kirche vor radikalem Wandel
Trotz sinkender Mitgliederzahlen glaubt Hermes nicht an ein Ende der katholischen Kirche in Deutschland. Allerdings stehe sie vor grundlegenden Veränderungen. "Wir sind in einem radikalen Transformationsprozess, wirklich einer Disruption", sagt er. Die Kirche werde künftig kleiner sein und weniger Ressourcen haben.
"Wir werden wahrscheinlich sehr viel kleinere Brötchen backen in Zukunft", sagt Hermes. Entscheidend sei aber etwas anderes: "Wichtig ist, dass wir Brötchen backen und dass die Brötchen gut sind."
Hermes gilt innerhalb der katholischen Kirche seit Jahren als Reformstimme. Spätestens seit dem "Synodalen Weg" ist er bundesweit als Kritiker kirchlicher Machtstrukturen bekannt. In Stuttgart wurde er zuletzt zum dritten Mal als Stadtdekan wiedergewählt.