Kompromissvorschlag im "Kulturkampf"

Unfallforscher für generelles Tempolimit von 140 auf Autobahnen

Es ist ein ewiges Streitthema: Das Tempolimit auf Autobahnen. Ein Verkehrsexperte wünscht sich einen Kompromiss.

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Von Autor/in Henning Otte

Unfallforscher über Tempolimit & Aggression I Zur Sache Intensiv

Der Unfallforscher Siegfried Brockmann hat ein generelles Tempolimit von 140 Stundenkilometern auf Autobahnen vorgeschlagen. Viele Unfälle passierten dadurch, dass auf den drei Spuren der Autobahn sehr unterschiedlich schnell gefahren werde. Ganz rechts führen Lastwagen etwa 80, in der Mitte werde zwischen 120 und 140 km/h gefahren und ganz links deutlich schneller. "Das macht Spurwechsel sehr kompliziert, besonders für Ältere", sagte Brockmann im SWR-Videopodcast "Zur Sache! intensiv". Es müsse darum gehen ein "homogeneres Geschwindigkeitsniveau" zu bekommen. "Das muss aber nicht 130 sein."

Mehrheit würde Beschränkung auf Tempo 140 mittragen

Er halte es für einen Fehler, dass die schwarz-rote Bundesregierung nur über den SPD-Vorschlag eines Tempolimits von 130 diskutiert habe. Ein Tempolimit von 140 würde aus seiner Sicht von vielen mitgetragen. "Der Unterschied politisch ist, es gäbe dann gar keinen Widerstand." Etwa 90 Prozent der Leute wären aus seiner Sicht einverstanden. Denn man wisse aus Studien: "Die meisten Fahrerinnen und Fahrer auf der Autobahn fahren nicht schneller als 140."

Brockmann kritisierte, dass es bei diesem Thema nicht mehr um Verkehrssicherheit oder Klimaschutz gehe, sondern um einen "Kulturkampf". Die Erfolgschancen für ein Tempolimit 140 seien gleich null. "Deswegen, weil es in der Politik nicht darum geht, die beste Lösung zu finden, sondern eine Schlacht auszutragen." Deutschland ist das einzige Land in Europa, das kein generelles Tempolimit auf Autobahnen hat.

Parteien nutzten Tempolimit für "Kulturkampf"

Es sei ein "Kulturkampf", bei dem auf der einen Seite die Leute stünden, die dem Auto kritisch gegenüberstehen und ein Tempolimit von 100 oder 120 km/h wollen und alles andere ablehnen. Und die anderen sagen, man wolle grundsätzlich keine neuen Regeln und damit auch kein Tempolimit. "Wenn da einer daherkommt, der das befrieden könnte, das wäre doch furchtbar", sagte Brockmann mit ironischem Unterton. Rund elf Prozent der tödlichen Unfälle ereignen sich auf Autobahnen.  

CDU BW gegen Tempolimit: individuelle Freiheit auch wichtig

Thomas Dörflinger, verkehrspolitischer Sprecher der CDU-Landtagsfraktion, erklärte, man nehme die Hinweise der Unfallforschung ernst. "Gleichzeitig bleibt für uns klar: Ein generelles Tempolimit ist kein Allheilmittel", sagte er dem SWR. "Wir setzen auf moderne Verkehrsleitsysteme, digitale Verkehrssteuerung und gezielte Geschwindigkeitsbeschränkungen dort, wo sie aus Gründen der Sicherheit oder des Lärmschutzes notwendig sind. Ein starres Limit von 140 km/h greift zu kurz." Die CDU wolle "Sicherheit, Klimaschutz und individuelle Freiheit in Einklang bringen - mit intelligenten Lösungen".

Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder (CDU) hatte vor kurzem erklärt, er halte ein generelles Tempolimit auf Autobahnen für überflüssig. "Die Durchschnittsgeschwindigkeit auf deutschen Autobahnen beträgt nicht einmal 115 Stundenkilometer." Es gebe bereits vielfach Geschwindigkeitsbegrenzungen, hinzu kämen Baustellen und Staus. "Man kann in Deutschland nur auf wenigen Strecken wirklich schnell fahren."

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Grüner Verkehrsminister BW beklagt Verweigerungshaltung

Landesverkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) hält ein Tempolimit auf Autobahnen dagegen für längst überfällig. "Trotz stabiler Mehrheiten in der Bevölkerung für Tempo 130 haben die Entscheiderinnen und Entscheider in der Bundesregierung und im Bundestag ein solches nie umgesetzt. Das nenne ich eine Verweigerungshaltung." Aber auch die Idee des Unfallforschers Brockmann überzeugt ihn nicht. "Der Vorschlag eines Limits von 140 Stundenkilometern wird nicht weiterführen, solange Tempolimits grundsätzlich abgelehnt werden." Im Übrigen gelte: "Je höher ein Tempolimit angesetzt ist, desto schwächer ist seine Wirkung."

Mehrheit für generelles Tempolimit auf Autobahnen

Dabei steigt die Zahl der Menschen, die für ein generelles Tempolimit sind, seit Jahren. Zuletzt ergab eine Umfrage des ADAC unter seinen Mitgliedern, dass 55 Prozent für ein solches Tempolimit auf Autobahnen sind, und 41 Prozent dagegen. Bisher sind ungefähr 30 Prozent der 13.000 Kilometer Autobahn zeitweise und ganz mit einem Tempolimit versehen, hinzu kommen noch die Baustellenbereiche.  

Zu der Frage, ob ein Tempolimit auf Autobahnen die Sicherheit erhöht, fehlen Studien. Modellrechnungen kommen immer wieder zum Schluss, dass es klar weniger Verkehrstote bei geringerem Durchschnittstempo gäbe. Physikalisch gesehen, ist dies nachvollziehbar: Je höher die Geschwindigkeit, desto länger ist der Bremsweg und heftiger die Wucht, mit der Fahrzeuge aufeinanderprallen.

Rein statistisch sind Autobahnen die sichersten Straßen

Doch es ist kompliziert: Das Autobahnnetz umfasst mit 13.000 Kilometern nur 1,6 Prozent aller Straßen in Deutschland. Jedoch werden dort rund ein Drittel aller jährlich gefahrenen Kilometer zurückgelegt. Bereits heute - ohne allgemeines Tempolimit - seien sie die sichersten Straßen, argumentieren Tempolimit-Gegner. Rein statistisch gesehen haben sie recht: 11 Prozent der Verkehrstoten entfielen 2022 auf Autobahnen. Tempolimit-Befürworter halten dagegen, es gebe auf Autobahnen schließlich keinen Gegenverkehr. Autofahrer müssten auch nicht plötzlich mit Fußgängern oder Radfahrern rechnen.

Wie hoch wäre der Klimaeffekt eines Tempolimits?

Ein weiterer Streit dreht sich um den Klimaeffekt eines Tempolimits auf Autobahnen. Die Bundesanstalt für Straßen- und Verkehrswesen hatte im Frühjahr eine Studie vorgestellt, wonach der Effekt eines Tempolimits von 130 Stundenkilometern gering sei. Es könnten pro Jahr 1,3 bis 2 Millionen Tonnen klimaschädliches Kohlendioxid (CO2) eingespart werden. Zum Vergleich: Die gesamten CO2-Emissionen auf deutschen Autobahnen betrugen für Autos und leichte Nutzfahrzeuge im Jahr 2023 zusammen 38,7 Millionen Tonnen.

Das Umweltbundesamt (UBA) erklärte dagegen schon Anfang des Jahres, ein solches Tempolimit "wäre ein kurzfristig realisierbarer, kostengünstiger und wirksamer Beitrag zur Reduzierung der Treibhausgasemissionen des Verkehrs. Zudem würde auch die Verkehrssicherheit erhöht und die Lärm- und Schadstoffemissionen gemindert". Laut UBA-Studie würde der Einspareffekt bei einer Begrenzung auf 130 km/h auf Autobahnen und 100 km/h auf Landstraßen bei 2,2 Prozent liegen. Das wären 3,2 Millionen Tonnen der insgesamt 144 Millionen Tonnen CO2, die pro Jahr im Straßenverkehr ausgestoßen werden.

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Erstmals publiziert am
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Autor/in
Henning Otte
SWR-Reporter und -Redakteur Henning Otte, SWR Landespolitik

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