Neue EU-Regel für Kläranlagen

Weniger Medikamente, Duschgel & Süßstoffe: Abwasser in RLP soll sauberer werden

Viele Dinge, die wir täglich benutzen, landen im Abwasser - und belasten die Umwelt. Neue Technik in Kläranlagen in Rheinland-Pfalz soll das Wasser besser reinigen. Doch vielerorts fehlt dafür noch das Geld.

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Vor dem Schlafengehen noch schnell eine Schmerzsalbe auftragen, die Hände waschen und ins Bett - was für viele ganz normal ist, beschäftigt Henning Knerr seit Jahren. Er leitet die Beratungsstelle Abwasser Rheinland-Pfalz an der Uni Kaiserslautern. Laut ihm unterschätzen viele Menschen, was täglich im Abfluss landet.

Dazu gehören unter anderem Rückstände von Medikamenten, Duftstoffe aus Kosmetikprodukten und künstliche Süßstoffe, wie sie in vielen Light-Getränken enthalten sind.

Diese Stoffe gelangen über Toilette, Dusche oder Waschbecken in die Kanalisation und können aktuell in herkömmlichen Kläranlagen in Rheinland-Pfalz oft nicht vollständig entfernt werden. Das soll sich jetzt aber ändern. Und zwar durch die neue Kommunalabwasserrichtlinie, kurz KARL.

Mikroschadstoffe: Gefahr für Umwelt und Trinkwasser

Die Konzentrationen der Schadstoffe sind äußerst gering. "Wir reden hier über ein Millionstel bis ein Milliardstel Gramm", erklärt Henning Knerr von der Abwasser-Beratungsstelle. Dennoch: Bestimmte Süßstoffe können laut dem Experten Herzrasen bei Tieren auslösen und Hormone aus Medikamenten sogar die Fortpflanzung und Entwicklung von Fischen verändern.

Ein zentrales Problem ist, dass viele dieser Stoffe nur sehr langsam oder gar nicht abgebaut werden. "Wir finden sie nicht nur im Rhein in Rheinland-Pfalz, sondern auch jetzt schon im Grundwasser und möglicherweise in Zukunft auch mehr im Trinkwasser", sagt Knerr. Das würde bedeuten, dass das verunreinigte Trinkwasser zukünftig aufwendiger aufbereitet werden müsste.

Henning Knerr, Leiter der Beratungsstelle Abwasser Rheinland-Pfalz von der RPTU Kaiserslautern.
Henning Knerr, Leiter der Beratungsstelle Abwasser Rheinland-Pfalz an der RPTU Kaiserslautern. Reiner Voß, RPTU

Neue Klärtechnik für saubereres Wasser in RLP

Abhilfe schaffen soll die sogenannte vierte Reinigungsstufe in Kläranlagen. Mit ihr lassen sich gezielt diese Mikroschadstoffe aus dem Wasser filtern. In Rheinland-Pfalz müssen nach Angaben des Umweltministeriums bis 2045 65 der 660 Kläranlagen mit einer weiteren Reinigungsstufe ausgestattet werden. Zunächst sollen dabei Anlagen ausgebaut werden, die das geklärte Abwasser beispielsweise in Flüsse, Seen oder auch kleine Bäche einleiten oder sehr groß sind.

Mainz bekommt ab 2027 die 4. Reinigungsstufe

Dazu gehört auch die Kläranlage in Mainz, die aktuell schon umgebaut wird. Rund 45 Millionen Liter Schmutz- und Niederschlagswasser erreichen sie täglich, sagt Christian Schulze, Sprecher des Mainzer Wirtschaftsbetriebs. Das gereinigte Wasser landet dann im Rhein.

Das Zentralklärwerk in Mainz und die Hauptverwaltung wurde von oben mit einer Drohne aufgenommen.
In Mainz wird im kommendem Jahr die Reinigungsstufe 4 in Betrieb genommen. Dann ist die Kläranlage laut Umweltministerium eine der modernsten in Deutschland. Christian Schulze, Wirtschaftsbetrieb Mainz

An die Kläranlage angeschlossen sind auch die Universitätsmedizin und weitere Mainzer Kliniken und Krankenhäuser. Mit der neuen Reinigungsstufe 4 könne die Kläranlage dann auch kleinste Schadstoffe wie Arzneimittelwirkstoffe, Röntgenkontrastmittel, Hormone oder Mikroplastik aus dem Abwasser filtern, heißt es vom Wirtschaftsbetrieb.

Land und Bund beteiligen sich an Kosten in Mainz

Die Rohbauarbeiten für das neue Klärwerk in Mainz sind fast fertig. Die neue Anlage soll dann im kommenden Jahr in Betrieb gehen. Die Kosten belaufen sich nach Angaben des Wirtschaftsbetriebs auf knapp 30 Millionen Euro - rund die Hälfte übernehmen Land und Bund.

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Ausbau der Kläranlagen ist technisch aufwendig und teuer

"Die Finanzierungsfrage ist das Thema, woran es tatsächlich hakt", betont Henning Knerr von der Uni Kaiserslautern mit Blick auf andere Standorte im Land. Denn der Ausbau der Kläranlagen ist technisch aufwendig und teuer.

Die EU setzt deshalb auf die sogenannte erweiterte Herstellerverantwortung. Künftig sollen Unternehmen, die Arzneimittel und Kosmetikprodukte herstellen, einen Großteil der Kosten übernehmen. Vorgesehen ist, dass sie mindestens 80 Prozent der Ausgaben für Bau und Betrieb der vierten Reinigungsstufe tragen. Diese Regelung greift jedoch erst ab Ende 2028.

Kläranlage in Jockgrim liegt vorerst auf Eis

Für die Kläranlage Jockgrim im Landkreis Germersheim beispielsweise hat das zur Folge, dass die neue Technik erstmal auf Eis liegt. Eigentlich hatte die Verbandsgemeinde Jockgrim geplant, ihre Kläranlage ebenfalls um eine vierte Reinigungsstufe zu erweitern. Doch die ursprünglich erwarteten Kosten von rund vier Millionen Euro haben sich laut neuer Planung auf bis zu zehn Millionen Euro erhöht. Da die Pharma- und Kosmetikkonzerne aktuell noch nicht dafür aufkommen müssen, wird in der Kläranlage Jockgrim vorerst noch nicht umgebaut, erklärt Henning Knerr.

Der Verbandsgemeinderat hat entschieden, Anfang kommenden Jahres erneut darüber zu beraten. Außerdem wird laut Bürgermeister Karl Dieter Wünstel (CDU) aktuell ein alternatives Verfahren getestet. Dabei wird Aktivkohle hinzugefügt, um Schadstoffe zu reduzieren, ohne die Kläranlage ausbauen zu müssen. "Ob das funktioniert und ob es eine geeignete Alternative ist, wird derzeit noch getestet", so Wünstel.

Die Luftaufnahme mit einer Drohne zeigt das Klärwerk im Koblenzer Industriegebiet.
Auch die Koblenzer Kläranlage muss die vierte Reinigungsstufe einführen. Aktuell läuft laut Stadt eine Vorstudie, die unter anderem ein erstes Abwasserscreening durchführen und den Platzbedarf ermitteln soll. Thomas Frey

Auch Verbraucher können Beitrag leisten

Henning Knerr von der Beratungsstelle Abwasser Rheinland-Pfalz ist überzeugt, dass in Zukunft noch weitere Herausforderungen auf die Wasseraufbereitung in Rheinland-Pfalz zukommen werden. Denn viele Stoffe, die sich in unserem Abwasser befinden könnten, seien bislang noch gar nicht vollständig erfasst. Die Technik entwickele sich zwar weiter - doch das allein reiche nicht.

Jeder Haushalt in Rheinland-Pfalz kann die Wasserbelastung verringern. Ob im Bad, in der Küche oder beim Griff zu Tablette oder Creme: Im Alltag entscheidet sich auch, wie aufwendig unser Abwasser später gereinigt werden muss – damit es am Ende wieder als sauberes Trinkwasser zurückkommt.

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