Tipps für Eltern, Kinder und Jugendliche

Interview mit Kinderärztin über Diabetes Typ 1: Krankheit kein Hindernis für Sport

Pro Jahr erkranken bundesweit mehr als 4.000 Kinder und Jugendliche an Diabetes Typ 1. Am Welt-Diabetestag gibt eine Expertin Tipps für Eltern, Kinder und Jugendliche.

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SWR Aktuell: Frau Dr. Nicola Matejek, sie sind Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin mit Schwerpunkt Pädiatrische Endokrinologie und Diabetologie am Klinikum Worms. Beobachten Sie eine Zunahme von Diabetes-Typ-1-Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen?

Dr. Nicola Matejek: Ja, wir beobachten tatsächlich eine kontinuierliche Zunahme. Es gab eine sprunghafte Zunahme während der Corona-Pandemie. Kurz nach der Pandemie gab es eine kurze Erholung. Jetzt sehen wir aber wieder eine langsame Steigerung. Wenn wir unsere Zahlen nennen, sind es zum Beispiel in Worms sonst zehn bis 15 Manifestationen (Diagnose Diabtetes Typ 1, Anm. Red.) pro Jahr. Jetzt haben wir 15 bis 20 Manifestationen pro Jahr. Also es ist ein kontinuierlicher Anstieg, der sich auch in den deutschen Zahlen, die im DPV-Register dokumentiert sind, zeigen (DPV: Diabetes-Patienten-Verlaufsdokumentation) .

Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Es ist weltweit eine Zunahme an Autoimmunerkrankungen zu verzeichnen. Der richtige Grund ist meines Wissens unklar, aber viele Autoimmunerkrankungen werden mehr. Und dazu gehört auch der Typ-1-Diabetes.

Typ-1-Diabetes bei einem Kind. Das bedeutet sowohl für die Eltern wie für das Kind erst mal einen Schock, wenn die Diagnose kommt. Was raten Sie denn als Ärztin den Eltern?

Wir sind zum Glück seit einigen Jahren in der Lage, immer besser den Typ-1-Diabetes zu behandeln. Wir haben Pumpen, wir haben Sensoren, die die Behandlung wirklich sehr sicher und komfortabel machen für die Familien. Wir brauchen natürlich Familien, die wirklich von Anfang an voll mit dabei sind. Sie müssen ihr ganzes Leben schon umstellen. Es ist vieles nicht mehr so spontan möglich wie vorher. Aber das Kind kann in die Kita, kann die Regelschule besuchen. Und wenn die Lehrkräfte, wenn die Erzieher und Erzieherinnen mitarbeiten, geht das auch ohne zusätzliche Personen.

Wir haben Pumpen, wir haben Sensoren, die die Behandlung wirklich sehr sicher und komfortabel machen für die Familien.

Sie sprechen da die technischen Hilfsmittel an, nämlich die Insulinpumpen, die auch über ein Handy überwacht werden können. Also die Eltern können sehen, wenn das Kind in eine Unterzuckerung kommt. Auch das Kind kann selbst die Pumpe einstellen. Das heißt: Beide müssen lernen, Eltern und Kinder, diese Geräte zu bedienen?

Mit speziellen Apps kann der Blutzuckerspiegel mit dem Smartphone überwacht werden.
Mit speziellen Apps kann der Blutzuckerspiegel mit dem Smartphone überwacht werden.

Genau das ist sicherlich etwas, was nicht jede Familie leisten kann. Dieses technische Verständnis, diese Geräte zu bedienen, diese Supervision von zu Hause, vom Arbeitsplatz der Eltern. Aber es ist für das Kind und auch für die Einrichtung, in der das Kind dann ist, immer eine große Sicherheit, wenn die Eltern auch von außen mit reagieren können. Deswegen ist zum Beispiel ein Smartphone während des Unterrichts bei diesen Kindern zu erlauben.

Was raten Sie denn den betroffenen Kindern und Jugendlichen? Für die ist das ja erstmal so ein Gedanke: Ach, jetzt kann ich gar nicht mehr mit anderen Kindern spielen. Können die keinen Sport mehr machen?

Nein, die können wirklich alles weitermachen. Es ist alles - wie ich schon sagte - nicht mehr so spontan. Aber wir haben Profifußballer, die ihre Karriere angehen, für die natürlich auch erst mal mit der Diagnose eine Katastrophe droht. Aber auch die können mit diesen modernen Geräten leben. Man muss sich da sehr reinknien, und man muss es wirklich wollen. Aber die können ganz normal weiter ihren Alltag leben.

Wir haben Profifußballer, die ihre Karriere angehen ... Aber auch die können mit diesen modernen Geräten leben.

Behindert diese Insulinpumpe nicht beim Sport?

Nein, denn es ist alles mittlerweile wirklich gut verpackt und klebbar. Man kann auch manche Modelle während des Sports ablegen. Wenn ein Fußballspiel anderthalb Stunden dauert, dann darf die Pumpe auch mal nebendran sein. Das muss man individuell besprechen. Es braucht viel Aufwand, aber es geht alles weiter. Und das ist das Gute an dieser Behandlung.

Grafik: Fallzahlen Diabetes 1 und 2

Sind die Schulen und Kitas ihrer Meinung nach ausreichend vorbereitet auf solche Kinder mit Diabetes Typ 1?

Nein, leider nicht. Die Ängste sind tatsächlich sehr groß bei den Lehrkräften, bei den Erzieherinnen, bei den Erziehern - und nicht zu Unrecht. Sie haben dadurch eine große Verantwortung. Wenn sie sich aber öffnen für diese Behandlung, wenn sie eine Schulung in den Einrichtungen besuchen, bekommen Sie sehr viel Sicherheit und können dadurch die Familien sehr unterstützen.

Auch das Thema Schulkrankenschwester wird hier zum Beispiel in Rheinland-Pfalz sehr vorangetrieben. Auch das sind Personen, die Aufgaben übernehmen können, sodass wir favorisieren, nicht eine Person extra für dieses Kind zu beauftragen, den Diabetes mit zu managen, sondern dass es von einer Schulkrankenschwester oder auch mal von der Lehrkraft mitversorgt werden kann. Wenn die das denn möchte. Man kann sie nicht dazu verpflichten. Aber es ist eine Bereicherung, wenn das Kind regulär den Unterricht besuchen kann. Und es kann es. Es hat sonst keine Behinderung. Es braucht nur Insulin fürs Essen.

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Erstmals publiziert am
Stand
Das Interview führte
Martin Heuser
Martin Heuser ist Redakteur bei SWR Aktuell in Rheinland-Pfalz

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