Über 40 Grad: Für Pflegeheime und Krankenhäuser sind Temperaturen, wie sie Rheinland-Pfalz Ende Juni erlebt hat, eine extreme Herausforderung. Wie schnell die Lage kritisch werden kann, zeigte sich im pfälzischen Eisenberg.
Im dortigen AZURIT Seniorenzentrum mussten drei Personen nach hitzebedingten Beschwerden ins Krankenhaus gebracht werden. Weil immer mehr Bewohner gesundheitliche Probleme durch die Hitze bekamen und der Rettungsdienst die Lage alleine nicht mehr bewältigen konnte, wurde der Katastrophenschutz eingeschaltet. Eine "Schnelleinsatztruppe" mit zusätzlichen Sanitätskräften untersuchte knapp 80 Bewohner, acht von ihnen mussten vor Ort behandelt werden.
In der Stadtklinik Frankenthal war die Situation noch dramatischer: Dort starben Ende Juni fünf Menschen innerhalb eines Wochenendes, die wegen der Hitze in die Klinik eingeliefert worden waren. Droht medizinischen Einrichtungen in Deutschland der Hitze-Kollaps?
Drei Bewohner im Krankenhaus Großeinsatz wegen Hitze in Seniorenheim in Eisenberg
Fast 40 Grad draußen - schon in den eigenen vier Wänden fällt es schwer, einen kühlen Platz zu finden. Für Pflegeheime sind solche Temperaturen eine besondere Herausforderung. Wie schnell die Lage kritisch werden kann, zeigte sich am Wochenende in Eisenberg.
Ab welcher Raumtemperatur wird es gefährlich - und warum?
Die Raumtemperatur in Krankenhäusern und Pflegeheimen sollte aus medizinischen Gründen zwischen 22 und 26 Grad liegen, teilte die Landesärztekammer auf SWR-Anfrage mit. Eine gesetzliche Regelung gibt es nicht.
Bei Hitze weiten sich die Blutgefäße, damit der Körper Wärme abgeben kann. Dadurch geht der Blutdruck in den Keller. Insbesondere bei Menschen mit Herzproblemen, Bluthochdruck, Diabetes oder chronischen Lungenerkrankungen sei deshalb Vorsicht geboten. Wird an heißen Tagen zu wenig getrunken, drohten Kreislaufprobleme, Schwindel oder im Extremfall ein Hitzschlag, der tödlich enden kann.
Gab es aufgrund der Extremhitze Ende Juni mehr Hitzetote?
Hitzebedingte Sterbefälle werden vom Robert-Koch-Institut (RKI) erfasst. Meistens führe eine "Kombination aus Hitzeexposition und bereits bestehenden Vorerkrankungen zum Tod", teilt das RKI in seinem Wochenbericht vom 9. Juli mit. Bis Ende Juni (KW 26) habe es demnach in diesem Jahr schätzungsweise 560 hitzebedingte Sterbefälle in Rheinland-Pfalz gegeben. Das seien bereits jetzt doppelt so viele wie im gesamten Vorjahr.
Bundesweit waren es rund 5.120 Fälle. Bis zur KW 25 waren es noch etwa 810 in ganz Deutschland.
Was ist bei Hitze in Pflegeheimen und Krankenhäusern zu tun?
Die Landesärztekammer empfielt, ab 26 Grad Raumtemperatur Maßnahmen zu ergreifen: Lüften in den kühleren Morgen- und Abendstunden, Sonnenschutz durch Jalousien und Rollläden tagsüber. Ventilatoren könnten kurzfristig Linderung verschaffen, werden aber aus hygenischen Gründen speziell in Krankenhäusern kritisch gesehen. Dort bekämen Patientinnen und Patienten Kühlpacks gereicht sowie kalte Arm- und Fußwickel.
"In vielen Einrichtungen kommen kühlende Maßnahmen wie feuchte Tücher, leichte Bettwäsche oder gekühlte Aufenthaltsbereiche zum Einsatz", erklärt der Geschäftsführer der Pflegegesellschaft Rheinland-Pfalz, Sebastian Rutten.
Außerdem gilt natürlich immer und überall: Viel trinken - Wasser, Tee oder verdünnte Fruchtsäfte. Auch wasserreiches Essen - etwa eine Wassermelone - hilft. Das Abduschen der Beine wird zudem als angenehm empfunden.
Gibt es ein Hitzeschutzgesetz oder einen Aktionsplan?
Ein Hitzeschutzgesetz existiert in Deutschland nicht. Für die Mitarbeitenden in Pflegeeinrichtungen und Kliniken gelten die Technischen Regeln für Arbeitsstätten (ASR). Dort ist vorgesehen, dass der Arbeitgeber ab einer gewissen Temperatur tätig werden muss (Getränke anbieten, Änderung der Tagesabläufe, Verdunkelung der Räume). Bei Temperaturen über 35 Grad ist der Arbeitsplatz laut ASR nicht mehr als Arbeitsplatz geeignet.
In Rheinland-Pfalz gibt es außerdem einen Hitzeaktionsplan. Dieser legt unter anderem fest, wie besonders gefährdete Menschen sensibilisiert werden können und welche Maßnahmen vor und während einer Hitzewelle zu ergreifen sind. Die konkrete Umsetzung aber liegt vor allem bei den Kommunen und den Einrichtungen selbst.
Krankenhäuser fordern mehr Geld Heißer Sommer: Fast alle Klinikgebäude ohne ausreichenden Hitzeschutz
Große Hitze kann besonders auch in Krankenhäusern zum Problem werden. Eine Umfrage zeigt, ein Großteil der Klinikgebäude im Land ist nicht gewappnet.
Und genau hier liege das Problem: In vielen Einrichtungen gebe es so wenig Personal, dass kaum Spielraum für außergewöhnliche Belastungen bleibe, warnt die Landespflegekammer. Blutdruck messen, zum Trinken animieren, Bewohner und Patienten verlegen: An extrem heißen Tagen stoße ein auf den Normalbetrieb ausgelegter Personalschlüssel an seine Grenzen.
Rolläden, Klimanlagen - was muss sich baulich noch tun?
Noch immer fehle es in vielen Einrichtungen an hitzeresistenten Gebäuden und Verschattungssystemen, so die Landespflegekammer. Für die Kliniken seien solche baulichen Maßnahmen finanziell sehr belastend, sodass diese ohne staatliche Unterstützung kaum zu tragen seien.
Das bestätigt auch Markus von Puttkamer, Geschäftsführer bei der AZURIT Gruppe. Die Unternehmensgruppe betreibt bundesweit 61 Seniorenzentren, zehn davon in Rheinland-Pfalz. Sie ist auch Träger des Seniorenheims in Eisenberg, in dem eine "Schnelleinsatztruppe" knapp 80 Bewohner untersuchte.
"Wir müssen gemeinsam mit den Pflegekassen sprechen und müssen jetzt dafür sorgen, dass wir besser ausgestattet sind", sagte Puttkamer dem SWR. Deutschland müsse dann aber auch bereit sein, für die sensiblen Bereiche Geld zu investieren. "Weil: Sie können Konzepte schreiben, bis Sie schwarz werden. Ohne technische Hilfsmittel werden Sie diese Extreme [Anm.: extremen Temperaturen] nicht ausbalancieren können."
Für den Zehnthof in Eisenberg sei kurzfristig ein Klimagerät für das Dachgeschoss angeschafft worden, für die anderen Bereiche gebe es Mietgeräte. In großem Stil Klimageräte einzubauen sei extrem teuer für die Einrichtungen. "Wenn Sie eine komplette Einrichtung ausstatten, da können Sie schon mal gut bei 200.000 bis 300.000 Euro liegen", so Puttkamer.
An wen können sich Pflegekräfte und Angehörige von Pflegebedürftigen wenden?
Die Landespflegekammer empfiehlt, bei offensichtlichen Mängeln im Hitzeschutz stufenweise vorzugehen und sich zunächst an die Einrichtungsleitung und den Heimbeirat zu wenden. Im zweiten Schritt könne direkt die Pflegekasse informiert werden, die daraufhin den Medizinischen Dienst (MD) einschalten kann. Der nächste Schritt sei eine Information an die Beratungs- und Prüfbehörde (ehemals Heimaufsicht) für eine anlassbezogene Prüfung. In Rheinland-Pfalz bietet zudem das Patientenforum eine unabhängige Anlaufstelle.