"Im Umgang mit der Hitzebelastung in den Krankenhäusern gibt es erheblichen Nachholbedarf", sagt der Klinikdirektor des Diakonissen-Stiftungs-Krankenhaus Speyer, Christian Hofstetter. Kaum ein Krankenhaus verfüge über eine umfassende Klimatisierung oder ein entsprechendes Temperaturmanagementsystem.
Die Hitze hat laut der Unimedizin Mainz teils negative Auswirkungen auf den Zustand der Patientinnen und Patienten und ihre Behandlung: "Dies betrifft insbesondere ältere Menschen sowie jene, die unter Herz-Kreislauf-Erkrankungen leiden."
Umfrage: Krankenhäuser stehen bei Hitzeschutz "noch am Anfang"
Dass die Kliniken in Sachen Hitzeschutz dringend etwas tun müssen, zeigen auch Ergebnisse einer Umfrage des Deutschen Krankenhausinstituts. Drei von vier Kliniken haben bei der Befragung im vergangenen Jahr angegeben, dass wenige oder gar keine ihrer Stationen baulich an Hitze angepasst sind. Keine einzige der mehr als 300 Kliniken, die sich an der Befragung beteiligt haben, sieht sich als Vorreiter. Mehr als Zweidrittel der Befragten sagen, "in Sachen Hitzeschutz stehen wir erst am Anfang".
Die meisten Kliniken haben Probleme mit dem sommerlichen Wärmeschutz.
Auch neuere Gebäude oft nicht ausreichend ausgestattet
Eine ernüchternde Bestandsaufnahme, die auch Bauphysiker Jens Rieksmeier unterstreicht: "Die meisten Kliniken haben Probleme mit dem sommerlichen Wärmeschutz." Rieksmeier arbeitet bei den Ludwigshafener Architekten Sander/Hofrichter, die unter anderem auf den Bau von Krankenhäusern spezialisiert sind und etliche Klinikgebäude in Rheinland-Pfalz geplant und gebaut haben.
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Alte Menschen leiden besonders unter der Hitze - auch in Rheinland-Pfalz. Denn die meisten Gebäude sind nicht für die hohen Temperaturen ausgelegt.
Die Voraussetzungen in älteren Kliniken seien grundsätzlich schlechter als in neueren, sagt Rieksmeier. Aber auch in neueren Gebäuden gebe es oft Probleme: "Auch die sind auf die extremen Temperaturen nicht vorbereitet. 35 bis 40 Grad über einen längeren Zeitraum verkraften auch die Technikkonzepte in neueren Kliniken nicht unbedingt."
Krankenhäuser brauchen bessere Lüftungsanlagen
Die Universitätsmedizin in Mainz schreibt dazu, dass die Werte, die aktuell für Lüftungsanlagen in Krankenhäusern gelten, nicht mehr ausreichend sind: "Die aktuell gültigen Auslegungswerte gelten für eine Außenlufttemperatur von 32 °C und eine relative Außenluftfeuchte von 40 Prozent und erweisen sich tendenziell als unzureichend." Die Anlagen müssten künftig auf die früheren und längeren Hitzeperioden ausgelegt werden.
Patientenzimmer fast immer ohne Klimaanlage
Nach SWR-Recherchen sind in den meisten Kliniken OP-Räume, Intensivstationen und spezialisierte Bereiche wie etwa die Radiologie klimatisiert. Patientenzimmer oder Aufenthaltsräume haben aber in den meisten Fällen keine Kühlung.
Die Krankenhäuser versuchen nach eigenen Aussagen, die Zimmer mit kurzfristigen Maßnahmen so kühl wie möglich zu halten: Nachts wird gelüftet, tagsüber werden die Räume abgedunkelt. Einige Kliniken haben interne Hitzeschutzpläne eingeführt, zum Beispiel das Verbundkrankenhaus Bernkastel/Wittlich oder Krankenhäuser der Marienhaus-Gruppe.
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Auf 36 Grad und mehr kletterte das Thermometer am Sonntag. Da hatte das Klinikum Ludwigshafen gut zu tun. Viele Menschen, vor allem Senioren, kamen mit Hitze-Problemen in die Notaufnahme.
Kostenloses Wasser fürs Personal
Extrem hohe Temperaturen belasten nicht nur Patientinnen und Patienten. Auch das Personal in den Krankenhäusern leidet unter den erschwerten Bedingungen. Nach einer SWR-Recherche versuchen viele Kliniken, ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern das Arbeiten an besonders heißen Tagen erträglicher zu gestalten - mit kostenlosem Wasser, Speiseeis, einer luftigeren Dienstkleidung oder längeren Pausen.
Mit Spenden und Fundraising wird das kaum zu stemmen sein.
Deutsche Krankenhausgesellschaft fordert mehr Geld
Diese Maßnahmen könnten gut helfen, sagt der Vorsitzende der Deutschen Krankenhausgesellschaft, Gerald Gaß, wenn die extreme Hitze nur vorübergehend sei. So wie zum Beispiel in der ersten Juliwoche.
Langfristig benötigten die Krankenhäuser aber ein umfassendes Investitionsprogramm, um die Gebäude klimagerecht umzubauen und zu sanieren: "Nur so können Kliniken den Schutz von Patientinnen und Patienten sowie Personal vor den Folgen des Klimawandels sicherstellen." Aus Sicht der Krankenhausgesellschaft müssten vor allem die Bundesländer mehr in die Gebäude investieren.
Auch Christian Hofstetter, der Klinikdirektor des Diakonissen-Stiftungs-Krankenhaus Speyer, kritisiert, dass Kliniken derzeit kaum über den erforderlichen finanziellen Spielraum für Investitionen in diesem Bereich verfügen. "Mit Spenden und Fundraising wird das kaum zu stemmen sein", sagt Hofstetter.
Kühlere Temperaturen in neuen Häusern in Mainz und Trier
Immerhin gibt es im Land schon einige positive Beispiele: Das Krankenhaus der Barmherzigen Brüder Trier hat vor einigen Jahren 60 Millionen Euro in ein neues Bettenhaus investiert. Dort sind laut Klinikleitung alle Patientenzimmer und Mitarbeiterräume mit modernen Verschattungs- und Lüftungsanlagen ausgestattet. Eine Klimaanlage gebe es allerdings nur in einigen Zimmern für Privatpatienten. Im gesamten Gebäude seien öffentliche Trinkwasserspender angebracht.
Im Marienhaus Klinikum Mainz ist die Geriatrie in einem neu gebauten Gebäudekomplex untergebracht. Dort seien die Räume sehr gut gedämmt und deshalb auch angenehm kühl, sagen die Verantwortlichen. Das sei besonders bei der Versorgung von alten und schwachen Patientinnen und Patienten wichtig.
Klimaangepasster Neubau in Idar-Oberstein geplant
In Idar-Oberstein plant das Land mehr als 100 Millionen Euro in einen Neubau zu investieren. Dort sieht das Konzept vor, die Gebäude klimaangepasst zu bauen. Unter anderem sollen Fassaden und Dächer begrünt und eine Photovoltaikanlage installiert werden. Allerdings soll das neue Klinikgebäude erst 2040 fertig sein.