Privatschulen im Aufwind - elitärer Luxus oder Chance für alle?

Interview mit Schulexpertin: "Ein Glück, dass es Privatschulen gibt"

Die Zahl der Privatschulen steigt bundesweit. In Rheinland-Pfalz gab es von ihnen zuletzt mehr als 140. Was ist das Besondere an diesen Schulen und welche Bedeutung haben sie?

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Dr. Sabine Klomfass ist seit 2021 Professorin für Schulpädagogik mit den Schwerpunkten Erziehung und Bildung an der Universität Trier. Im SWR-Interview erklärt die Schulsystem-Forscherin Sabine Klomfass, welche Eltern ihre Kinder auf Privatschulen schicken und warum Eliten nicht unbedingt was Schlechtes sind.

SWR Aktuell: Frau Klomfass, mit welchen Privatschulen haben wir es hierzulande zu tun?

Sabine Klomfass: Da gibt es eine große Bandbreite. Die allermeisten sind gemeinnützig organisiert. Ein kleiner Teil arbeitet gewinnorientiert und in der Regel international. Diese gewinnorientierten Schulen adressieren vor allem Kinder aus Familien, die global orientiert sind, zum Beispiel durch international anerkannte Abschlüsse und ein mehrsprachiges Unterrichtsangebot. In Rheinland-Pfalz ist die International School Westpfalz in Landstuhl ein gutes Beispiel dafür, mit einer jährlichen Schulgebühr von etwa 16.000 bis 18.000 Euro.

Die Einrichtung von Privatschulen ist grundgesetzlich normiert. Das ist eine Lehre aus dem Faschismus, in dem es den Nationalsozialisten gelang, nicht nur jüdische Schüler:innen komplett aus der Schule auszuschließen, sondern alle staatlichen Schulen im Sinne der rechtsextremen Ideologie zu indoktrinieren.

Professor Dr. Sabine Klomfass
Professorin Sabine Klomfass forscht an der Universität Trier. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind unter anderem die Schulpädagogik und die Kritische Schulform- und Schulsystemforschung.

SWR Aktuell: Und die anderen Privatschularten?

Klomfass: Ich würde noch drei weitere Privatschularten ausmachen, wobei es viel Spielraum für einzelschulische Varianten gibt. Erstens die kirchlichen Schulen, in Trier gibt es beispielsweise einige. Zweitens die reformpädagogischen Schulen wie Waldorf oder Montessori und drittens die freien Schulen. Letztgenannte entstehen häufig aus Elterninitiativen, aus einer grundsätzlichen Schulkritik. Sie zielen darauf ab, den Kindern möglichst viele Freiheiten zu geben. In Rheinland-Pfalz wäre die Bauernhof-Waldschule in Völkersweiler ein gutes Beispiel.

SWR Aktuell: Welche Eltern schicken denn ihre Kinder auf Privatschulen?

Klomfass: Untersuchungen zeigen, dass Privatschulen vor allem von drei Gruppen gewählt werden: Das sind einkommensstarke Eltern, die für ihre Kinder ein Curriculum wünschen, mit dem sie sich für Führungsaufgaben qualifizieren. Dann gibt es die pädagogisch orientierten Eltern. Das sind auch häufig pädagogische Fachkräfte, die für ihre Kinder reformpädagogische Schulen bevorzugen, um ihnen eine glückliche Kindheit, gutes Lernen und wenig Notenstress zu ermöglichen. Und drittens eine bürgerliche Mittelschicht, die durch Abstiegssorgen verunsichert ist und daher alle verfügbaren Ressourcen in die Bildung ihrer Kinder investiert - mit der Absicht eine Sonderung von anderen Schüler:innen zu erreichen, die als "schlechter Umgang" wahrgenommen werden. Hier ist das Schutzbedürfnis der Eltern besonders hoch.

SWR Aktuell: Inwieweit ist so eine "Sonderung" überhaupt erlaubt?

Klomfass: Eine "Sonderung nach dem Besitzstand der Eltern" ist verboten. Privatschulen dürfen zwar viel anders machen, zum Beispiel ihre Schüler:innen selbst aussuchen. Sie müssen aber Optionen bieten, um auch armen Schüler:innen einen Zugang zu ermöglichen. Der Spielraum ist mir, ehrlich gesagt, aber trotzdem viel zu groß, nicht doch eine Sonderung durch Schulgelder zu erzeugen.

SWR Aktuell: Welche Bedeutung hat Migration bei der Wahl einer Privatschule?

Klomfass: Bezogen auf Migration muss man zwei Gruppen unterscheiden: Internationale Eltern, die mit hohem Kapital nach Deutschland gezogen sind, und die ihre Kinder entsprechend auf internationale Privatschulen schicken wollen – auch um bilingual aufzuwachsen. Das sind ganz andere Ausgangslagen als sie Migrantengruppen mit wenig Kapital haben, wie etwa die meisten Geflüchteten. Ihr vorrangiger Wunsch kann darin gesehen werden, sich in das staatliche Schulsystem zu integrieren. Demgemäß sind in absoluten Zahlen Kinder mit Migrationshintergrund an Privatschulen auch unterrepräsentiert. Gut verständlich, wenn man zum Beispiel auch an kirchliche Schulen denkt: Wieso sollten zum Beispiel muslimische Eltern auf die Idee kommen, dass ihre Kinder auf eine christliche Schule gehen sollten?

Wieso sollten zum Beispiel muslimische Eltern auf die Idee kommen, dass ihre Kinder auf eine christliche Schule gehen sollten?

SWR Aktuell: Was ist dran an dem Vorurteil, dass reiche Eltern ihre Kinder auf Privatschulen schicken, um ihnen einen besseren Schulabschluss zu "kaufen"?

Klomfass: Ich denke nichts. Empirisch ist mir dazu keine verlässliche Studie bekannt. Es scheint mir tatsächlich um Vorurteile zu gehen. Dies mag an einzelnen Schulen in der Sekundarstufe II anders sein, wo insbesondere über die Fachhochschulreife etwas mehr Spielraum ist, tatsächlich Noten leichter zu erhalten als an staatlichen Schulen mit dem Abitur. Ich denke allerdings, das ist nur ein Randphänomen – wenn überhaupt. Die internationalen Privatschulen haben jedenfalls hohe Standards.

SWR Aktuell: Sind Privatschulen ein Mittel zur Elitenbildung?

Klomfass: Ja. Aber Eliten sind nur dann abzulehnen, wenn sie andere unterdrücken oder autoritäre, faschistische Werte verbreiten oder sich auf Kosten schwächerer Menschen bereichern. Eliten können auch gut sein. Nämlich dann, wenn es gelingt, Menschen für Führungsaufgaben zu qualifizieren, in denen sie sich der Verantwortung für andere bewusst sind, verantwortungsvoll handeln und ihre Fähigkeiten für humane Ziele einsetzen. Nur eine kleine Anzahl an Privatschulen versteht sich vermutlich als Elite.

Die Schere zwischen Arm und Reich vergrößert sich nicht durch den Schulbesuch der Kinder, sondern über Kapitalmärkte, die Erwachsene steuern.

SWR Aktuell: Vergrößern Privatschulen letztlich die Schere zwischen arm und reich?

Klomfass: In Deutschland bislang nicht, da die gewinnorientierten Privatschulen nur einen sehr kleinen Anteil der Schüler:innen aufnehmen. Wenn allerdings der Trend zur Erhöhung der Privatschulen in diesem Bereich immer weiter geht, könnte irgendwann ein Kipp-Punkt erreicht werden. Wie in anderen europäischen Staaten, wo die staatlichen Schulen dann tatsächlich gegenüber den Privaten ins Hintertreffen geraten. Die Schere zwischen Arm und Reich vergrößert sich nicht durch den Schulbesuch der Kinder, sondern über Kapitalmärkte, die Erwachsene steuern.

SWR Aktuell: Hat die Existenz von exklusiven Privatschulen eine Berechtigung, wenn es zugleich Schulen wie die Gräfenauschule oder die Karolina-Burger-Realschule Plus in Ludwigshafen gibt?

Klomfass: Derzeit werden Einzelschulen wie die Gräfenauschule durch die Medien skandalisiert. Als Hochschullehrerin sehe ich das mit großer Sorge. Diese Berichte verschlimmern die Wahrnehmung der Schule nach außen und die Selbstwahrnehmung der Schüler:innen, Eltern und Lehrer:innen. So fällt es immer schwerer, eine anerkennende Perspektive auf eine gute, gemeinsame Zukunft pädagogisch zu entwickeln. Mein Rat wäre, auch einmal zu schauen, was an diesen Schulen gut gelingt. Die Privatschulen haben mit diesen Einzelfällen nichts zu tun.

SWR Aktuell: Auf der anderen Seite: Haben private Schulen den Vorteil, dass sie auf Kinder mit besonderen Fähigkeiten oder Beeinträchtigungen besser eingehen können?

Klomfass: Auf jeden Fall. Dies wird zum Beispiel an reformpädagogischen Schulen gut deutlich. Diese können helfen, einzelnen Kindern, die sich zum Beispiel mit Leistungsdruck durch Noten schwertun, ein gutes Lernumfeld zu geben. Die reformpädagogischen Ansätze füllen hier eine wichtige Lücke, die staatliche Schulen machmal offen lassen müssen. Ein Glück, dass es die Privatschulen als Erweiterung des Schulangebots gibt.

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Am Nachmittag SWR4 Rheinland-Pfalz

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Interview
Iris Mack
Bild von Iris Mack
Onlinefassung
Oliver Nieder

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