Gespräch mit einer Soziologin

Ist Zweibrücken ein Einzelfall? Interview über Rechtsextremismus bei der Bundeswehr

Ende 2025 haben Vorfälle beim Fallschirmjägerregiment 26 in Zweibrücken für Aufregung gesorgt. Es geht um Nazitümelei, sexualisiertes Fehlverhalten, Gewaltrituale. Ein Interview mit einer Militärsoziologin über politische Einstellungen und Gruppendynamik in der Bundeswehr.

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Von Autor/in Stefanie Hoppe

Nina Leonhard ist habilitierte Politik- und Sozialwissenschaftlerin. Sie arbeitet als Privatdozentin am Institut für Soziologie an der Universität Münster sowie als Projektleiterin im Forschungsbereich Militärsoziologie am Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr in Potsdam. Gemeinsam mit zwei weiteren Wissenschaftlern hat sie eine Studie zu politischen Einstellungen in der Bundeswehr durchgeführt, die 2025 veröffentlicht wurde.

SWR Aktuell: Immer wieder gibt es Berichte über Nazisprüche und rassistisches Verhalten bei der Bundeswehr - zuletzt bei den Fallschirmjägern in Zweibrücken. Ist Rechtsextremismus unter Soldaten weit verbreitet?

Leonhard: Was das Ergebnis der quantitativen Befragungen angeht, so zeigt sich ganz klar, dass es nur eine ganz kleine Minderheit von Soldatinnen und Soldaten gibt, die ein gefestigtes rechtsextremistisches Weltbild haben. Wir haben parallel eine Befragung unter Bundeswehrangehörigen durchgeführt und auch ein repräsentatives Sample [Anm.: eine repräsentative Stichprobe] der Bevölkerung und dort zeigt sich: Unter Bundeswehrangehörigen gibt es eine geringere Zahl von denjenigen, die ein gefestigtes extremistisches Weltbild haben. Das heißt – um auf Ihre Frage zu antworten: Nein, die ganz überwiegende Mehrheit von Soldatinnen und Soldaten und auch von den zivilen Mitarbeitenden der Bundeswehr steht auf dem Boden des Grundgesetzes.

SWR Aktuell: Und diejenigen, die rechtsextremistische Einstellungen haben – was haben Sie über diese Soldaten und Soldatinnen herausgefunden? Gibt es weitere Merkmale, die auffällig sind?

Leonhard: Was bei unseren Befragungen herauskam, ist, dass es vor allem zwei Faktoren gibt, die extremistische Haltungen begünstigen. Das eine betrifft die Einschätzung des politischen Systems, also Unzufriedenheit mit dem politischen System, eine geringere Unterstützung der demokratischen Grundordnung der Bundesrepublik, aber auch Wahrnehmung von Sprechverboten. Das ist der eine Punkt. Und der zweite Punkt ist eher etwas Militärinternes: Eine positive Sicht auf die Wehrmacht, ein spezifisches soldatisches Elitebewusstsein und auch eine ausgeprägte Kämpferidentität. Das sind Faktoren, die ein rechtsextremistisches Bild begünstigen.

Die Fallschirmjäger aus Zweibrücken üben in der Südwestpfalz.
Die Fallschirmjäger aus Zweibrücken üben in der Südwestpfalz. picture alliance / Flashpic | Jens Krick

SWR Aktuell: Angenommen, es gibt Vorfälle von rechtsextremen Inhalten und Übergriffen, die gemeldet werden sollten. Wie müsste ich mich optimalerweise verhalten, wenn ich solche Vorfälle beobachte? Und was passiert häufig in der Wirklichkeit?

Leonhard: Wir haben danach gefragt in den quantitativen Befragungen, ob die Leute schon einmal im letzten Jahr einen Vorfall rechtsextremer oder extremistischer Art mitbekommen haben. Bei unseren Befragten war es etwa ein Viertel, das sagt, ja, sie haben etwas mitbekommen. Am häufigsten war es ein Vorfall mit rechtsextremistischem Bezug. Aber es gab auch fremdenfeindliche Sprüche oder Chatnachrichten. Und dann haben wir gefragt: Was ist denn dann passiert? Ungefähr ein Drittel hat geantwortet: Das ist gemeldet worden und dann gab es eine Untersuchung. Ungefähr ein Drittel hat gesagt, das hat man unter sich geregelt. Und ungefähr ein Drittel hat angegeben: Ich weiß nicht, was da herausgekommen ist. Häufig sind die disziplinaren Folgen den Befragten – etwa aus Gründen des Daten- und Persönlichkeitsschutzes – nicht bekannt.

SWR Aktuell: Warum wird nicht alles gemeldet, was gemeldet werden sollte?

Leonhard: Es gibt zwei Prinzipien, die für Militärorganisationen ganz wichtig sind. Das eine ist Befehl und Gehorsam gemäß der Hierarchie und der geltenden Regeln. Und gleichzeitig gibt es eine zweite Vorgabe, das ist Kameradschaft. Das heißt, dass man sich wechselseitig unterstützt und zwar auch dann unterstützt, wenn man den Kameraden oder die Kameradin jetzt vielleicht nicht die sympathischste Person auf der Welt findet. Trotzdem ist man als Kamerad dazu verpflichtet, den anderen zu unterstützen und zusammenzuhalten.

SWR Aktuell: Dieses "Ich verpfeife meinen Kameraden nicht, mit dem ich vielleicht irgendwann gemeinsam kämpfen muss" - spielt das nicht auch eine Rolle? Dass man einfach auf Gedeih und Verderb zusammenhalten muss?

Leonhard: Genau, das ist mit ein Grund, warum man unter bestimmten Umständen sagt, okay, auch wenn der jetzt da gerade was falsch gemacht hat, zeige ich ihn nicht an. Das ist genau der Punkt. Das gilt natürlich für Militärorganisationen in ganz besonderem Maße. In bestimmten Fällen kann es auch gut sein, dass bestimmte Probleme intern geregelt werden, bevor der Vorgesetzte oder die Vorgesetzte dazugenommen wird - und es ein offizielles Verfahren gibt. In anderen Fällen kommt es aber so dazu, dass dann ein Fehlverhalten gedeckt wird.

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SWR Aktuell: Ist es so, dass die Bundeswehr als Organisation anfälliger ist, wenn es um Mobbing und Ausgrenzung geht?

Leonhard: Da wäre ich vorsichtig, das generell zu sagen, weil Mobbing im beruflichen Kontext in ganz unterschiedlichen Varianten auftritt. Gleichwohl - in Militärorganisationen wie bei der Bundeswehr gibt es auf der einen Seite ein ganz besonders starkes Gemeinschaftsgefühl, was besonders positiv ist, weil man Unterstützung erhält, die man vielleicht in einem anderen beruflichen Kontext nicht bekommt. Auf der anderen Seite kann genau diese Fokussierung auf Gemeinschaft dazu führen, dass unter bestimmten Umständen dann Leute, die da scheinbar nicht reinpassen, ausgegrenzt werden.

SWR Aktuell: Gibt es bei der Bundeswehr stellenweise ein toxisches Männlichkeitsbild und eine Atmosphäre, in der Frauen es besonders schwer haben?  

Leonhard: In den letzten 20 oder 25 Jahren haben sich die Strukturen sehr stark geändert. Also auch die Bundeswehr ist kein reiner Männerverein mehr, sondern hier dienen auch Frauen in verschiedenen Bereichen. Aber nichtsdestotrotz gibt es bestimmte Bereiche, wo Frauen oder bestimmte Gruppen seltener vorkommen als der militärische Mainstream. In bestimmten Einheiten, gerade in den Kampftruppen, sind Frauen nach wie vor stark unterrepräsentiert. Gleichzeitig ist dort der Bezug aufs Kämpfen am stärksten, und die Anforderungen, um dort mitzumachen, sind mitunter höher als in anderen militärischen Bereichen. Vorstellungen rund ums Kämpfen waren traditionell mit einer bestimmten Form von Männlichkeit verbunden und sind dies mitunter bis heute. Deswegen haben es Frauen in solchen Einheiten in der Tat manchmal besonders schwer.

SWR Aktuell: Vor welcher Herausforderung steht die Bundeswehr, was die interne Gruppendynamik betrifft?

Leonhard: Die Frage ist, wie man eine Balance hinbekommt. Einerseits gilt es, das Besondere des Militärs und den soldatischen Zusammenhalt zu kultivieren - ohne dass sich andererseits das Militär in seiner Besonderheit sozusagen abkoppelt von der umgebenden Zivilgesellschaft. Und das ist, glaube ich, immer ein Balanceakt, der bei bestimmten Vorfällen, extremistischer oder anderer Art, immer mal wieder deutlich wird.

Vielen Dank für das Gespräch!

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