"Das ist schon traurig, aber es ist die Realität." Für Friseur Torsten Stauter ist es soweit. Nach 17 Jahren schließt der Handwerksmeister seinen Salon in Kirchheimbolanden im Donnersbergkreis – nicht etwa, weil die Kunden wegbleiben.
Im Gegenteil: Bis kurz vor Weihnachten ist der Terminkalender voll, die Nachfrage ungebrochen. Doch was nützt ein voller Kalender, wenn niemand da ist, um Haare zu schneiden? Stauter, der mehrere Salons betreibt, findet schlicht kein Personal mehr.
Zwei Jahre lang hat er erfolglos gesucht. Und steht damit nicht allein da: Im Handwerk fehlen die Fachkräfte überall – und das schon lange.
"Welcome Center" an Handwerkskammern Fachkräfte aus dem Ausland anwerben: Hier können sich Handwerksbetriebe aus RLP beraten lassen
Ob Handwerk, Industrie oder Handel - überall fehlen Fachkräfte. Menschen aus Nicht-EU-Ländern zu beschäftigen, ist aber an viel Bürokratie geknüpft. Nun soll es mehr Hilfe für Betriebe in RLP geben.
Die Zahlen der rheinland-pfälzischen Handwerkskammern sprechen eine klare Sprache: Ob rund um Trier, Koblenz, Mainz, Kaiserslautern oder Ludwigshafen – immer weniger junge Leute wollen Friseur werden.
Im Gebiet der Handwerkskammern Koblenz, Mainz und Trier waren es im Jahr 2024 fast ein Drittel weniger Azubis im Vergleich zu 2020.
Fachkräftemangel im Friseurhandwerk: Warum Nachwuchs fehlt
Die Gründe für den Nachwuchsmangel sind vielfältig: Immer mehr junge Menschen entscheiden sich fürs Studium statt für eine Lehre. Dazu kommt der demografische Wandel – es gehen mehr Leute in Rente als Junge nachrücken.
Viele kleinere Betriebe können sich Ausbildung auch kaum noch leisten, erklärt die Handwerkskammer der Pfalz. Gestiegene Kosten für Personal und Energie machen ihnen zu schaffen, dazu kommt der hohe Zeitaufwand und die Bürokratie.
Beim Friseurhandwerk spielt noch ein weiterer Faktor eine Rolle: Das Handwerk leide "unter einem nach wie vor teilweise negativen Image", so der Landesverband Friseure & Kosmetik Rheinland.
Berufsausbildung Friseur: Harte Arbeit, wenig Glanz
"Wir müssen hart arbeiten", sagt Landesinnungsmeister Ingo Cappel vom Friseurverband Pfalz und meint damit den Alltag eines Friseurs: Lange Stehen, Waschen, Schneiden, Färben, Föhnen, Hochstecken und natürlich eine gewisse Gabe für Smalltalk mit der Kundschaft.
Das alles sei weit entfernt von den Vorstellungen, die manche jungen Leute von diesem Beruf hätten. Glamourös und top gestylt wie die Influencer auf Social Media - das sei es eben nicht, sagt Cappel.
Seine eigenen Erfahrungen mit Azubis und auch die von Kolleginnen und Kollegen würden zeigen, dass die Lehrlinge oft nicht genügend Ehrgeiz und Durchhaltevermögen mitbringen. Auch Dinge wie pünktlich zur Arbeit zu erscheinen oder einem Kunden die Tür aufzuhalten, seien nicht immer selbstverständlich.
Ausbildung zum Friseur nur so gut wie der Betrieb
Ingo Cappel sagt aber auch, dass die Friseurmeisterinnen und -meister ein gewisses Gespür brauchen, um die jungen Leute zu motivieren. "Das stell ich jetzt auch mal in Frage, ob das immer so funktioniert." Die Ausbildung selbst hänge immer stark vom jeweiligen Betrieb ab.
Junge Friseurmeisterin aus Ludwigshafen als Positivbeispiel
Einen Betrieb, in dem es wohl richtig gut läuft mit den Auszubildenden, gibt es in Ludwigshafen. Jessica Kihm ist 29 Jahre alt und führt den Friseursalon in Ludwigshafen-Oggersheim. Sie erzählt, dass sie sich vor Bewerbungen kaum retten kann und ihr gute Arbeitsbedingungen sehr wichtig sind. Das kommt auch bei ihren Azubis gut an.
Sie zahlt ihren Mitarbeiterinnen mehr als den Mindestlohn und finanziert ihnen Weiterbildungen. Um herauszufinden, was im Team besser laufen kann, gibt es einmal im Monat sogenannte Feedback-Gespräche. "Ich lasse meinen Mitarbeiterinnen auf jeden Fall genügend Freiraum, mir auch Vorschläge zu machen", sagt Kihm.
Sie sagt, dass sie in ihrer Ausbildung damals nicht ihre Meinung sagen durfte und sich dadurch unwohl gefühlt hat. Das will sie bei ihren Mitarbeitern heute vermeiden. Ihre Mitarbeiterinnen dürfen selbst nach Bauchgefühl entscheiden, ob sie Kunden bedienen wollen oder nicht.
Meine Mitarbeiterinnen dürfen selbst nach Bauchgefühl entscheiden, ob sie Kunden bedienen wollen oder nicht.
In Momenten, in denen es im Geschäft eher ruhig ist, drehen ihr Team und sie Videos für soziale Medien wie Instagram. Das stärke auch die Bindung im Team. Sie rät Betrieben, jungen Azubis eine Chance zu geben, ihnen zu vertrauen und sie zu fördern.
Friseur-Azubis in Kaiserslautern: Viel Herzblut trotz niedrigem Gehalt
In der Berufsschule in Kaiserslautern sprühen viele Friseur-Azubis vor Begeisterung für ihren Job. Sie erzählen, wie viel Freude es macht, Menschen zu verändern und ihnen mit einem neuen Schnitt ein gutes Gefühl zu geben.
Trotzdem sagen manche auch: Das Geld ist ein Problem. Die 20-jährige Lara meint: "Am Anfang ist es ziemlich schwierig, von zuhause auszuziehen. Das geht natürlich nicht mit dem Gehalt."
Wenn die Jugendlichen von ihren Betrieben erzählen, fällt auf, wie unterschiedlich die Erfahrungen sind.
Manche Chefs nehmen sich Zeit, erklären geduldig und lassen die Azubis auch früh Verantwortung übernehmen. Bei anderen Betrieben dagegen bleibt kaum Zeit fürs Lernen und die Azubis sind auf sich allein gestellt.
Friseur-Azubis in der Pfalz verdienen deutlich weniger
Der Landesverband Friseure und Kosmetik Rheinland hat die Ausbildungsgehälter in den vergangenen Jahren übrigens erhöht und liegt nach eigenen Angaben bundesweit vorn.
In der Pfalz verdienen Azubis jedoch weiterhin deutlich weniger – um die 500 Euro netto im ersten Lehrjahr. In anderen Handwerksberufen wird beinahe das Doppelte gezahlt.
Friseurausbildung: Langsamer Aufwärtstrend nach schwierigen Jahren
Ganz so düster steht es um die Zukunft des Friseurhandwerks in Rheinland-Pfalz allerdings nicht. Immerhin entscheiden sich seit 2024 wieder etwas mehr junge Menschen für eine Ausbildung im Friseurberuf als in den Jahren davor.
Trotzdem liegen die Zahlen weiterhin unter dem Niveau von 2020, berichtet der Landesverband Rheinland.