Immer zwei Schulkinder treten gemeinsam vor die Menschenmenge, die sich um die goldene Messingplatte auf dem Boden versammelt hat. Sie lesen jeweils einen Namen vor und legen Blumen auf den Boden. "Emil Burgmann". Zwei weitere Kinder treten vor. "Johanna Hirschfeld". Die Menge klatscht nach jeder Namensnennung. Es sind die Namen einiger jüdischer Kinder, die vor rund 90 Jahren an der Röhmschule in Kaiserslautern unterrichtet wurden, bis zur Reichsprogromnacht im November 1938. Manche von ihnen konnten fliehen, manche wurden in Konzentrationslagern der Nationalsozialisten ermordet.
Jüdische Kinder wurden beschimpft und bespuckt
Am Freitag wurde an diese Kinder erinnert. Dafür hat die Schule eine sogenannte Stolperschwelle in den Boden gesetzt, sozusagen einen besonders großen Stolperstein. "Wir haben hier nicht nur eine Einzelperson oder eine Familie", erklärt Michael Wiesheu von der Stolpersteininitiative Kaiserslautern. Die Schwelle solle zeigen, dass einer ganzen Gruppe gedacht werde.
Ein Foto in schwarz-weiß hängt außen an der Schulwand. Es zeigt eine jüdische Klasse: 28 Kinder unterschiedlichen Alters. Die jüdischen Kinder wurden während der NS-Zeit separat unterrichtet, erklärt Wiesheu. "Sie kamen nicht in einen normalen Klassensaal, sondern auf den Dachboden." Von den anderen Kindern seien sie beschimpft und bespuckt worden.
Schulleiterin will aus der Vergangenheit für die Zukunft lernen
Wiesheu recherchiert seit Jahren zu den Biografien der jüdischen Kinder. Von ihm kam schließlich auch die Idee, vor der Schule eine Stolperschwelle zu errichten. Schulleiterin Anette Voll unterstützte diesen Plan. "Aus der Geschichte zu lernen, ist sehr wichtig", sagt die Schulleiterin. Einerseits sei es wichtig, gemeinsam an schlimme Zeiten zu erinnern. "Aber wir dürfen da nicht verweilen, sondern müssen schauen: Was müssen wir heute anders und besser machen, damit so etwas nie wieder passiert?"
Die geplante Stolperschwelle wurde somit zum Anlass, die Vergangenheit der Schule auch im Unterricht mit den Kindern zu besprechen. "Die Kinder waren bestürzt", berichtet Voll. "Es sind schließlich einzelne Schicksale, die bekannt sind und mit denen wir uns auseinandergesetzt haben." So ähnlich beschreibt es auch die zehnjährige Schülerin Alva: "Ich finde es erschreckend, dass die Kinder auch in meinem Alter waren", sagt sie. "Es ist eine nahe Verbindung, weil sie auch an unserer Schule waren."
Kinder lernen ihre Rechte im Unterricht
Nachdem alle Namen aufgezählt wurden, ist die Stolperschwelle von einem Kranz aus Blumen umgeben. Dazwischen liegen Steine. Die Kinder haben darauf ihre Wünsche für die Zukunft festgehalten - angelehnt an die Rechte der Kinder, die von der UN-Kinderrechtskonvention verabschiedet wurden. "Familie, Freunde, Mut, Gerechtigkeit", steht dort unter anderem. "Das Gebäude ist das gleiche", sagt Schulleiterin Voll. "Aber was darin geschieht, ist anders."