Gemeinnütziger Verein für Begegnung

Miteinander statt allein: Wie ein Verein in Kaiserslautern die Gemeinschaft stärkt

Ob World Café, Kochabende oder Workshops - der Verein "Vielfalter" bringt in Kaiserslautern Menschen zusammen, unabhängig von Herkunft oder Status.

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Von Autor/in Maren Kaps

Die Wände sind frisch gestrichen, Gesellschaftsspiele stapeln sich im Regal und im Kühlschrank stehen die Getränke bereit. In den Räumen am Musikerplatz in der Innenstadt von Kaiserslautern soll bald regelmäßig gemeinsam gekocht, gespielt und sich einfach unterhalten werden. Nach langer Suche hat der gemeinnützige Kulturverein "Vielfalter" hier in Kaiserslautern eine neue Bleibe gefunden, nachdem der alte Standort wegen Eigenbedarf gekündigt wurde.

"Noch einen Monat vor unserem Auszug aus den alten Räumen wussten wir nicht, wie es weitergeht", sagt Christine Dechant, Mitglied des Vorstands von "Vielfalter". Dass alles jetzt geklappt hat, liegt am Gemeinschaftsgeist: Vereinsmitglieder, Gäste und Unterstützende halfen beim Renovieren, Tragen, Einrichten - überwiegend ehrenamtlich. "Menschen, denen wir schon mal geholfen haben, geben jetzt etwas zurück", sagt Christine Dechant. Ein junger Mann, der vor zehn Jahren als Geflüchteter nach Deutschland und in den Verein kam, strich die neuen Räume. "Da zeigt sich, was unser Verein ausmacht", sagt sie.

Ort der Begegnung und Teilhabe in Kaiserslautern

Der Verein "Vielfalter" existiert seit rund zehn Jahren. Er versteht sich als (inter-)kultureller Begegnungsort in Kaiserslautern. Zu Beginn wollte er Geflüchtete, die neu nach Kaiserslautern gekommen waren, aus ihrer Isolation holen und Integration fördern.

Das Ziel jetzt: Menschen zusammenbringen, Austausch fördern und Teilhabe ermöglichen - offen für alle, unabhängig von Herkunft, Religion oder sozialem Status. Als der Verein über den Sommer keine Räume hatte, sollen viele nach Veranstaltungen gefragt haben und wie es denn weitergeht. "Der Bedarf nach den Begegnungen ist also da", sagt Zora Tischer, die sich seit Jahren im Vereinsvorstand engagiert.

World Café, Workshops und Feste: Bald Angebote im neuen "Vielfalter"

Zukünftig soll das wöchentliche "World Café" wieder stattfinden, bei dem Menschen aus ganz unterschiedlichen Ländern zusammenkommen. Weitere Angebote sind: Workshops, Ausstellungen und Lesungen. Besonders beliebt sind gemeinsame Kochabende, erzählen die Vorstandsmitglieder. Auch der Musikerplatz soll bei gutem Wetter zukünftig bespielt werden.

Am Musikerplatz in Kaiserslautern: Der Verein "Vielfalter" veranstaltet hier zukünftig interkulturelle Treffen, Workshops und Kochabende.
Was verbinden die Menschen mit dem "Vielfalter"? Zum Abschied am alten Standort sind persönliche Notizen entstanden.

"Viele Menschen, die zu uns kommen, suchen Gesellschaft - nicht nur neu Zugezogene, auch Einheimische“, sagt Christine Dechant. "Wir erleben, dass Einsamkeit längst nicht mehr nur neue Menschen in der Region betrifft. Auch wer hier lebt, aber kaum Kontakte hat, findet bei uns einen Ort, an dem man einfach sein kann."

Warum konsumfreie Räume gegen Einsamkeit helfen

Solche Orte sind keine Selbstverständlichkeit. Gerade in Städten mit begrenzten finanziellen Mitteln, in denen Cafés und Freizeiteinrichtungen den Ton angeben, fehlen sie zunehmend. Dabei, sagt der Sozialforscher Dr. Martin Gibson-Kunze vom Kompetenznetz Einsamkeit, seien gerade diese konsumfreien Räume entscheidend für das soziale Zusammenleben:

"Wir sehen in unseren Erhebungen einen der stärksten Zusammenhänge zwischen Einsamkeit und Armut. Viele Menschen haben schlicht nicht die Möglichkeit, regelmäßig Geld auszugeben, um andere zu treffen", erklärt er. "Konsumfreie Räume ermöglichen Begegnung außerhalb der eigenen vier Wände und mindern das Gefühl der Isolation."

Im Sommer seien Parks noch eine Option, meint der Forscher. "Aber im Winter wird es schwierig. Es braucht Orte, die offen, beheizt, barrierefrei und erreichbar sind. Räume, in denen man sich zufällig begegnen oder gezielt verabreden kann - zum Basteln, Kochen oder einfach auf eine Tasse Tee."

Einsamkeit: Soziale Infrastruktur und Ehrenamt unter Druck

Was passiert, wenn solche Orte verschwinden, zeige sich deutlich: "In Regionen mit schlechter sozialer Infrastruktur sind die Einsamkeitsquoten höher", so Gibson-Kunze. Bleiben diese Räume aus, sinke der gesellschaftliche Zusammenhalt. Vereine und Ehrenamtliche tragen vielerorts solche Begegnungsstätten, stoßen aber an Grenzen.

Dr. Martin Gibson-Kunze, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Kompetenznetz Einsamkeit
Dr. Martin Gibson-Kunze, Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Kompetenznetz Einsamkeit

Gerade in strukturschwachen Gegenden brauche es öffentliche Förderung. Kommunen und Länder müssten stabile Rahmenbedingungen schaffen, damit zivilgesellschaftliches Engagement wirken kann. "Über jahrzehntelange Sparmaßnahmen ist viel kaputt gegangen", warnt der Forscher.

Engagement in Kaiserslautern braucht Ehrenamtliche und Geld

In Kaiserslautern zeigt sich im Kleinen, was Gibson-Kunze im Großen beschreibt. Das Engagement des Vereins erkenne die Stadt, sagt der Vorstand von "Vielfalter". Doch finanzielle Mittel blieben knapp. Förderanträge kosten Zeit, dauerhafte Unterstützung gibt es selten. "Wir werden gesehen, das ist schön - aber wir bräuchten neben Geld mehr freiwillige Helfer, um all das langfristig zu stemmen", sagt Zora Tischer. "Wir bieten ja nicht nur einen Ort, an dem man sich treffen kann, sondern auch eine Möglichkeit, sich zu engagieren."

Deshalb hofft der Verein, dass sich bald auch noch neue Ehrenamtliche melden. Doch als erstes freuen sich die Vereinsmitglieder auf das große Eröffnungsfest am Samstag. Es soll ein Zusammenkommen mit Musik werden, in den neuen Räumen und auf dem Musikerplatz. Denn wo kürzlich noch Farbeimer standen, wird ab sofort gefeiert: "Jetzt weicht der Stress der letzten Wochen langsam der Vorfreude."

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Stress kann krank und einsam machen. Warum wir in Belastungszeiten den Rückzug suchen und wie bewusste Begegnungen helfen, Stress zu senken.

Der Vormittag SWR1 Rheinland-Pfalz

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Prof. Dr. Yuliya Kosyakova, Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung
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Forum SWR Kultur

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Erstmals publiziert am
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Autor/in
Maren Kaps
Maren Kaps, SWR Aktuell Studio Kaiserslautern

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