"Ein Kind muss im Durchschnitt etwa sieben Mal um Hilfe rufen, bis es gehört wird", sagt Dirk Borngässer. Er ist vom Familienhilfezentrum, das zum SOS-Kinderdorf in Kaiserslautern gehört. Borngässer kennt die Realität hinter dieser Zahl: Kinder, die sich nicht trauen und Erwachsene, die wegschauen. Und ein Dunkelfeld, das größer ist als alles, was die Statistik erfasst.
Bundesweit wurden 2024 mehr als 16.000 Fälle von sexuellem Kindesmissbrauch angezeigt. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzt, dass bis zu eine Million Kinder in Deutschland bereits sexuelle Gewalt durch Erwachsene erfahren mussten. In jeder Schulklasse sitzen statistisch ein bis zwei Betroffene – viele dieser Fälle werden nie angezeigt.
Wenn die Schule zum Tatort wird: Bewährungsstrafe für Lehrer in Kaiserslautern
Auch in der Westpfalz zeigen verschiedene Fälle, wie sexualisierte Gewalt in vermeintlich geschützten Räumen stattfinden kann. In Kaiserslautern wurde ein Lehrer der St. Franziskus-Realschule im Sommer 2025 wegen sexuellen Missbrauchs von Schutzbefohlenen zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Er soll an einer seiner Schülerinnen eine sexuelle Handlung vorgenommen haben. Laut der Staatsanwaltschaft Kaiserslautern im "strafrechtlich niedrigschwelligen Bereich". Das heißt, es hat keinen Geschlechtsverkehr mit der Schülerin gegeben.
Nähere Details hat die Staatsanwaltschaft zu dem Fall in Kaiserslautern nicht mitgeteilt. Die Familie der Schülerin hatte die mutmaßlichen Übergriffe der Schulleitung gemeldet. Das Bistum Speyer hatte den beschuldigten Lehrer als Träger der St. Franziskus-Realschule angezeigt.
Die Konsequenzen: Der Lehrer arbeitet nach Informationen der Staatsanwaltschaft nun nicht mehr an Schulen mit Minderjährigen, sondern in der Erwachsenenbildung. Das Bistum Speyer erklärt, dass nach diesem Fall das schon vorhandene Schutzkonzept in der Schule "intensiv geprüft, überarbeitet und ergänzt" wurde.
Pirmasens: Disziplinarverfahren gegen Lehrer läuft
Um den Vorwurf der sexuellen Belästigung von Schülerinnen ging es auch vor kurzem in einer Realschule plus in Pirmasens. Gegen einen Lehrer dort läuft aktuell noch ein Disziplinarverfahren bei der Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD). Die ist für Schulen in Rheinland-Pfalz zuständig.
Das Amtsgericht Pirmasens hat den beschuldigten Lehrer nicht verurteilt, aber auch nicht freigesprochen. Das Verfahren wurde laut einer Sprecherin eingestellt, wegen geringer Schuld.
Die ADD erklärt, dass der Lehrer nun an einen anderen Standort der Schule versetzt wurde – dorthin, wo er keiner der betroffenen Schülerinnen begegnen kann. "Weder dürfen Schülerinnen und Schüler einer Gefahr ausgesetzt werden, noch dürfen Lehrkräfte vorverurteilt werden, denn zunächst gilt die Unschuldsvermutung", heißt es von der ADD.
Außerdem müsse das Interesse der Schulgemeinschaft berücksichtigt werden, um für die Zukunft ein gutes Arbeits- und Lernklima zu schaffen. In diesem "Spannungsfeld", wie die ADD es nennt, müsse die Schulaufsicht eine Entscheidung treffen.
Sexuelle Gewalt gegen Kinder: Der gefährlichste Ort ist das eigene Zuhause
Doch die Schule ist nicht der Haupttatort. Die Statistik des Polizeipräsidiums Westpfalz zeigt: Sexuelle Übergriffe und sexueller Missbrauch gegen Kinder passiert vor allem dort, wo sie sich sicher fühlen sollten. Nämlich in Ein- und Mehrfamilienhäusern, im privaten Raum. Die Täter sind nach Angaben des Familienhilfezentrums in Kaiserslautern mehrheitlich Männer, die eigentlich Vertrauenspersonen sein sollten: Väter, Opas, Onkel.
Oft könnten wir viel früher tätig werden.
Neue Schutzkonzepte für Schulen in RLP sollen helfen
Um Schülerinnen und Schüler aber künftig besser zu schützen, hat die rheinland-pfälzische Landesregierung 2023 eine Entscheidung getroffen: Ab Sommer 2028 müssen alle Schulen in Rheinland-Pfalz über Schutzkonzepte gegen sexualisierte Gewalt und andere Formen der Gewalt verfügen. Bisher war das freiwillig. In diesen Konzepten ist zum Beispiel festgelegt, wie Prävention an Schulen aussieht und was konkret zu tun ist, wenn es einen Verdachtsfall gibt. In Kindertagesstätten gilt diese Pflicht bereits seit mehr als vier Jahren.
Und diese Maßnahme zeigt auch schon erste Erfolge. Weil sich viele Schulen derzeit mit diesen Schutzkonzepten beschäftigen, seien Lehrkräfte sensibilisierter und würden sich früher an Beratungsstellen wenden, berichtet Dirk Borngässer vom Familienhilfezentrum.
Es habe Situationen gegeben, "wo wir dann fragen, wie lange ist das denn schon so und dann haben wir oft gehört: Ach, seit letztem Schuljahr schon", erzählt er. "Dann denkt man immer, warum haben sie sich denn nicht vor einem halben Jahr schon gemeldet, da hätten wir viel früher tätig werden können." Doch heute würden Lehrerinnen und Lehrer weniger lange zusehen, bis sie sich an die Expertinnen und Experten wenden.
Familienhilfezentrum Kaiserslautern: Kritik an zu milden Konsequenzen
Doch bei aller Sensibilisierung: "Ich vermisse ein bisschen das harte Durchgreifen", sagt Borngässer. Lehrer würden nicht immer nach derartigen Vorwürfen oder Vorfällen entlassen. Das passiere viel zu selten. Andererseits sei die Zusammenarbeit mit der ADD auch sehr gut. Vor allem wenn es darum gehe, Schutzkonzepte für die Schulen gemeinsam zu erarbeiten.
Und doch - manchmal sollten härtere Konsequenzen für beschuldigte Lehrer folgen. Hier werde vielleicht in den übergeordneten Stellen, wie der ADD, zu wenig getan, erklärt Borngässer.
Warum Kinderschutz uns alle angeht
Deshalb sei eines besonders wichtig: Wenn sich ein Kind jemandem anvertraut, müsse dem Kind "unbedingt geglaubt werden." Kinder, denen man nicht glaube, würden sich oft für lange Zeit wieder verschließen – und die Gewalt gehe weiter, betont Borngässer.
Das Familienhilfezentrum in Kaiserslautern zählte im vergangenen Jahr 395 Fälle. Bei mehr als der Hälfte ging es um sexualisierte Gewalt und Missbrauch. Das Zentrum ist zuständig für die Stadt Kaiserslautern, den Kreis Kaiserslautern, den Donnersbergkreis und den Kreis Kusel.
Die Zahlen zeigen: Hilfe wird dringend gebraucht – und sie wird auch angenommen. Borngässer betont deshalb: Kinderschutz geht uns alle an. Ob Eltern, aufmerksame Lehrkräfte oder Nachbarn, die erneut Geschrei aus der Wohnung nebenan hören und sich fragen: Was kann ich tun? Jeder könne einen Unterschied machen.