Einer neuen Studie zufolge sind fast 13 Prozent der Menschen in Deutschland in ihrer Kindheit oder Jugend Opfer sexueller Gewalt geworden. Die bundesweite Untersuchung hat federführend das Mannheimer Zentralinstitut für Seelische Gesundheit (ZI) durchgeführt, zusammen mit weiteren Forschungseinrichtungen. Den Studienmachern zufolge entspricht das etwa 5,7 Millionen Menschen, die solche Taten als Kinder oder Jugendliche erlebt haben. Für die Studie wurden im Jahr 2024 bundesweit 10.000 Menschen im Alter zwischen 18 und 59 Jahren befragt. Tatsächlich haben am Ende etwas mehr als 3.000 Personen an der Befragung teilgenommen.
Mannheimer ZI-Forscher: "Erschreckend hohe Zahl" an Betroffenen
Einer der Macher der Studie ist Psychiater Harald Dreßing vom ZI. Er hat bereits vor sieben Jahren an einer Studie zu sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche mitgewirkt. Dreßing sprach am Montag bei der Vorstellung der aktuellen Studie von einer "erschreckend hohen Zahl" der Betroffenen. Erstmals zeigt die Erhebung das Ausmaß der Taten und deren Verteilung auf Tatorte auch jenseits der katholischen und evangelischen Kirche, so Dreßing. Dort waren in den vergangenen Jahren immer mehr Missbrauchsfälle bekannt geworden.
Die Ergebnisse weisen auf ein erhebliches Dunkelfeld hin, das im Vergleich zu früheren Untersuchungen nicht abgenommen hat.
Frauen häufiger betroffen, unter anderem in den sozialen Netzwerken
Die wichtigsten Erkenntnisse der Studie: Frauen (20,6 Prozent) waren in jungen Jahren wesentlich häufiger von sexualisierter Gewalt betroffen als Männer (4,8 Prozent). Von allen Studienteilnehmern gaben etwas mehr als die Hälfte an (54,1 Prozent), einmal von sexualisierter Gewalt betroffen gewesen zu sein. Etwas weniger als die Hälfte (45,9 Prozent) erklärten demnach, sei seien mehrfach Opfer geworden. Ein Drittel der Befragten gab an, ungewollt pornografisches Material in den sozialen Netzwerken erhalten zu haben. Oder sie seien im Netz zu sexuellen Handlungen aufgefordert worden. Auch auffallend: Knapp über 60 Prozent der Studienteilnehmer, die "in der realen Welt" sexualisierte Gewalt erfahren haben, erlebten diese Gewalt auch in den sozialen Medien.
Studie: Junge Frauen werden meist in der Familie Opfer
Die neue Studie zeige, so Dreßing, "ein erhebliches Dunkelfeld" solcher Taten insgesamt. Die Studienmacher fragten zum Beispiel nach sexueller Belästigung oder Nötigung, aber auch nach Annäherung im Internet für spätere sexuelle Übergriffe. Dreßing betonte, dass "sehr unterschiedliche Tatbereiche" eine Rolle spielten. Mädchen seien häufiger im Familien-, Verwandten- und Freundeskreis betroffen. Mit rund einem Drittel ist das offenbar insgesamt der häufigste Tatzusammenhang.
Übergriffe auf Jungs oft in Sport- und Freizeiteinrichtungen und Kirchen
Jungen hingegen erleben sexualisierte Gewalt demnach häufiger in Sport- und Freizeiteinrichtungen, im kirchlichen Kontext und im Rahmen der Kinder-, Jugend - und Familienhilfe. Über das Internet und soziale Medien haben nach eigenen Angaben bereits fast 32 Prozent sexualisierte Gewalt erlebt. 95 Prozent der Täter sind laut der Studie männlich. Mehr als 37 Prozent der betroffenen Opfer hatten bisher keiner Person von der Tat berichtet.
Gesellschaft Sexualisierte Gewalt im Sport – Wie Vereine Belästigung und Missbrauch verhindern
Viele Sportlerinnen und Sportler erleben sexualisierte Gewalt – oft durch Trainer, die auf Kumpel machen. Sportverbände sind sensibilisiert. Die meisten Vereine aber könnten viel mehr tun.
ZI Mannheim: Sexuelle Gewalt hat negative Folgen für Psyche
ZI-Direktor Andreas Meyer-Lindenberg sagte, der Grund für die Durchführung der Studie sei der Befund, dass sexuelle Gewalt negativen Einfluss auf die psychische Gesundheit habe. Dem stimmten rund 90 Prozent der Betroffenen zu. Harald Dreßing fügte hinzu, sexuelle Gewalt an Kindern und Jugendlichen könne zu "schweren Traumata führen, so etwas kann ein Leben zerstören". Kinder müssten dementsprechend besser geschützt werden. Als Alarmsignal wertete Dreßing, dass fast die Hälfte der Befragten angab, "über keinerlei Wissen zu Hilfsangeboten zu verfügen".
Schweigen aus Angst oder Scham
Dazu kommt: Über ein Drittel der Betroffenen hatte bis zur Befragung für die Studie "bisher nicht mit anderen Personen über die erlebte sexuelle Gewalt gesprochen", aus Angst oder Scham. Von einer Strafanzeige gegen mindestens einen Täter oder eine Täterin berichteten dem ZI zufolge 7,4 Prozent der Betroffenen. "Eine Entschädigung in irgendeiner Form wegen der erlittenen sexualisierten Gewalterfahrung erhielten 2,3 Prozent".
Dreßing appellierte an Politik und Gesellschaft, die "Aufklärungsarbeit und die Entwicklung von geeigneten Präventionskonzepten" zu intensivieren. Es brauche bessere "Schutz- und Interventions-Konzepte" gerade für Kirchen, Sportvereine und im beruflichen Umfeld.