Experte sagt "Ja"

Zwölf tote Heim-Bewohner bei Ahrflut: War ihre Rettung möglich?

Bei der Ahrflut starben zwölf behinderte Menschen im Lebenshilfehaus Sinzig. Katastrophenschutz-Experte Gerd Gräff kommt vor Ort zu dem Schluss: Ihr Tod wäre vermeidbar gewesen.

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Von Autor/in Kai Diezemann

Die Flut erreichte das Lebenshilfehaus in Sinzig in der Nacht auf den 15. Juli 2021 gegen 2:30 Uhr. In dem Heim schliefen die geistig behinderten Menschen in zwei Häusern. Ein Nachtdienstmitarbeiter konnte noch vier Bewohner aus einem Haus retten. Der Versuch, auch das zweite Gebäude zu evakuieren, scheiterte – der Wasserstand war bereits zu hoch. Zwölf Bewohner im Erdgeschoss ertranken.

Stevie Willkommens Eltern hatten fest mit Evakuierung gerechnet

Einer der Verstorbenen war Stevie Willkommen. Er wäre heute 42 Jahre alt. Seine Mutter Simone sagt rückblickend:

Wir sind eigentlich davon ausgegangen: Das sind Schutzbefohlene und dass die schon vorher evakuiert wurden. Ich habe immer gedacht: ,Nein, denen ist nichts passiert.'

Simone Willkommen trauert vier Jahre nach der Ahrflut um ihren Sohn Stevie.
Simone Willkommen trauert vier Jahre nach der Ahrflut um ihren Sohn Stevie.

Ein Irrglaube. Die Einrichtung war nicht evakuiert worden. Und das obwohl acht Stunden Zeit waren zwischen den ersten Toten in Dorsel am Oberlauf der Ahr und dem Eintreffen der Flut in Sinzig.

Das Haus der Lebenshilfe am 16. Juli 2021: Hier starben zwölf Bewohnerinnen und Bewohner in der Flutnacht. (Archivfoto)
Das Haus der Lebenshilfe am 16. Juli 2021: Hier starben zwölf Bewohnerinnen und Bewohner in der Flutnacht. (Archivfoto)

Hätte der Tod der zwölf Menschen in dem Heim verhindert werden können? Hätte besseres Krisenmanagement des damals verantwortlichen Landrats Jürgen Pföhler ihn verhindern können? Es sind zwei von vielen offenen Fragen, die vier Jahre nach der Katastrophe weiterhin über dem Ahrtal schweben.

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Pföhler weist die Vorwürfe zurück. Laut Staatsanwaltschaft habe er zwar versäumt, den Katastrophenschutz gesetzeskonform aufzustellen. Es sei aber nicht nachweisbar, dass es Menschenleben gerettet hätte, wenn er besser aufgestellt gewesen wäre.

Experte: Sicherer Ort zu Fuß in fünf Minuten erreichbar

Katastrophenschutzexperte Gerd Gräff und Ulrich van Bebber, Vorsitzender des Lebenshilfe-Vereins, sehen das anders. Sie sind überzeugt: Eine Rettung der Bewohner wäre möglich gewesen. Zu dem Schluss kommen sie nach einer kürzlich erfolgten Begehung des Geländes.


Gräffs Hauptvorwurf gegen Landrat Pföhler im konkreten Fall: Dieser hätte für das Lebenshilfehaus einen Evakuierungsplan haben müssen. Weil es im Hochrisikogebiet lag.

Katastrophenschutz-Experte Gerd Gräff ist überzeugt: Im Lebenshilfehaus hätte niemand sterben müssen.
Katastrophenschutz-Experte Gerd Gräff ist überzeugt: Im Lebenshilfehaus hätte niemand sterben müssen.

Gräff macht klar: Stevie Willkommen und die anderen Bewohner hätten einen hochwassersicheren Ort zu Fuß in etwa fünf Minuten erreichen können.

Staatsanwaltschaft: Keine verlässliche Aussage möglich

Damit widerspricht der Experte dem Gutachten der Staatsanwaltschaft. Dieses hatte der Berliner Experte für Bevölkerungsschutz Dominic Gißler erstellt. Darin heißt es: Es sei nicht möglich, eine verlässliche Aussage darüber zu treffen, wie eine "quick and dirty-Evakuierung" tatsächlich verlaufen wäre und ob dadurch tatsächlich einer der Verstorbenen hätte gerettet werden können.

Simulation des Lebenshilfehauses in Sinzig

Katastrophenschutzexperte Gräff hält dem entgegen: Es hätte noch nicht mal einer "quick an dirty"-Lösung bedurft. Wenn die Bewohner früher gewarnt worden wären, wäre eine Evakuierung sogar mit dem Auto in unter einer Stunde möglich gewesen.

Lebenshilfe-Chef: Nicht nachvollziehbar, warum nicht evakuiert wurde

Lebenshilfe-Vorsitzender van Bebber sagt, er könne nicht nachvollziehen, warum das Lebenshilfehaus und die Bewohner eben nicht rechtzeitig gewarnt worden seien: "Also viel früher als 23 Uhr oder erst recht 2 Uhr. Und warum auch nicht entsprechende Maßnahmen eingeleitet wurden."

Drei Meter höher als beim Jahrhunderthochwasser 2026: die Prognose am 14. Juli 2021 um 20.43 Uhr am Pegel Altenahr.
Drei Meter höher als beim Jahrhunderthochwasser 2026: die Prognose am 14. Juli 2021 um 20.43 Uhr für den Pegel Altenahr.

Laut Prognosen stieg der Pegel der Ahr bereits ab dem Nachmittag stark an. Um 15:26 Uhr wurde ein Stand von 5,19 Metern erwartet – gegen 20:43 Uhr lag die Prognose bei 6,92 Metern. Damit wären bereits zu diesem Zeitpunkt deutlich höhere Wasserstände als beim sogenannten Jahrhunderthochwasser 2016 vorhergesagt worden. Damit war schon ab dem Nachmittag, aber allerspätestens 21 Uhr abends klar, dass das Lebenshilfehaus in Gefahr war.

Staatsanwaltschaft: Evakuierung am Abend nicht mehr möglich

Die Staatsanwaltschaft beruft sich auch hier auf das Gutachten von Professor Gißler. Dieses sagt: Eine Evakuierung sei zu dem Zeitpunkt nicht mehr möglich gewesen. "Das kennen wir von Bombenevakuierungen", sagt der Leitende Oberstaatsanwalt Mario Mannweiler: "Das ist ein aufwendiges Prozedere. Viele folgen dem nicht. Viele müssen überredet werden."

Bereits im Untersuchungsausschus des Landtags zur Ahrflut war das Gutachten der Staatsanwaltschaft massiv kritisiert worden. Auch Katastrophenschutzexperte Gräff gehört zu den Kritikern. Er bemängelt vor allem, wie Gutachter Gißler zu seinen Einschätzungen kam. Vor allem: Dass dieser nicht vor Ort gewesen sei. "Das ist ein grundlegender Fehler. Das können Sie aus Berlin per Ferndiagnosen nicht", sagt Gräff.

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Ich habe kein Hass oder irgendwas. Ich will einfach Gerechtigkeit. Es soll ein unabhängiger Richter entscheiden: Der Landrat hat richtig gehandelt oder er hat nicht richtig gehandelt.

Die Generalstaatsanwaltschaft prüft derzeit, ob das Verfahren wieder aufgenommen und möglicherweise doch Anklage erhoben wird.

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