Fast zwei Drittel des in Rheinland-Pfalz erzeugten Stroms kamen laut Statistischem Landesamt 2024 aus erneuerbaren Energien, im vergangenen Jahr wurden im Land neue Solarparks mit einer Gesamtleistung von rund 800 Megawatt gebaut. Einige Anlagen können allerdings nicht immer ihre volle Leistung entfalten. Denn die regionalen Stromnetze wachsen zum Teil nicht schnell genug mit, so zum Beispiel im Westerwald. Das hat eine Abfrage unter den Verteilnetzbetreibern im Norden des Landes ergeben.
Dass es regional immer mal wieder zu Engpässen bei der Einspeisung von Strom aus erneuerbaren Energien kommt, bestätigen sowohl die Energienetze Mittelrhein, die EAM, die Süwag und die Westnetz GmbH. Gemeinsam sind sie für die regionalen Stromnetze in der Stadt Koblenz und den Landkreisen Altenkirchen, Neuwied, Ahrweiler, Mayen-Koblenz, Rhein-Hunsrück, Rhein-Lahn, Cochem-Zell und im Westerwaldkreis zuständig.
Engpässe, wenn Sonne scheint und Wind weht
Nach Angaben der Energienetze Mittelrhein hat sich die Leistung von Windkraft- und Photovoltaikanlagen in ihrem Netzgebiet in den vergangenen zehn Jahren mehr als verdoppelt. "Wenn Sonne und Wind gleichzeitig gute Bedingungen liefern, sind insbesondere Umspannanlagen zeitweise vollständig ausgelastet", erklärt Unternehmenssprecher Marcelo Peerenboom auf Anfrage.
Das Problem trete vorrangig im Westerwald und in anderen ländlichen Regionen auf, "da sich dort viele große Solar- und Windprojekte konzentrieren." Ähnlich äußert sich auch eine Sprecherin der EAM in einer schriftlichen Stellungnahme: "Insbesondere in ländlichen Regionen mit hoher Einspeisedichte kann es in einzelnen Stunden zu Netzengpässen kommen."
Nadelöhr Umspannanlage könnte noch Jahre bestehen
Die Energienetze Mittelrhein, die EAM und auch die Süwag betreiben in der Region Mittel- und Niederspannungsnetze und versorgen damit Haushalte und Betriebe. Für das vorgeschaltete, überregionale Hochspannnungsnetz mit einer Netzspannung von 110 Kilovolt ist im gesamten Norden des Landes dagegen die Westnetz GmbH verantwortlich.
Die Energienetze Mittelrhein haben nach eigenen Angaben unter anderem bei Westnetz beantragt, dass Umspannanlagen erweitert werden. "In einzelnen Fällen wurden uns von den Betreibern der vorgelagerten Netze Realisierungsperspektiven bis in die 2030er-Jahre genannt", so Peerenboom. Ihr Mittel- und Niederspannungsnetz erweitern die Energienetze Mittelrhein nach eigenen Angaben parallel. "Aufgrund der behördlichen Vorgaben ist dies schneller umsetzbar", ordnet der Sprecher ein.
Westnetz investiert dreistelligen Millionenbetrag
Westnetz hat dem SWR erklärt, man investiere bereits "massiv", um Engpässe zu verhindern und zusätzliche Erneuerbare-Energie-Leistung im Netz aufnehmen zu können. Als Beispiel nennt eine Sprecherin die laufende Erneuerung der Umspannanlage bei Faid im Kreis Cochem-Zell: "Die Anlage ist ein Schwerpunktknoten im Hoch- und Mittelspannungsnetz und spielt eine Schlüsselrolle bei der Integration erneuerbarer Energien in der Region."
Der Ausbau der Anlage kostet laut Westnetz 14 Millionen Euro, zwischen Erbach (Rhein-Hunsrück-Kreis) und Koblenz-Metternich baue man zudem für weitere rund 100 Millionen Euro eine neue Hochspannungsleitung. Bis 2028 will Westnetz nach eigenen Angaben unter anderem in rund 250 Umspannanlagen, 1.800 Kilometer Hochspannungsleitungen und 8.900 Kilometer Mittelspannungsleitungen investieren.
Netzbetreiber haben Forderungen an die Politik
Die Lücke, die bei Idealbedingungen zwischen verfügbarem Strom aus erneuerbaren Energien und der Netzkapazität klafft, erklärt Westnetz so: Erneuerbare Energieanlagen ließen sich innerhalb von zwei bis drei Jahren planen und bauen, große Netzausbauprojekte benötigten dagegen acht bis zwölf Jahre. Im Klartext: Die Planer von Photovoltaikanlagen und Windparks hätten bisher immer einen Zeitvorteil gegenüber den Netzbetreibern.
Westnetz fordert deshalb von der Politik, den Zubau erneuerbarer Energien noch mehr mit dem Netzausbau zu synchronisieren, während sich die EAM verlässliche politische und regulatotrische Rahmenbedingungen wünscht. Dem schließen sich auch die Energienetze Mittelrhein an, die zudem beschleunigte Genehmigungsverfahren für den Ausbau auf allen Ebenen des Stromnetzes fordern.