Mehr als 700 von sexualisierter Gewalt betroffene Frauen und Mädchen haben die Frauennotrufe Koblenz, Simmern, Westerburg und Neuwied im vergangenen Jahr beraten. Alle haben sexualisierte Gewalt im analogen und teilweise auch im digitalen Raum erlebt. Und das sind nur die Fälle, bei denen die Betroffenen den Mut hatten Hilfe zu suchen. Die Dunkelziffer sei nach Angaben der Frauennotrufe noch höher.
Sexualisierte Gewalt an Frauen passiert täglich
Die Frauennotrufe beklagen, dass sexualisierte Gewalt täglich passiert, aber oft nur in den Fokus von Politik und Gesellschaft rückt, wenn es prominente Fälle oder Vorwürfe gibt, wie den aktuellen Fall rund im Collien Fernandes.
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"Jetzt hören wir zu, jetzt gucken wir hin, weil es sich um eine prominente Person handelt. Und es ist furchtbar, dass das passiert ist. Ich bin auch dankbar, dass es Aufmerksamkeit erhält, aber all diejenigen, die nicht prominent sind, die auch davon betroffen sind, für die wir seit Jahren und Jahrzehnten arbeiten und versuchen diese Anliegen in die Öffentlichkeit zu bringen, die wurden nicht gehört, da war es nicht wichtig genug. Und, das macht natürlich nochmal einen negativen Beigeschmack", sagt Lotte Steinhauer vom Frauennotruf Koblenz.
Fallzahlen beim Frauennotruf in Koblenz haben sich verdoppelt
Die Fallzahlen von sexualisierter Gewalt im digitalen Raum haben sich laut Steinhauer in ihrer Einrichtung von 2024 auf 2025 verdoppelt. "Ich glaube die Gewalt an sich steigt weiter." Aber, dass sich die Zahlen verdoppelt haben, liege auch daran, dass sich durch die Aufklärungsarbeit mehr Frauen melden würden.
Denn der Frauennotruf in Koblenz setzt auch auf Präventionsarbeit, zum Beispiel in Schulen. "Wir hören eigentlich von fast jeder, dass sie schonmal die Erfahrung gemacht hat. Ob sie es selbst erlebt haben, sagen viele nicht vor einer Klasse. Bekannt ist das Thema aber allen." Das belegt auch die JIM-Studie des Medienpädagogischen Forschungsverbundes Südwest aus 2025. Ein Drittel (29 Prozent) der Jugendlichen gibt hier an, bereits sexuelle Belästigung im Internet erlebt zu haben. Mädchen sind deutlich stärker betroffen als Jungs.
Hass gegen Frauen nehme immer mehr zu
Selina Mende, Beraterin beim Frauennotruf Westerburg, zu dem auch eine neue Einrichtung in Neuwied gehört, berichtet Ähnliches. "Was ich hier sehe, ist ein massiver Anstieg. Die Zahl der Betroffenen steigt sowieso und davon auch die Anzahl von digitaler Gewalt. Es werden mehr und mehr Fälle, bei denen die Bilder und Videos der Taten danach in der digitalen Welt verbreitet werden. Das bekommen wir in der Beratung immer häufiger mit."
Die große Frage bleibt also, woher kommt der Anstieg und warum gibt es so viel sexualisierte Gewalt gegen Frauen. Die Erfahrung die Selina Mende in Westerburg macht sind vielschichtig. Sie sagt, es sei oft Hass gegen Frauen. "Frauen sollen sich nicht mehr frei bewegen und verhalten dürfen." Die Einstellung der Täter sei oft so: "Die ist mit mir in einer Beziehung, die gehört mir. Die ist in meinem Besitz." Eine ihrer Theorien bezieht sich auch auf einen gesellschaftlichen Wandel. "Wir merken einen Rechtsruck in der Gesellschaft und auch eine steigende Gewalt gegen Frauen. Rechte Ideologien sind oft frauenfeindlich."
Gewalt gegen Frauen sei ein Männer- und kein Frauenproblem
Ihr ist besonders wichtig zu sagen, dass sie findet, Gewalt gegen Frauen ist kein Frauenproblem. "Die Gewalt wird von Männern durchgeführt. Es ist ein Männerproblem. Männer müssen sich an die eigene Nase fassen und aktiv werden. Ihren Kumpel, ihren Bruder angehen, wenn sie sich sexistisch äußern. Aktiv dagegen arbeiten und dagegensprechen."
Astrid Rund vom Frauennotruf in Simmern bestätigt das auch. Sie zeigte sich bestürzt über die Rede von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) zum Thema Gewalt gegen Frauen. Der Bundeskanzler habe es dazu genutzt, migrantische Menschen unter einen Generalverdacht zu stellen. "Das gehe in eine ganz falsche Richtung", sagt sie.
"Sexualisierte Gewalt ist nicht zugewandert. Die haben wir hier im eigenen Land. Die ist hier in Deutschland schon sehr lange. Natürlich gibt es die auch von Männern, die zugewandert sind. Aber sexualisierte Gewalt ist Gewalt, die von Männern ausgeht, ganz unabhängig von Bildungsgrad, Herkunft oder Lebensbereich." Dabei seien es nahezu immer Männer, die als Täter angegeben werden. Und nach den Angaben der betroffenen Frauen kommen die Täter meist aus dem direkten Umfeld.
Die Taten sollen im Strafgesetzbuch aufgenommen werden
Astrid Rund sagt, dass es dringend gesetzliche Änderungen geben muss. Es müssten Taten unter Strafe gestellt werden, die so noch nicht im Strafgesetzbuch vorkommen und es müsste härtere Strafen geben. Aber das reiche nicht. "Frauen können nur unterstützt werden, wenn auch der gesellschaftliche Blick sich verändert. Gerade auch im digitalen Raum. Das Thema muss dauerhaft präsent sein und immer skandalisiert werden."
Lotte Steinhauer vom Frauennotruf Koblenz möchte allen Betroffenen vor allem eins mitgeben: "Egal was ihr gemacht habt, ihr seid nicht schuld daran, dass es diese Bilder von euch gibt. Sondern da hat sich jemand über eure Grenzen hinweggesetzt und gegen euren Willen diese Bilder erstellt oder verbreitet. Und diese Verantwortung liegt immer bei der Person, die diese Bilder verbreitet, nicht bei euch."