Die Flut 2021 hat das Leben vieler junger Menschen nachhaltig geprägt. Das verheerende Hochwasser hat ihre Jugend von einem auf den anderen Tag verändert: zerstörte Häuser, verlorene Zukunftsträume und ein Alltag im Ausnahmezustand.
Für unser YouTube-Format "SWR Aktuell 360 Grad" war Host Marvin Neumann im Ahrtal unterwegs. Dort hat er mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen gesprochen, wie sie die Katastrophe damals erlebt haben, wie die Flut ihr Leben verändert hat und wie es ihnen heute, fünf Jahre später, geht.
Diese fünf jungen Menschen haben uns ihre persönliche Flut-Geschichte erzählt:
- Installateurin Josie, die direkt nach der Flut ihre Ausbildung startete, um beim Wiederaufbau zu helfen
- Berufsschüler Mark, der seit der Flut das Wetter genau im Blick behält
- Philipp & Ajla vom Are-Gymnasium, die seit der Flut in einer Container-Schule lernen
- Schreiner Constantin, der durch den Wiederaufbau seine Liebe zum Handwerk entdeckte
Josie war beim Wiederaufbau nach der Flut im Dauereinsatz
Als die verheerende Flut das Ahrtal heimsuchte, war Josie gerade mal 15 Jahre alt. Direkt nach der Flut startete sie ihre Ausbildung in einem Heizungs- und Sanitärbetrieb in Bad Neuenahr-Ahrweiler und half so, die von der Katastrophe betroffenen Menschen mit Warmwasser und funktionierenden Heizungen zu versorgen. "Wir waren rund um die Uhr auf Tour", erzählt Josie. Wochenende gab es in dieser Zeit nicht.
Das hat Spuren hinterlassen: Sie habe mentale Probleme nach der Flut gehabt, erzählt die junge Frau aus dem Ahrtal. Der Workload und die Geschichten der Flutopfer machten ihr zu schaffen. "Es war einfach irgendwann zu viel. Man konnte irgendwann auch nicht mehr." Josie suchte sich psychologische Unterstützung, die ihr sehr geholfen hat.
Mark beobachtet das Wetter, um vor Starkregen und Hochwasser zu warnen
Mark aus Bad Neuenahr-Ahrweiler kann sich noch gut an die Tage der Katastrophe im Juli 2021 erinnern. Damals war er 13 Jahre alt. Er sieht das Wasser ansteigen, weiß aber nicht, was er tun soll. "Ich habe dann irgendwann gemerkt: Ich kann jetzt nichts mehr machen. Ich gehe jetzt schlafen." Am nächsten Morgen trifft ihn die Realität: Alles ist überschwemmt und er kommt wegen des Wassers erstmal nicht aus der Wohnung seiner Familie heraus, bis die Feuerwehr sie abtransportiert.
Die Flut hat Mark vorsichtiger gemacht: Sollte es nochmal zu einem solchen Hochwasser kommen, hat er einen Notfallplan im Kopf. Außerdem beobachtet er das Wetter und checkt bei Regen-Vorhersage zum Beispiel, wie viel Liter fallen sollen. Seine Analysen postet er in seinen WhatsApp-Status, um andere im Falle eines Unwetters zu warnen.
Wir hatten mal so eine Situation, da hatten wir ein starkes Gewitter und wieder fünf Zentimeter Wasser im Keller. Da habe ich gemerkt, wie die Alarmglocken im Kopf geläutet haben.
Philipp & Ajla vom Are-Gymnasium lernen seit der Flut in Containern
Wie das ist, wenn nicht nur zu Hause, sondern auch in der Schule vom einen auf den anderen Tag alles anders ist - davon können Philipp und Ajla vom Are-Gymnasium berichten. Die Schule in Bad Neuenahr-Ahrweiler wurde bei der Flut stark beschädigt. Die Schülerinnen und Schüler lernen seitdem in einer Container-Schule in der Grafschaft. Der Wiederaufbau ihrer Schule dauert weiter an.
Dass sie nochmal in ihre alte Schule zurück können, diese Hoffnung haben Philipp und Ajla bereits aufgegeben. Sie machen nächsten Sommer ihr Abitur. Der Wiederaufbau ihrer Schule soll Stand jetzt Ende 2027 abgeschlossen sein.
Man wird hier gut versorgt. Wir haben Klimaanlagen bekommen, Akustikdämmung, alles Mögliche. Aber all' das ersetzt kein Schulgebäude.
Constantin entdeckte durch den Wiederaufbau die Liebe zum Handwerk
Am Tag der Flut wäre eigentlich Constantins Abifeier gewesen. Sein Plan für danach: Lehrer werden. Trotz der Flut begann er auch ein Lehramtsstudium. Weil sein Elternhaus durch das Hochwasser beschädigt wurde, musste er aber auch zu Hause mit anpacken. "Ich war neben der Uni fast Vollzeit-Handwerker zu Hause."
Die Arbeit macht Constantin Spaß und er wird auf ein Projekt der Handwerkskammer Koblenz und des rheinland-pfälzischen Arbeitsministeriums aufmerksam: "Aufbau-Ahr - Freiwillige Aufbauzeit im Ahrtal". Junge Menschen konnten dort eine Art Praktikum in einem Handwerksbetrieb machen und gleichzeitig beim Wiederaufbau im Tal helfen. Für Constantin der Beginn eines neuen Berufswegs: In seinem Praktikumsbetrieb, einer Schreinerei, machte er eine Ausbildung und arbeitet noch heute dort.
Die Flut hatte unheimlich negative Auswirkungen. Nur ich glaube, wäre das nicht passiert, hätte ich wahrscheinlich nicht den Berufsweg als Schreiner eingeschlagen.
Alle Stories bei "SWR Aktuell 360 Grad"
Die ausführlichen Geschichten von Josie, Mark, Philipp, Ajla und Constantin gibt's in der aktuellen Folge "SWR Aktuell 360 Grad" auf unserem YouTube-Kanal und in der ARD Mediathek.