Neubau versus Sanierung

Schulen im Ahrtal: Wie fair läuft der Wiederaufbau?

Knapp vier Jahre nach der Flut lernen viele Schülerinnen und Schüler im Ahrtal noch immer in Containern. Der Wiederaufbau zieht sich und die Bedingungen sind nicht überall gleich.

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Von Autor/in Clemens Sarholz

Vor dem Are-Gymnasium stehen Tischtennisplatten, Schüler rennen über den Schulhof, spielen Ball, lachen, oder stehen einfach nur herum und reden. Ein ganz normaler Schulalltag - wenn dort nicht die 260 Container wären, in denen die Schüler seit Januar 2022 unterrichtet werden.

Unsere Schüler kennen keinen normalen Schulbetrieb.

"Unsere Schüler kennen keinen normalen Schulbetrieb", sagt Schulleiterin Nina Pfeil, "erst kam Corona, dann die Flut. Das hier ist ihre Normalität." Pfeil betritt ihr Container-Büro und schließt hinter sich die Tür. Draußen hört man Schritte. Außerdem jedes Wort, wenn auf dem Flur gesprochen wird. "Wenn ich in einer normalen Schule über den Gang laufe und keinen Lärm höre, bin ich irritiert", sagt Pfeil.

Rechts und links auf dem Bild sieht man aufeinandergestapelte Container, in denen die Schülerinnen und Schüler des Are-Gymnasiums unterrichtet werden.
Seit Januar 2022 besteht das Are-Gymnasium aus 260 Containern, in denen die etwa 800 Schülerinnen und Schüler lernen.

Dauerlärm im Dauerprovisiorium des Are-Gymnasiums

Dass auf dem Flur gerade Betrieb sei, höre sie schon gar nicht mehr. Aber unterbewusst stresse das natürlich. Permanent müssten sie und die Schülerinnen und Schüler lauter sprechen, immer wieder gegen einen gewissen Lärmpegel ankämpfen. Die Container haben dünne Wände und kaum Schalldämmung. Ein weiteres Problem: "Die Klassenräume sind auch kleiner, als der Standard das eigentlich vorsieht", sagt Pfeil.

Fragt man die Schüler, wie sie mit dem provisorischen Standort umgehen, zählen sie einige Punkte auf: Dass sie manche Experimente im Chemieunterricht nicht durchführen könnten, weil noch eine Entlüftungsanlage fehle. Außerdem störe sie der Lärm auf den Gängen, die Hitze im Sommer und die Kälte im Winter. "Immerhin haben wir jetzt endlich eine Klimaanlage bekommen", sagt ein Schüler.

Verschiedene Gründe verzögern Wiederaufbau

Der Wiederaufbau der Schulen im Ahrtal läuft schleppend: Nach Angaben des Kreises Ahrweiler wurde beispielsweise für die Levana-Schule in Bad Neuenahr-Ahrweiler noch kein geeigneter neuer Bauplatz gefunden, einen konkreten Zeitplan für die Sanierung der Berufsbildenden Schule (BBS) gibt es noch nicht, Ausschreibungen können noch nicht durchgeführt werden können und anderswo mangelt es an Handwerkern.

Die Landrätin des Kreises Ahrweiler, Cornelia Weigand (parteilos), sagt: "Ich glaube wir hätten als Betroffene alle gerne, dass sowas sehr, sehr schnell geht. Aber wir haben große Aufbaumaßnahmen und viele davon gleichzeitig und das braucht Zeit."

Wenn sie mit Planungsbüros, Baufirmen oder der öffentlichen Hand aus anderen Regionen spreche, sagten diese, was im Ahrtal passiere, sei extrem schnell, so Weigand. "So weit geht die Sicht auseinander." Trotzdem habe sie volles Verständnis für Lehrer und Schüler, "weil es ist einfach zäh in Interimslösungen zu arbeiten, auch wenn wir versucht haben, die möglichst alltagstauglich zu gestalten."

Kein Geld für moderne pädagogische Konzepte

Ein weiteres Problem beim Wiederaufbau der Schulen sind die Förderbedingungen des Bundes: Wird eine von der Flut zerstörte Schule saniert, soll sie so wieder aufgebaut werden, wie sie vor der Flut war. Das heißt beim Bau sind die Planer an die bestehenden Gegebenheiten gebunden, was zum Beispiel die Raumaufteilung betrifft. Nur dafür gibt es Geld aus dem Wiederaufbaufonds.

Wird eine Schule dagegen komplett abgerissen und neu gebaut, gibt es mehr Möglichkeiten. Zwar ist die Finanzierung auch hier begrenzt. Der Neubau kann aber nach neuen Anforderungen wie zum Beispiel einer Ganztagsbetreuung und für moderne Lernkonzepte geplant werden. Das könnte in Zukunft unterschiedliche Lernbedingungen für die Schülerinnen und Schüler bedeuten.

Ein riesiger Mensa-Container auf dem Gelände des Are Gymnasiums in der Grafschaft, wo die Schülerinnen und Schüler in ihrer Pause etwas essen können.
Der Wiederaufbau des Are-Gymnasiums wird knapp 17 Millionen Euro kosten. Weil die Schule nicht komplett zerstört ist, darf sie sich nicht modernisieren.

Das Are-Gymnasium beispielsweise muss saniert werden. Die Schulleitung hätte die Schule gern modernisiert und ihr Unterrichtskonzept auf den neuesten Stand gebracht. Das sei aber nicht möglich, wenn dafür Umbauarbeiten notwendig seien, die zu Kostensteigerungen führen würden, heißt es von der zuständigen Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD). "Ich sehe natürlich ein, dass die Förderbedingungen so sind", sagt Schulleiterin Nina Pfeil, "aber man kann geteilter Meinung darüber sein, ob das sinnvoll ist, oder nicht."

Schulen in Dernau und Altenahr können mit modernem Konzept planen

Andere Schulen im Ahrtal haben es da besser. Sie werden komplett neu gebaut, wie beispielsweise die Grundschule in Dernau. Eine Sanierung des von der Flut beschädigten Gebäudes wäre teurer (etwa 16 Millionen Euro) als ein Neubau (rund 13 Millionen Euro). Deshalb kann laut ADD bei der Neuplanung des Schulgebäudes das neue pädagogische Konzept berücksichtigt werden. Schulleiter Ralf Stollorz sieht in dem Neubau eine große Chance. Bis dahin komme die Schule im Übergangsstandort gut zurecht.

Auch die Realschule Plus in Altenahr bekommt ein neues Gebäude mit modernem, pädagogischem Konzept. Sie wird zur sogenannten "Clusterschule" umgebaut, wie die VG Altenahr mitteilt. Mittlerweile ist die Baugenehmigung erteilt, der Teilabbruch des Gebäudes konnte kürzlich beginnen. Kosten: 17,1 Millionen. Etwa 100.000 Euro übernimmt die Verbandsgemeinde als Eigenanteil.

BBS Bad Neuenahr-Ahrweiler wartet immer noch auf den Wiederaufbau

"Von Wiederaufbau ist im Moment noch nicht viel zu sehen", sagt dagegen der Schulleiter der der Berufsbildenden Schule Bad Neuenahr-Ahrweiler (BBS), Klaus Müller. Die BBS befindet sich noch in der Planungsphase. Neben dem Wiederaufbau soll die Schule erweitert werden. Bis dahin ist sie noch einige Jahre an den Übergangsstandort gebunden. "Zufrieden bin ich nicht", sagt Schulleiter Müller, "aber ich könnte auch nicht sagen, was man hätte besser machen können."

Die BBS Ahrweiler ist mit 2.400 Schülern die größte Schule im Kreis. Der Wiederaufbau kostet voraussichtlich 37,1 Millionen Euro - die höchste Summe im Landkreis. Das Hauptgebäude soll bestehen bleiben und saniert werden. Die Werkstatthallen, in denen Metallbauer und Schreiner unterrichtet wurden, sollen abgerissen werden. Das ist das Ergebnis einer Machbarkeitsstudie, die vor wenigen Tagen veröffentlicht wurde. Der Schulleiter hofft, mit dem Neubau moderne pädagogische Konzepte umsetzen zu können. 

Auf dem provisorischen Gelände des Are-Gymnasiums spielen Schülerinnen und Schüler Tischtennis.
Auch der Pausenhof ist ein Provisorium - bis die Schülerinnen und Schüler des Are-Gymnasiums wieder am eigentlichen Schulstandort spielen können, wird es noch dauern.

Komplette Schulzeit im Ahrtal in Provisorien

Die meisten Schülerinnen und Schüler, die die Flut im Ahrtal erlebt haben, werden wohl ihre gesamte Schulzeit in Provisorien verbringen. Dabei ist Schulleiterin Nina Pfeil vom Are-Gymnasium eins aber sehr wichtig: "Auch in den Containern können die Schüler eine gute Bildung bekommen." Solange das Kollegium gut zusammenarbeite, sei gute Bildung auch unter schwierigen Bedingungen möglich, ist sie überzeugt. "Schule ist ja nicht bloß ein Gebäude", sagt sie, "Schule ist eine Gemeinschaft." 

Es ist mühsam und es ist schwierig und es dauert und es zehrt.

Fragt man Pfeil nach ihrem Fazit zum Wiederaufbau, muss sie erst eine Zeit lang überlegen. Dann lacht sie und sagt: "Es ist mühsam und es ist schwierig und es dauert und es zehrt." Sie unterstelle niemandem, nicht das Beste zu wollen, sagte sie und mache niemandem Vorwürfe, aber "ich würde mir wirklich wünschen, dass es schneller geht."

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