Das Landeskrankenhaus in Andernach könnte im Jahr 2025 mit rund 14 Millionen Euro das höchste Minus seiner Geschichte einfahren. Eine Insolvenz drohe nicht, sagte die Aufsichtsratsvorsitzende Nicole Steingaß (SPD) dem SWR. Träger des Landeskrankenhauses sei das Land und das sei verpflichtet, die Funktionsfähigkeit zu erhalten. Bedeutet: Das Land müsste im Fall einer drohenden Zahlungsunfähigkeit die Klinik mit Steuergeld retten.
Die Klinikleitung führt das historische Minus auf die finanziell schwierige Lage aller Krankenhäuser zurück. Auf Anfrage heißt es: "Wie fast alle Krankenhäuser bundesweit muss sich auch das Landeskrankenhaus den Rahmenbedingungen der nicht auskömmlichen Finanzierung stellen."
Mitarbeiter, die sich anonym an den SWR gewandt haben, sehen das anders. Sie sagen, der drohende Rekordverlust sei nur zum Teil durch die allgemein schwierige Lage der Krankenhäuser zu erklären. Die wesentliche Ursache sei der Verlust von Managementkompetenz.
20 Führungskräfte im Landeskrankenhaus Andernach sollen gegangen sein
In den vergangenen zwei Jahren hätten rund 20 Führungskräfte das Unternehmen verlassen. Darunter seien unter anderem eine ärztliche Direktorin, kaufmännische Direktoren, Bereichsleiter, ein Pflegedirektor, eine Heimleiterin und so weiter, berichten die Mitarbeitenden. Die Betroffenen hätten jeweils seit mindestens 10 Jahren im Unternehmen gearbeitet, teilweise sogar mehr als 25 Jahre, heißt es.
Ursache für das Ausscheiden der Führungskräfte sei in fast allen Fällen Frust über den Geschäftsführer Alexander Wilhelm - ein beurlaubter SPD-Staatssekretär.Inzwischen seien auch konkrete Vorwürfe gegen Wilhelm an den Aufsichtsrat weitergeleitet worden.
Der SWR hat dazu im Landeskrankenhaus nachgefragt. Die Geschäftsleitung spricht von "natürlicher" Fluktuation. Der Aufsichtsrat teilt mit, dass man sich zu Personalangelegenheiten nicht äußere.
Gesundheitsminister Hoch stellt sich hinter Geschäftsführer
Auf Antrag der CDU-Opposition hat sich am Dienstag ein Landtagsausschuss mit der finanziellen Lage des Landeskrankenhauses befasst.
Gesundheitsminister Clemens Hoch (SPD) stellte sich im Ausschuss hinter den Geschäftsführer Alexander Wilhelm. Das erwartete Defizit in zweistelliger Millionenhöhe, sei vor allem mit den gestiegenen Personalkosten zu erklären, so Hoch. Er nehme die Vorwürfe gegen Wilhelm aber sehr ernst, sie würden von einer externen Stelle geprüft. Ergebnisse sollen im kommenden Monat vorliegen.
Geschäftsführer des Krankenhauses zeigt sich überrascht
Der Geschäftsführer äußerte sich im Gesundheitsausschuss überrascht über die Vorwürfe. Er könne sie nicht nachvollziehen und bekomme andere Rückmeldungen von Führungskräften. Dass Führungskräfte ausscheiden, sei ein normaler Vorgang. Wilhelm sprach zudem nur von wenigen Fällen.
Verlängerung von Geschäftsführer-Vertrag offen
Der Vertrag des Geschäftsführers Alexander Wilhelm läuft im Mai kommenden Jahres aus. Ob er nach den Vorwürfen und dem drohenden Rekordverlust überhaupt verlängert wird, ist offen. Auch der Aufsichtsrat prüft die Vorwürfe. Die Vorsitzende Steingaß teilt auf SWR-Anfrage mit, "Aufsichtsrat und Geschäftsführung arbeiten gut und vertrauensvoll zusammen und werden rechtzeitig über eine Vertragsverlängerung entscheiden". Ein klares Bekenntnis zur Fortsetzung des Vertrags sieht anders aus.
Sehr zurückhaltend äußert sich der Vorgänger von Alexander Wilhelm, Gerald Gaß. Er hatte das Landeskrankenhaus etwa 13 Jahre lang geführt und wurde 2021 Vorstandsvorsitzender der Deutschen Krankenhausgesellschaft. Gaß teilte dem SWR auf Anfrage mit, "die Vorwürfe gegen Alexander Wilhelm kommentiere ich nicht". Rückendeckung sieht anders aus.
Ex-Staatssekretär Wilhelm erhält Sonderurlaub für lukrativen Job
Brisant an der Personalie ist: Wilhelm wurde 2021 unter fragwürdigen Umständen Geschäftsführer des Landeskrankenhauses. Er wurde damals als Staatssekretär beurlaubt, um den lukrativen Job als Geschäftsführer zu übernehmen (rund 240.000 Euro Grundvergütung mit erfolgsabhängiger Vergütung). Nach Ansicht des Landesrechnungshofs ist das rechtswidrig. Die Staatskanzlei dagegen hält den "Sonderurlaub" für rechtmäßig und sagt, sie habe eine andere Rechtsauffassung als der Rechnungshof.
Vom rheinland-pfälzischen Gesundheitsministerium hieß es damals: "Das Land Rheinland-Pfalz geht davon aus, dass es davon profitieren wird, dass das Landeskrankenhaus von dem vorübergehend beurlaubten Staatssekretär geführt wird und er – nach Beendigung der Beurlaubung – diese Kompetenz wieder in die Landesregierung einbringt."
Die bisherige Bilanz des beurlaubten Staatssekretärs: Rund 20 Führungskräfte haben das Unternehmen verlassen und das Landeskrankenhaus macht in diesem Jahr seinen voraussichtlich größten Verlust.