Wer arbeitet, der hat eine Aufgabe, der hat Sozialkontakte und ist Teil der Gesellschaft. Beeinträchtigte Menschen erleben das in Rheinland-Pfalz noch viel zu selten - das findet jedenfalls die Werbeagentur "Koblenz Hybrider". Sie setzt sich jetzt mit einem Aktionstag dafür ein, dass behinderte Menschen sichtbarer werden im Arbeitsleben. Der "Inklu Day" feiert am 21. Mai Premiere - schwerpunktmäßig rund um Koblenz.
Fast alle Mitarbeitenden haben eine Behinderung
Bei "Koblenz Hybrider" arbeiten Web-Entwickler, Social-Media-Experten und Grafiker Hand in Hand. Und fast alle von ihnen, genauer gesagt acht von neun Mitarbeitenden, haben eine sichtbare oder nicht-sichtbare Behinderung. Für das inklusive Konzept gab es für die Agentur im Jahr 2024 den Landespreis Inklusion. Jetzt möchte sie mit dem "Inklu Day" auch andere Unternehmen in Rheinland-Pfalz dafür begeistern, beeinträchtigten Menschen eine Chance zu geben.
Agenturchefin Yvonné Martina Ritz sagt, die Idee zum „Inklu Day“ sei im Team entstanden, während eines Meetings: "Da ist uns bewusst geworden: Wir haben die Kontakte zu den Unternehmern, wir haben die Kontakte zu den Menschen mit Behinderung." Denn Ritz ist unter anderem Dozentin am Berufsförderungswerk Koblenz und viele aus ihrem Team haben eine berufliche Vergangenheit in einer Behindertenwerkstatt.
Agentur fordert mehr Inklusion in der freien Wirtschaft
"Ich bin grundsätzlich ein großer Fan der Werkstätten, die machen eine gute Arbeit", urteilt Ritz im SWR-Gespräch. "Aber vielen behinderten Menschen reicht das nicht, die wollen raus auf den ersten Arbeitsmarkt." Hier gebe es aber noch zu wenige Unternehmen, die Behinderte einstellen würden. "Oft aus Unwissenheit", sagt Kevin Pesch. Er ist Web-Entwickler bei "Koblenz Hybrider" und hat die Homepage zum "Inklu Day" gebaut.
Hier konnten Unternehmen und beeinträchtigte Menschen in den vergangenen Monaten einen Fragebogen ausfüllen. "Wir haben dann geschaut, wie die Angebote und Fähigkeiten zusammenpassen, was am besten matcht", so Ritz. So haben sich jetzt rund 60 Unternehmen aus der Region und 60 Behinderte gefunden, die beim "Inklu Day" mitmachen. Das Konzept funktioniert ganz ähnlich, wie beim Girls-Day oder Boys-Day: Die beeinträchtigten Menschen werden quasi zu Praktikanten für einen Tag.
Inklusionsvereine unterstützen die Organisatoren
Damit der Aktionstag möglichst reibungslos ablaufen kann, wird "Koblenz Hybrider" nach eigenen Angaben von mehreren Inklusionsvereinen unterstützt. Darunter sind Pro Plus Rheinland-Pfalz, Calmobility, Fortuna hilft und der Verein Local Impact. Yvonné Martina Ritz sagt, die Vereine "gehen mit in die Betriebe rein und geben bei Bedarf Ratschläge." Dabei gehe es zum Beispiel darum, Arbeitsplätze barrierefrei zu gestalten.
Ritz beschreibt das Ziel des Aktionstags so: "Wir wollen, dass Inklusion richtig verstanden wird und zeigen, wie es funktioniert." Und Kevin Pesch, der selbst im Rollstuhl sitzt und ein Beatmungsgerät braucht, hat auch eine klare Vorstellung: "Ich glaube, viele Unternehmen haben auch Angst davor, jemanden mit einer Behinderung einzustellen. Und denen muss dann einfach gezeigt werden, dass ein Mensch mit Behinderung oft genau so arbeiten kann, wie ein normaler Mensch auch."
"Inklu Day" soll deutschlandweit ein Begriff werden
Yvonné Martina Ritz sagt, sie wolle in diesem Jahr mit ihrem Team ein erfolgreiches Pilotprojekt abliefern. Deshalb habe sich ihr Engagement zunächst auf die Region Koblenz konzentriert. Aber auch Teilnehmende aus Limburg oder Leverkusen seien beim "Inklu Day" dabei. "Das heißt für uns wird die nächste Phase sein, deutschlandweit Partner zu finden, um das auch flächendeckend machen zu können", so Ritz.
Es gibt zehn Millionen Menschen mit Behinderung in Deutschland. Ja, die können und wollen nicht alle in den freien Arbeitsmarkt. Aber die, die es wollen, die sollen die Möglichkeit haben.
Für das nächste Jahr hat sich "Koblenz Hybrider" deshalb ein ambitioniertes Ziel gesetzt. Sie möchten die Teilnehmerzahl verzehnfachen, beteuert Yvonné Martina Ritz: "Denn es gibt zehn Millionen Menschen mit Behinderung in Deutschland. Ja, die können und wollen nicht alle in den freien Arbeitsmarkt. Aber die, die es wollen, die sollen die Möglichkeit haben."