Das Wissen: Archivradio

Die Epoche der Kernenergie in Deutschland – Euphorie und Widerstand

Gábor Paál im Gespräch mit Joachim Radkau

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Stand

Am 15. April 2023 werden die letzten deutschen Kernkraftwerke stillgelegt. Dabei hatte alles mit so viel Euphorie begonnen: "Wird es eines Tages den Atomkocher für die Hausfrau geben?" wird Physiknobelpreisträger Werner Heisenberg 1951 sogar gefragt.

1960 geht in Kahl das erste deutsche Kernkraftwerk in Betrieb. Die Schifffahrt träumt von atomkraftbetriebenen Frachtschiffen.

Doch werden auch Zweifel laut: Wie sicher ist Atomenergie wirklich? Spätestens mit dem Widerstand gegen das Kraftwerk Wyhl 1975 wird aus diesen Zweifeln schließlich eine große Anti-Atomkraft-Bewegung.

SWR 2022 / 2026

3.1.1951 Werner Heisenberg über die Chancen der Kernenergie – Atomkocher für die Hausfrau?

3.1.1951 | Die Atomtechnik kommt in den 1950er-Jahren wie gerufen: Die Kohlevorkommen in Deutschland drohen knapp zu werden für den steigenden Energiebedarf der Bevölkerung.

Karlsruhe

19.7.1956 In Karlsruhe entsteht erster Forschungsreaktor – Stimmung in der Stadt

19.7.1956 | 1956 ist entschieden: In Karlsruhe soll der erste atomare Forschungsreaktor der Bundesrepublik entstehen. Physik-Nobelpreisträger Werner Heisenberg hatte sich für München stark gemacht, denn er ist mit seiner Forschungsgruppe aus Göttingen dorthin gezogen. Doch Kanzler Konrad Adenauer entscheidet zugunsten von Karlsruhe. Eine Rolle spielen dabei auch sicherheitspolitische Erwägungen. München liegt Adenauer zu nahe an der aus Moskau kontrollierten Tschechoslowakei. Zur Vertragsunterzeichnung schickt der Kanzler seinen Atomminister Franz Josef Strauß nach Karlsruhe. Wir hören zunächst den Bericht vom Festakt, anschließend eine Umfrage, die die Stimmung der Karlsruher widerspiegelt.
Die Bauarbeiten in Karlsruhe beginnen zunächst am Rhein bei Maxau. Doch nach einem Jahr ist klar: Das ist wegen der Hochwassergefährdung dann doch zu unsicher. Das Kernforschungszentrum entsteht schließlich weiter vom Fluss entfernt, bei Leopoldshafen. Der Reaktor geht wegen dieser und anderer Verzögerungen erst 1961 in Betrieb und wird deshalb nicht der erste Reaktor in der Bundesrepublik – das wird der in Garching, zu dessen Inbetriebnahme wir im SWR2 Archivradio eine eigene Aufnahme haben. Das Kernforschungszentrum Karlsruhe wird später in Forschungszentrum Karlsruhe umbenannt und fusioniert 2009 mit der Universität zum heutigen Karlsruhe Institute of Technology KIT. | Kernenergie

30.4.1957 "Göttinger Manifest": Ja zur Kernenergie, nein zu Atomwaffen – Carl Friedrich von Weizsäcker im Interview

30.4.1957 | Am 12. April 1957 veröffentlicht der Ausschuss Kernphysik der Deutschen Physikalischen Gesellschaft eine Erklärung, die für Aufsehen sorgt. Die Wissenschaftler sprechen sich in diesem "Göttinger Manifest" gegen eine atomare Aufrüstung und eine Stationierung von Atomwaffen aus. Initiator war Carl Friedrich von Weizsäcker, zu den Mitunterzeichnern gehören die Nobelpreisträger Otto Hahn, Max Born und Werner Heisenberg. Sie hatten im Vorfeld erfolglos versucht, durch Gespräche die Bundesregierung von ihrem Plan abzubringen, die Bundesrepublik mit Atomwaffen auszustatten. So sehr die Physiker Atomwaffen ablehnen, so sehr plädieren sie für eine friedliche Nutzung der Kernenergie. Als die Erklärung veröffentlicht ist, reagieren Konrad Adenauer und sein Verteidigungsminister Franz Josef Strauß verärgert und werfen den Physikern politische Ignoranz vor. Die Wissenschaftler schweigen daraufhin zunächst. Nach gut zwei Wochen schließlich erklärt Carl Friedrich von Weizsäcker in einem langen Vortrag in Bonn, welche Überlegungen hinter der Erklärung stehen. Am folgenden Tag fasst er sie in einem Interview zusammen. | Kernenergie

20. bis 25.3.1958 Bundeskanzler Adenauer will Atomwaffen: Bundestag debattiert tagelang

20. bis 25.3.1958 | Konrad Adenauer strebt in den 1950ern die friedliche Nutzung der Atomenergie an und will die Bundeswehr im Rahmen der NATO atomar bewaffnen.

28.10.1958 Forschungsreaktor Geesthacht geht in Betrieb

28.10.1958 | In Geesthacht bei Hamburg geht der bis dahin größte deutsche Kernforschungsreaktor in Betrieb. Die Atomkrafteuphorie ist damals groß. Der neue Reaktor füge sich schön in die Landschaft, schwärmt der Reporter. | Kernenergie

28.10.1958 Der Traum vom atomaren Handelsschiff

28.10.1958 | Künftig würden Frachtschiffe mit Atomantrieb fahren, erklärt Erich Bagge, leitender Physiker am frisch eingeweihten Forschungsreaktor Geesthacht bei Hamburg. Der neue Reaktor solle den Weg dahin ebnen. | Kernenergie

Dezember 1960 Deutschlands erstes Kernkraftwerk Kahl am Main

Dezember 1960 | Mit dem Kernkraftwerk Kahl am Main beginnt auch Deutschland, die Kernenergie für zivile Zwecke nutzen. 25 Jahre lang sollte es Strom liefern, 1985 wurde es stillgelegt. Im Jahr der Inbetriebnahme 1960 besucht Wissenschaftskorrespondent Ernst von Khuon das Kraftwerk und schildert, was es von herkömmlichen Kraftwerken unterscheidet. | Kernenergie

20.9.1965 Reaktoreinbau in Atomfrachter "Otto Hahn"

20.09.1965 | Die Vorbereitung für den ersten deutschen Atomfrachter "Otto Hahn" gehen voran. Er entsteht in den Kieler Howaldtswerken, im September 1965 wird der Reaktor eingebaut – samt Auffangbehälter für Brennelemente. | Kernenergie

30.3.1968 Physiker Werner Heisenberg über sein Leben

30.3.1968 | Werner Heisenberg prägte die Grundlagen der Kernphysik und ihre Anwendung, die Kernenergie. Im Zweiten Weltkrieg arbeitete er an einem ersten deutschen Kernreaktor.

11.10.1968 Deutschlands Nuklearfrachter "Otto Hahn" sticht in See

11.10.1968 | Der kernkraftbetriebene Forschungsfrachter "Otto Hahn" sticht in Kiel in See. Mit an Bord ist Reporter Hermann Rockmann. | Kernenergie

20.10.1969 Wird Atomschiff "Otto Hahn" doch kein Frachter?

20.10.1969 | Schon ein Jahr nach der Probefahrt von Deutschlands erstem atomaren Forschungsschiff zeichnet sich ab: Handelsschiffe mit Nuklearantrieb haben wohl doch keine Zukunft. Ein Mitarbeiter des Arbeitskreises Kernenergie des Bundes und der Küstenländer erklärt, welche ungeahnten Probleme es gibt. | Kernenergie

12.1.1975 Bürger stimmen mehrheitlich für Atomkraftwerk Wyhl

12.1.1975 | Der Widerstand gegen das geplante Kernkraftwerk Wyhl am Kaiserstuhl gehört zu den Ereignissen, die dazu beigetragen haben, aus einem diffusen Widerstand gegen die Kernenergie eine Bewegung zu machen. Zunächst war das Kraftwerk im nahegelegenen Breisach geplant, 1973 wurde der Standort dann aber nach Wyhl verlegt. Dass der Kraftwerksbau jetzt forciert wird, ist auch eine Folge der Ölkrise. Gerade Baden-Württemberg, das überdurchschnittlich stark vom Öl abhängt, plant eine ganze Reihe von Kraftwerken. Doch gleichzeitig wächst der Widerstand – gerade auch in Wyhl. Die Bürgerinitiativen begründeten ihre Ablehnung gar nicht so sehr mit der Angst vor einem Atomunfall oder dem Austreten von Radioaktivität, sondern eher mit Naturschutzargumenten. Der Rhein könne sich übertrieben aufheizen, der aus den Kühltürmen austretende Wasserdampf zu weniger Sonne und mehr Nebel führen. Man wolle kein zweites Ruhrgebiet am Oberrhein. Viele sehen im Kraftwerk allerdings auch die Chance auf Arbeitsplätze. Am 12. Januar 1975 kommt es zu einem Bürgerentscheid darüber, ob das vorgesehene Grundstück an die Kraftwerksbetreiber verkauft werden sollen. Die Mehrheit stimmt zwar dafür, doch die Gegner sehen sich ebenfalls als Sieger. | Kernenergie

11.3.2011 Erdbeben, Tsunami, Reaktorunglück – Die Katastrophe von Fukushima

11.3.2011 | Am Morgen des 11. März 2011 melden die deutschen Nachrichten ein schweres Erdbeben vor der japanischen Küste. Auf das Erdbeben folgt ein Tsunami.

14.3.2011 Nach Fukushima: Merkel läutet Atomausstieg ein

14.3.2011 | Drei Tage nach dem Reaktorunglück von Fukushima verkünden Kanzlerin Angela Merkel und Vizekanzler Guido Westerwelle ein dreimonatiges Moratorium.

9.6.2011 Angela Merkel erklärt Atomausstieg nach der Katastrophe von Fukushima

9.6.2011 | Drei Monate nach der Katastrophe in Fukushima beschließt die Bundesregierung den schrittweisen Ausstieg aus der Atomenergie in Deutschland bis 2022. In ihrer Regierungserklärung vom 9. Juni 2011 skizziert Bundeskanzlerin Merkel den Weg in ein neues Energiezeitalter. | Kernenergie

14.5.2020 Sprengung der Kühltürme am AKW Philippsburg

14.5.2020 | 40 Jahre lang hat das Kernkraftwerk Philippsburg Strom geliefert. Ende 2019 wurde es, wie beschlossen, abgeschaltet. So wird am 14. Mai 2020 der Atomausstieg sichtbar und hörbar: Die sorgar vom Schwarzwald aus sichtbaren Kühltürme werden gesprengt. | Kernenergie

Archivradio-Gespräch 26. April 1986: Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl und die Folgen

Erste Nachrichten, ängstliche Spargelbauern, eine hitzige Bundestagsdebatte und: Eskalation in Wackersdorf – Tonaufnahmen aus den Wochen nach der Reaktorkatastrophe 1986.

40 Jahre Reaktorkatastrophe Tschernobyl – Die Folgen für Menschen und Tiere in der Sperrzone

Die Sperrzone hat sich zum ökologischen Biotop mit wilden Pferden und Kühen entwickelt. Soldaten schützen das Gebiet vor den Russen, Forscher sammeln Daten zur Strahlenbelastung. 

Das Wissen SWR Kultur

Energieversorgung AKW am Ostseestrand? – Warum Polen auf Atomkraft setzen will

In Polen gibt es eine deutliche Mehrheit für den Einstieg in die Kernenergie. Doch bisher weiß niemand, wie das AKW finanziert werden und wo am Ende der Atommüll bleiben soll.

Das Wissen SWR Kultur

Ein Podcast über Perspektiven, Prägung und Widersprüche Podcast-Tipp: NEIN DANKE? – Warum Atomkraft uns spaltet

Seit dem GAU von Fukushima ist Atomkraft für Deutschland passé. Host Lisa Krauser aus dem Saarland fragt sich, warum der Nachbar Frankreich nicht ans Aussteigen denkt.

Erstmals publiziert am
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Gespräch mit
Joachim Radkau
Das Gespräch führte
Gábor Paál
Gábor Paál