Im beschaulichen Hachenburg im Westerwald trainieren bis Ende August zwei ungewöhnliche Athletinnen für eine große Bühne: die Olympischen Winterspiele 2026 in Milano Cortina in den italienischen Dolomiten. Simidele Adeagbo und Kewe King kommen aus Nigeria in Afrika. Sie haben sich dem Bobsport verschrieben – eine Herausforderung, denn Wintersport hat in ihrem Heimatland weder Tradition noch Strukturen.
Wir wollen ihnen ein professionelles Umfeld bieten, damit sie ihre Ziele erreichen können.
Bob-Legende Sandra Kiriasis will "Underdogs" eine Chance geben
Unterstützt werden Adeagbo und King von der deutschen Bob-Legende Sandra Kiriasis, die mit ihrem Projekt "Golden Underdogs" Sportlerinnen aus kleinen Nationen fördert, die bislang wenig mit Wintersport zu tun haben. Die ehemalige deutsche Bobpilotin ist von 2003 bis 2011 selbst neunmal Gesamtweltcup-Siegerin geworden, 2006 wurde sie Olympiasiegerin und gewann zudem sieben Weltmeistertitel. Sie ist Stützpunkt-Trainerin in der Anschubanlage des TuS Hachenburg.
Die beiden Athletinnen aus Nigeria hätten "ein immenses Potential", bescheinigt ihnen Sandra Kiriasis. "Doch finanzielle Hürden und fehlende Ressourcen bremsen sie aus. Wir wollen ihnen ein professionelles Umfeld bieten, damit sie ihre Ziele erreichen können."
Simidele Adeagbo: Von der Leichtathletik auf die Eisbahn
Simidele Adeagbo ist eine Pionierin in ihrem Heimatland: 2018 schrieb sie Geschichte, als sie als erste afrikanische Skeletonfahrerin an den Olympischen Winterspielen in Pyeongchang in Südkorea teilnahm. Dort trug sie bei der Abschlussfeier die Fahne des nigerianischen Teams. Ihre sportliche Karriere begann sie ursprünglich in der Leichtathletik, bevor sie 2016 zum Bob- und Skeletonsport wechselte. 2022 gewann sie in Deutschland den Eurocup und wurde damit die erste afrikanische Athletin, die ein internationales Bob-Rennen für sich entscheiden konnte.
Ihre Teamkollegin Kewe King bringt als Anschieberin Schnelligkeit und Kraft ins Team. Die 28-Jährige hat bereits internationale Wettkampferfahrung gesammelt und sieht in den Olympischen Spielen 2026 den bisherigen Höhepunkt ihrer Karriere.
Anlage in Hachenburg ist ein Trainingslager der besonderen Art
Im Sportzentrum Löwenrevier in Hachenburg bereiten sich die beiden Athletinnen derzeit auf die kommende Wintersaison vor. Die moderne Anschubanlage bietet optimale Bedingungen, um an Technik, Athletik und Teamarbeit zu feilen. "Das Training hier ist ein wichtiger Teil unserer Vorbereitung auf die olympische Saison", erklärt Adeagbo. "Diese Weltklasse-Anlage hilft uns, unsere Technik zu verbessern und durch das Finetuning kleinster Details wettbewerbsfähig in die Rennen dieses Winters zu gehen."
Training in Hachenburg geht ins Geld
Doch der Weg zu Olympia ist teuer: Anders als in geförderten Wintersportnationen wie Deutschland müssen die nigerianischen Athletinnen sämtliche Kosten selbst tragen. Ein neuer Monobob kostet rund 26.000 Euro, hinzu kommen Ausgaben für Kufen, Trainer, Mechaniker, Physiotherapeuten sowie Reisen und Unterkünfte. Die Gesamtkosten belaufen sich schnell auf sechsstellige Beträge. Deshalb werden auch Sponsoren gesucht, die sie unterstützen auf ihrem Weg zur Winter-Olympiade 2026.
Chancengleichheit im Wintersport: Ein langer Weg
Sandra Kiriasis möchte mit ihrem Projekt "Golden Underdogs" nicht nur Athletinnen wie Adeagbo und King unterstützen, sondern auch ein Zeichen für Chancengleichheit im Wintersport setzen. "Eine breitere Basis und stärkere Konkurrenz helfen auch den größeren Wintersportnationen in ihrer Entwicklung", findet sie.
Neben den nigerianischen Sportlerinnen fördert sie aber auch deutsche Nachwuchstalente wie die 23-jährige Leona Klein. Kiriasis will ein professionelles Umfeld schaffen, das Athleten in ihrer Vorbereitung und während Wettkämpfen stärkt.
Traum von Olympia 2026
Für Sandra Kiriasis wäre eine Top-Ten-Platzierung ihrer Schützlinge aus Nigeria ein Erfolg, der einem WM-Titel gleichkäme. Für Simidele Adeagbo und Kewe King ist der Traum von Olympia mehr als nur ein sportliches Ziel – er ist ein Symbol für Durchhaltevermögen und die Überwindung von Grenzen. In Hachenburg nehmen sie diesen Traum gerade fest ins Visier.