Woche der Chancengleichheit in der Pfalz

Interview mit Expertin: "Frauen leisten 80 Prozent der Care-Arbeit"

Zurzeit läuft eine Woche für Chancengleichheit bei den Arbeitsagenturen in Rheinland-Pfalz. Wie es um die Chancengleichheit für Frauen steht, sagt die Beauftragte für Chancengleichheit Dunja Sauer im Interview.

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Von Autor/in Birgit Baltes

Bei der Woche der Chancengleichheit mit Online-Vorträgen und Workshops machen auch die Arbeitsagenturen in Ludwigshafen und Landau mit. Chancengleichheitsbeauftragte Dunja Sauer von der Regionaldirektion Rheinland-Pfalz/Saarland der Bundesagentur für Arbeit hat die Woche mitorganisiert.

Dunja Sauer - Beauftragte für Chancengleichheit am Arbeitsmarkt (BCA).
Dunja Sauer - Beauftragte für Chancengleichheit am Arbeitsmarkt (BCA). Bundesagentur für Arbeit

SWR Aktuell: Wie steht es denn um die Chancengleichheit auf dem Arbeitsmarkt in Rheinland-Pfalz?

Dunja Sauer: Wir sehen an den Zahlen im Arbeits- und Ausbildungsmarkt aus dem vergangenen Jahr, dass Frauen häufiger in Teilzeit beschäftigt sind. Der Frauenanteil bei allen sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten liegt bei rund 47 Prozent. Dabei arbeitet mehr als die Hälfte aller Frauen in Teilzeit, also 53 Prozent. Bei den Männern ist der Anteil elf Prozent. Daran erkennt man schon die besondere Situation der Frauen. Und Frauen üben auch häufiger als Männer Minijobs aus. Insbesondere bei der Verteilung der Minijobs ist zu sehen, dass mehr als zwei Drittel der Minijobs, also rund 68 Prozent, von Frauen ausgeübt werden und fast ein Drittel dieser Frauen sind ausschließlich geringfügig beschäftigt. Daran erkennt man: Wir müssen an dem Thema Chancengleichheit am Arbeitsmarkt von Frauen und Männern schon noch arbeiten.

SWR Aktuell: Was bekommen Sie denn zurückgespiegelt aus dem Alltag der Arbeitsagenturen? Welche Erklärungen haben Sie dafür?

Dunja Sauer: Es sind die Rahmenbedingungen, die Frauen oftmals eine Vollzeitbeschäftigung unmöglich machen - Stichwort Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Da geht es immer um das Thema Kinderbetreuung, da geht es um das Thema Pflege von Angehörigen. Da geht es darum, dass Frauen immer noch rund 80 Prozent der Care-Arbeit rund um Haushalt und Kinder erledigen. Das ist traditionell so und das spiegelt sich auch in den Zahlen wieder. Hier ist die Aufgabe am Arbeitsmarkt, die Partnerinnen und Partner am Arbeitsmarkt dafür zu sensibilisieren und zwar sowohl intern in der Frage, welche Informations- und Beratungsdienstleistungen wir anbieten, als auch nach außen mit den Netzwerkpartnerinnen und -partnern.

SWR Aktuell: Was brauchen Frauen, um Vollzeit zu arbeiten?

Dunja Sauer: Wichtig ist die Infrastruktur: Dass es Kinderbetreuungsplätze gibt und flexible Öffnungszeiten in den Kitas, ausreichend Pflegeplätze für pflegebedürftige Angehörige. Und es braucht die Unternehmen, die familienbewusste Arbeitszeiten anbieten, zum Beispiel Möglichkeiten geben, im Homeoffice zu arbeiten oder flexible Arbeitszeiten ermöglichen. Da ist es wichtig anzusetzen – zunächst im eigenen Bereich zu prüfen, was ist mir möglich zu arbeiten, dann in Abstimmung mit dem Arbeitgeber zu besprechen, welche Arbeitszeitregelungen sind möglich. Daneben ist eine Weiterentwicklung der politischen Rahmenbedingungen zielführend. Und all das braucht auch eine gesamtgesellschaftliche Akzeptanz.

SWR Aktuell: Wie kann man Frauen für den Beruf stärken?

Dunja Sauer: Für Frauen ist es wichtig, zunächst mal das eigene Rollenbild in ihrer Beziehung zu hinterfragen und zu schauen: Was sind meine Ziele, was sind meine Herausforderungen, um sich dann mit dem Partner zu vereinbaren. Das ist die Voraussetzung, um mit dem aktuellen oder künftigen Arbeitgeber dann auch zu besprechen, was es braucht, damit er die Mitarbeiterin auch weiterhin beschäftigen kann, wie eine Ausweitung der Arbeitszeit erfolgen kann. Das liegt ja im Interesse des Arbeitgebers, um den Bedarf an Arbeits- und Fachkräften zu sichern. Da geht es um das Thema Homeoffice, da geht es um das Thema Flexibilität von Arbeitszeit, da geht es um die Verteilung von Arbeitsinhalten, also Stichwort Arbeitsorganisation, damit beide Partner, Frau und Mann, das so miteinander vereinbaren können. Dabei unterstützen die Beauftragten für Chancengleichheit am Arbeitsmarkt mit ihren Informations- und Beratungsangeboten.

SWR Aktuell: Was bedeutet es für Frauen, dass sie weniger als die Hälfte der Erwerbstätigen in Rheinland-Pfalz stellen, und noch dazu zu 53 Prozent in Teilzeitjobs arbeiten und fast zwei Drittel der Minijobberinnen ausmachen?

Dunja Sauer: Die Konsequenzen sind, dass sie in ihrer jeweiligen Lebensphase finanziell kein selbstbestimmtes Leben führen können, sondern sich in einer gewissen finanziellen Abhängigkeit befinden, zum Beispiel vom Partner. Es birgt dann auch das Risiko der Altersarmut. Ich glaube, das ist den betroffenen Frauen oftmals gar nicht so bewusst. Und es hat eben auch Auswirkungen auf die Arbeits- und Fachkräftesicherung, aber auch auf die Finanzierung des Staates. Es hat ja auch mit Steuereinnahmen zu tun, ob und wieviele Frauen arbeiten und damit auch Auswirkungen auf den gesamtgesellschaftlichen Wohlstand.

SWR Aktuell: Jetzt gibt es aber Frauen, die sich bewusst gegen den Job und für die Familienarbeit entscheiden.

Dunja Sauer: Das ist zu akzeptieren. Ich werde da auch niemanden bekehren. Ich sage nicht: "Es müssen alle Frauen Vollzeit arbeiten, Kinder erziehen und daneben noch die Eltern oder Schwiegereltern pflegen und das alles parallel". Aber ich will bewusst machen, was das heißt! Und ich möchte auch darauf hinwirken, dass man sich in der Beziehung darüber unterhält, wie man auch solche Sorgearbeit fair aufteilt. Das ist für mich auch eine Frage des gegenseitigen Respekts. Es geht insbesondere auch darum, bewusst zu machen, was die Einschränkung der Arbeitszeit an Auswirkungen nach sich zieht, für die jeweilige Frau persönlich, jetzt und auch später im Alltag. Denn sollte ich morgen für mich alleine dastehen - ohne Ehemann oder Lebensgefährten -, dann kann ich meinen Lebensunterhalt mit einem Minijob oder einer Teilzeitbeschäftigung im Niedriglohnbereich möglicherweise nicht mehr finanzieren. Darüber ist es wichtig zu informieren und das sehe ich als Aufgabe der Beauftragten für Chancengleichheit am Arbeitsmarkt und damit auch als meine Aufgabe.

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