Vier mannshohe Mahlwerke stehen auf dem Dachboden der Augspurger Stadtmühle mitten in Bad Bergzabern (Kreis Südliche Weinstraße). Ihr Antrieb sieht imposant aus. Müllermeister Hermann Augspurger wirft den Motor an. Und mit einem Mal setzen sich rostige Metallräder in Bewegung, über die lange, flache Riemen laufen.
Augspurger erklärt, dass die Technik aus dem Jahr 1932 stammt. Da wurde die Mühle das letzte Mal generalsaniert: "Das sind aus Rinderleder hergestellte Flachriemen. Das wird man heute nicht mehr so machen." Heute habe man Kunststoffriemen oder Keilriemen oder einen Antriebmotor, der direkt mit der Maschine verbunden sei.
Stadtmühle in Bad Bergzabern: Mehlherstellung über drei Stockwerke
Die Verarbeitung vom Korn über Schrot und Grieß bis hin zu Weizen-, Roggen- oder Dinkelmehl läuft in der Mühle auf drei Stockwerken ab - alle über schmale Holztreppen miteinander verbunden.
Über dem Stockwerk mit den Getreidemühlen befindet sich der sogenannte Walzboden, erklärt Augspurger. Dort wird das Getreide mit einer Art elektrisch betriebenem Flaschenzug in Eimern von ganz unten nach oben transportiert. Ein Stockwerk darüber - ganz oben unterm Dachstuhl - liegt der Rohrboden.
Ein Gebläse pustet das gemahlene Mehl von unten durch dicke Holzrohre nach oben in eine Maschine auf dem Rohrboden. Sie sorgt dafür, dass das Mehl nochmal gründlich ausgesiebt und nach Feinheitsgraden sortiert wird.
Hermann Augspurger erklärt nicht ohne Stolz, wie besonders Konstruktionen wie die Holzrohre sind: "Früher gab es den Beruf des Mühlenbauers, der ist leider ausgestorben. Man hatte ja keine andere Möglichkeit früher als die Rohre aus Holz bauen."
Seit 1881 im Besitz der Müller-Familie Augspurger
Die Ursprünge der Stadtmühle reichen bis ins frühe 14. Jahrhundert zurück. Seit 1881 ist sie im Besitz der Augspurgers, eine Bergzaberner Müller-Familie in zehnter oder elfter Generation, so Hermann Augspurger. Er sei Müller mit Leib und Seele, sagt er und weiter: "Es ist schon eine Berufung, weil es ist sehr vielfältig."
Das Herzstück der Mühle ist ein altes Mühlrad hinter dem Gebäude. Es hat einen Durchmesser von vier Metern und wird durch das Wasser des Erlenbachs angetrieben. Der Bach fällt hier durch eine Mauer angestaut als kleiner Wasserfall mehr als vier Meter in die Tiefe, bevor er unter der Mühle weiterfließt.
Normalerweise deckt die Wasserkraft 50 bis 60 Prozent des Strombedarfs der Mühle. Aktuell steht das Rad aber wegen eines Schadens still. Der Müllermeister hofft, dass ein Handwerker es wieder zum Laufen bekommt - denn Strom ist derzeit teuer.
Müllermeister in der Stadtmühle - einer der letzten seiner Art
200 Tonnen Mehl stellt die Stadtmühle noch jährlich her - Weizen, Roggen und Dinkel. Das sei nichts, verglichen mit den großen industrialisierten Mühlen, die täglich 10 bis 12.000 Tonnen produzieren.
Augspurgers Mühle bezieht das Getreide von Landwirten aus der Region und beliefert regionale Bäckereien. Aber es würden immer weniger: "Als ich mit der Lehre 1982 angefangen habe, hatten wir noch 15 oder 18 Bäckereien in der Kundschaft. Jetzt sind es vier."
Alles gehe immer mehr in Richtung Großbäckereien und dieser Trend zeige sich auch bei den Mühlen. 1982 habe es im alten Bundesgebiet noch knapp 2.000 Mühlen gegeben. Heute seien es im großen neuen Bundesgebiet gerade mal noch 600.
Inzwischen heiße der Müller auch nicht mehr Müller, sondern Verfahrenstechniker für Zerkleinerung, sagt Augspurger. Und dann bedauert er, dass nur noch wenige Junge sich für das Handwerk begeistern.
Weinbau als zweites Standbein nötig
Allein von der Mehlherstellung könne er aber nicht mehr leben, so der Bergzaberner. Sein zweites Standbein ist der Weinbau. Denn Hermann Augspurger ist auch noch Winzermeister (neben seinem Ehrenamt als Stadtbürgermeister). So verkauft er im Erdgeschoss der Stadtmühle an einem Ladenstand mit 50er Jahre-Flair neben seinem Mehl auch seinen Wein.
Und immer wieder kommen Stammkunden aus dem Ort, wie etwa Renate Kamm-Bergdoll. Sie kaufe hier regelmäßig ein, weil sie das Regionale liebe und einfach gerade um die Ecke wohne, das sei auf jeden Fall das Beste, sagt sie.
Auch Eberhard Voss ist hier Stammkunde. Er kaufe jede Woche das Mehl, mit dem seine Frau Brot backe. Auf die Frage, ob es besser schmecke als andere Mehle, antwortet er lächelnd: "Also das Brot von meiner Frau schmeckt immer gut."
Am Deutschen Mühlentag hatten bundesweit etwa 650 historische Mühlen ihre Türen geöffnet, damit die Gäste die Funktionsweise und das Müllerhandwerk kennenlernen konnten.