"Einige bewaffnete Soldaten kamen in das Restaurant, nahmen mir meine Dokumente ab und sagten mir, ich müsse nach Deutschland und dort arbeiten!", erinnert sich Albert Corrieri. Der Zeitzeuge ist heute 103 Jahre alt. Einige Stunden später wird der Franzose vom Bahnhof im südfranzösischen Marseille nach Ludwigshafen deportiert. Corrieri wird mit 21 Jahren zum Zwangsarbeiter in Nazi-Deutschland.
In Ludwigshafen gab es im Zweiten Weltkrieg 50.000 Zwangsarbeiter, zeigt das Stadtarchiv. Sie kamen oft aus Ländern wie Frankreich, Polen oder der Sowjetunion. Die meisten von ihnen arbeiten für den Chemiekonzern IG Farben. So auch Albert Corrieri.
Deportation nach Ludwigshafen
Albert Corrieri wird 1922 in Marseille geboren. Schon mit 14 macht er eine Ausbildung zum Klempner, um die Familie finanziell zu unterstützen. Einige Jahre später wird er Küchenjunge in einem Restaurant. Dort suchen ihn die deutschen Soldaten auf.
Am 13. März 1943 wird Albert Corrieri von Marseille nach Ludwigshafen deportiert. Seine Eltern haben ihn noch zum Bahnhof gebracht, erzählt er. "Ich konnte es kaum ertragen, meine Eltern zu verlassen." Über Straßbourg und Pirmasens wird Corrieri nach Ludwigshafen gebracht. Er erinnert sich an eine Begegnung mit russischen Gefangenen in Pirmasens. Ein erster Schock.
"Sie saßen hinter einem Stacheldrahtzaun und hatten Hunger. Also gab ich ihnen ein Stück meines Brotes. Das hatten die Deutschen bemerkt und ihnen mit Schlagstöcken auf die Finger geschlagen“.
Zwangsarbeiter bei IG Farben
Der Chemiekonzern IG Farben zählt im Zweiten Weltkrieg als "Rüstungsspezialbetrieb", zeigt das Kriegstagebuch der Rüstungsinspektion Wiesbaden. Die IG Farben war ein deutscher Chemie- und Pharmakonzern, der 1925 aus der Fusion von sechs Unternehmen, unter anderem der BASF, entstand. Weil deutsche Fachkräfte ja im Krieg dienen mussten, war das NS-Regime auf ausländische Arbeitskräfte angewiesen – egal, ob sie wollten oder nicht.
Gearbeitet wurde auf dem Gelände der heutigen BASF. Albert Corrieri musste zwölf Stunden am Tag Kohle schaufeln. Pausen gab es kaum. Täglich gab es Kartoffeln zum Essen, sagt er. Gelebt haben alle Zwangsarbeiter in Baracken. Corrieri in Lager 6, Baracke 1023. Das hat er nie vergessen.
Kein Schutz vor Bombenangriffen
Zwangsarbeiter im Zweiten Weltkrieg wurden ohne Respekt und unmenschlich behandelt. Bei Bombenangriffen zum Beispiel durften sie nicht mit der Bevölkerung in die Bunker, um Schutz zu suchen. "Die waren nur für Deutsche", erklärt Corrieri.
Corrieri und die anderen Zwangsarbeiter mussten also immer hoffen, bei den Bombenangriffen nicht zu sterben. Insgesamt habe er 103 Bombenangriffe überlebt, sagt er. Besonders schlimm: Bei einem einzigen Bombenangriff auf Ludwigshafen habe er 95 seiner Freunde verloren.
Bei einem der Angriffe wurde der Franzose schwer verletzt: "Mich hat ein Bombensplitter am rechten Arm getroffen. Ich kam ins Krankenhaus, dort wollten sie mir den Arm amputieren"", erzählt der 103-Jährige. Nur weil eine französische Krankenschwester vor Ort war, habe er seinen Arm noch - sie habe sich gegen eine Amputation eingesetzt und sich gekümmert.
Insgesamt sind 1.300 Zwangsarbeiter in Ludwigshafen gestorben, sagt Kunsthistorikerin Raluca Pora. Die Hamburgerin lebt in Marseille und begleitet und dokumentiert Corrieris Reise nach Deutschland. Als Gast spricht der Zeitzeuge vor Schulklassen über seine Zeit als Zwangsarbeiter.
Erste Reise nach Ludwigshafen
Albert Corrieri überlebt. 1945 wird er nach Leimen bei Heidelberg versetzt, um als Tischler zu arbeiten. Dort wird er nach 25 Monaten Zwangsarbeit von amerikanischen Soldaten befreit. Seitdem lebt er in Marseille.
Erstaunlich: Corrieri hat die Stadt Ludwigshafen trotzdem in sein Herz geschlossen. Unter anderem auch, weil er dort die deutsche Familie Lützel kennengelernt habe. Das Ehepaar sei wie Eltern für ihn gewesen. In Ludwigshafen selbst ist der 103-Jährige jetzt auf der Suche nach Orten, die er noch kennt.
Nach 80 Jahren immer noch keine Entschädigung
Eine Sache lässt den ehemaligen Zwangsarbeiter der IG Farben allerdings nicht los: Er hat kaum Entschädigung aus Deutschland erhalten. Lediglich 350 Euro von der französischen Regierung. Aus Deutschland kam nicht mal eine Entschuldigung. Und trotzdem wirkt er freundlich und lebensfroh: "Es ist mir eine große Freude hier zu sein. Ich habe hier großartige Menschen kennengelernt!"