"Willst du was auf die Fresse oder was?" "Hast du ein Problem, du Arschloch?" Zwei erwachsene Männer stehen sich mit erhobenen Fäusten gegenüber und schreien sich an. Im geschützten Raum, beim Training. Und auf ausdrückliche Bitte ihres Trainers. "Ich will eure schlimmsten Beleidigungen hören. Lasst alles raus", hatte Thomas Mertz gefordert.
Übungen sollen realistisch sein
Bei den Sprüchen bleibt es nicht. Der eine Mann geht auf den anderen zu und versucht ihn zu schlagen. Der Angegriffene schützt seinen Kopf mit den Armen und weicht zurück. "Stopp mal kurz", unterbricht der Trainer und verbessert die Körperhaltung.
"Ich will hier nicht nur irgendwelche Bewegungen einstudieren", erklärt Mertz. "Meine Schüler sollen vorbereitet sein, wenn jemand auf der Straße sie beleidigt oder angreift. Wir üben hier möglichst realistisch."
Kampfkunst hilft ehemaligen Tätern, Gewalt zu überwinden
In seinen Kursen unterrichtet der 60-Jährige auch Menschen, die Gewalt erlebt haben - und ehemalige Täter. "Beide Seiten können von der Kampfkunst profitieren. Es geht darum, sich selbst und seinen Körper unter Kontrolle zu haben. Wer Opfer geworden ist, soll sich wehren können oder am besten gar nicht mehr in eine solche Situation kommen. Wer Täter war, soll sich kontrollieren können, damit das nicht nochmal passiert."
Trainer war selbst gewalttätig
Er habe einen besonderen Zugang zu diesen Menschen, sagt Mertz über sich selbst. Denn auch er hat beide Seiten erlebt. "Mein Vater war gewalttätig. Er hat mich und meine Mutter regelmäßig geschlagen. Ich musste auch miterleben, wie er glühende Zigarettenstummel auf die Haut meiner Mutter gedrückt hat. Auf mich ist er mit einem Messer losgegangen, da war ich zehn, elf Jahre alt. Damals waren wir regelmäßig nachts auf der Flucht vor ihm."
Als Jugendlicher sei Gewalt gegen andere sein einziges Ventil gewesen, das Erlebte zu verarbeiten. "Zuhause habe ich Schläge bekommen. Und das, was ich bekommen habe, habe ich weitergegeben. Ich habe mich dann auch oft gekloppt."
Täter fühlen sich oft durch Kleinigkeiten provoziert
Vermeintliche Kleinigkeiten hätten ihn damals provoziert - zum Beispiel Verhalten anderer Menschen, das ihn an seinen eigenen Vater erinnert hat. "Das hat eine Wut ausgelöst, die man nicht ertragen kann. Die Wut, diese Energie musste weg. Und erst durch das Schlagen bin ich wieder zu mir gekommen."
Mit 12 Jahren ist Mertz bei seinen Eltern ausgezogen, zunächst zu seiner Großmutter. Zwei Jahre später hat er die Schule verlassen, eine Ausbildung als Dreher angefangen und alleine gewohnt. Um Geld zu verdienen, habe er nebenher noch auf dem Bau gearbeitet. Zu diesem Zeitpunkt sei ihm längst klar gewesen, dass er sein Leben umstellen muss. Endgültig aufgehört, sich zu prügeln habe er aber erst mit 18 oder 19 Jahren.
Erst durch das Schlagen bin ich damals wieder zu mir gekommen.
"Das hätte auch Richtung Kriminalität gehen können, das war ein schmaler Grad", sagt er rückblickend. Sein Kampfsport habe ihn davor bewahrt. "Da habe ich durch Disziplin rausgefunden." Seine Frau und seinen Sohn habe er nie geschlagen. Stattdessen habe er angefangen, sich selbst zu verletzen, wenn er unter Druck stand. "Da habe ich gemerkt, dass ich in psychologische Behandlung gehen muss." 30 Jahre alt war er damals.
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Eigene Erfahrung hilft ihm beim Umgang mit seinen Schülern
"Ich weiß, von was ich erzähle", sagt Thomas Mertz mit Blick auf seine Kurse. "Ich weiß, wie jemand reagiert, wenn er unter Druck gesetzt wird, und wie das enden kann." Ihm ist deshalb wichtig: "Wir wollen hier nicht kämpfen. Wenn jemand einfach nur boxen will, ist er hier falsch. Wir trainieren hier, das Denken möglichst lange aufrechtzuerhalten, bevor das Adrenalin kommt und der Tunnelblick einsetzt."
Die Täter, die geschlagen haben, lernen, sich zurückzuziehen. Das ist mein größter Erfolg.
Die Vergangenheit seiner Schüler sei ihm nicht wichtig. Was zähle, sei das Verhalten beim Kurs. Dass einer aggressiv wird und austickt, komme so gut wie nie vor. "Wenn sich das andeutet, regle ich das gleich. Dann sage ich ihm: 'Nimm mal eine Auszeit, mach ein bisschen langsam.' Oder ich sage ihm, dass er mit mir trainieren soll und sich mal fünf Minuten auspowern soll. Das reicht in der Regel schon."
Heute ist die Stimmung beim Training konzentriert, aber entspannt. Die jüngste Teilnehmerin ist 14 Jahre alt, der älteste über 70. Diejenigen, die sich bei der Übung gegenseitig angegriffen haben, klatschen sich ab. Zum Ende des Kurses verbeugen sich alle. "Die Täter, die geschlagen haben, lernen hier, sich zurückzuziehen und mit solchen Provokationen umzugehen", sagt Thomas Mertz. "Das ist mein größter Erfolg."