"Als ich nach der Tat hierher kam, war ich ein gebrochener Mensch", sagt der 38-jährige Sebastian. Er ist Gefangener in der Justizvollzugsanstalt in Frankenthal und sitzt wegen versuchten Totschlags im Gefängnis. Insgesamt fünfeinhalb Jahre Gefängnisstrafe hat er dafür bekommen, vier Jahre hat er bereits abgesessen. Sebastian ist Teil des Kirchenchors, der beim Abschiedsgottesdienst von Gefängnispastor Manfred Heitz singt.
Abschiedsgottesdienst für Pastor in JVA Frankenthal
In der Sporthalle der Justizvollzugsanstalt Frankenthal sitzen zum Gottesdienst an diesem Nachmittag 83 Gefangene. Alle tragen dunkelrote Hosen mit grauem oder rotem Oberteil und sitzen aufgeteilt nach Hafthäusern. Sebastian ist einer der Inhaftierten, sitzt aber nicht bei den anderen, sondern auf der Bühne hinter dem Altar, denn er ist Teil des Kirchenchors in der JVA Frankenthal.
Über 13 Jahre lang war Manfred Heitz Pastor in der geschlossenen Anstalt in Frankenthal. 700 Gottesdienste und noch viel mehr Gespräche hat er bis dato geführt und dabei immer darauf geachtet, niemanden zu verurteilen. "Mir war es ganz wichtig, nicht erst in die Akte zu schauen, sondern zuerst einmal den Menschen zu begegnen", sagt er.
Der Gottesdienst wird von 10 Gefangenen aus dem Kirchenchor der JVA musikalisch begleitet, die singen und Instrumente spielen. Am Ende des Gottesdienstes werden verschiedene Reden gehalten, unter anderem von Sebastian im Namen aller Häftlinge.
Gefängnisseelsorge gibt Häftlingen Kraft
Nach der Tat habe er gar nicht gewusst, wo er anfangen soll, so der 38-jährige. Aber die Gespräche mit seinem Gefängnispastor Heitz hätten ihm geholfen. "Herr Heitz hat mit mir Stück für Stück alles wieder aufgebaut". Deshalb ist der Gefangene traurig über den Abschied.
In seiner Rede scherzt er, er hoffe, dass Manfred Heitz ihn und seine Mitinhaftierten eines Tages besuchen werde – allerdings nur als Gast. Das lockert die ansonsten melancholische Stimmung des Gottesdienstes auf. Besonders bedankt er sich aber für die Offenheit und die Gespräche mit dem Pastor.
Diese Verbindung zwischen den Häftlingen und den Seelsorgern betont auch die Leiterin des Gefängnisses Gundi Bäßler. "Gefängnisseelsorger sind kein Teil des Justizsystems und sollen das auch nicht werden", sagt sie. Es ist wichtig, dass Seelsorger wie Manfred Heitz einfach Menschen sind, die für die Anliegen der Häftlinge da seien. Das sei ein ganz anderes Vertrauensverhältnis als zum Beispiel zu Psychologinnen und Psychologen.
Eine besondere Erinnerung, an die der Pastor an seinem letzten Tag denkt, ist, dass er vier Insassen verkünden durfte, dass sie entlassen werden. "Das war schon sehr bewegend, diese leuchtenden, staunenden Augen zu sehen".
Religion spielt wichtige Rolle für Gefangene
Durch seinen Glauben schöpft der 38-jährige Sebastian Kraft. "Dass mir auch verziehen wird, obwohl ich so eine schlimme Tat begangen habe", sagt er. Das habe er durch Pastor Heitz gelernt. Im Kirchenchor der JVA Frankenthal kann er mittwochs drei Stunden lang proben und an den Wochenenden zwei Gottesdienste besuchen. Zeit, die er sonst alleine in seiner Zelle verbringen würde.
"Wenn man nicht arbeitet, oder sich nicht anders engagiert, muss man 23 Stunden auf seiner Zelle verbringen", erklärt er. Jede Minute, die er außerhalb verbringen kann, tut dem Häftling gut. Aber nicht nur der Zeitvertreib ist ein Grund, wieso sich viele Gefangene in einer Religion wiederfinden, meint Gefängnisseelsorger Heitz. "Ich erlebe immer wieder Gefangene, die draußen mit Kirche und Glauben nichts zu tun haben, aber hier drin Halt suchen", sagt er.
Seine Arbeit hinter den Mauern des Frankenthaler Gefängnisses wird weitergeführt: Kommende Woche startet sein Nachfolger und kümmert sich dann um die 400 Inhaftierten.